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Kultur Pink – die Vorturnerin
Nachrichten Kultur Pink – die Vorturnerin
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19:56 05.04.2009
Von Uwe Janssen
Quelle: Martin Steiner
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Pink – da lassen sich auch die Herren Hausrocker nicht lumpen. Am Nachmittag erst sind Klaus Meine und Rudolf Schenker von einer Scorpions-Show in Frankreich zurückgekehrt, nun residieren sie in ihrer eigenen, mit Goldenen Schallplatten dekorierten Loge, um eine Sängerin zu erleben, die an diesem Abend so viel mehr sein und ihrem hannoverschen Sangeskollegen zwei Stunden später ein verzücktes „phantastisch“ entlocken wird.

Um kurz nach neun wird in der TUI Arena erst einmal das Licht umgestellt – von Saal- auf Displaybeleuchtung. Hunderte freier YouTube-Mitarbeiter recken ihre Fotohandys in die Höhe und erleben diesen Abend vor dem Bildschirm. Sie werden viel zu sehen bekommen, wenn sie sich das Gefilmte am nächsten Tag anschauen. Die anderen der 12.500, die sich jetzt schon auf die Show konzentrieren und die Hände zum Klatschen frei haben, werden in den nächsten zwei Stunden mit einer bonbonbunten, rasant choreografierten und vor Ideen strotzenden Popkirmes versorgt. Die Wundertüte öffnet sich am Ende des kleinen Ausflugstegs, der weit ins Publikum führt. Der Boden tut sich auf, die Sängerin lässt sich an einem Arm hoch über die Masse ziehen. Lange Schleppe, kurzer wasserstoffblonder Putz. Dort oben singt sie die ersten Töne, sie wird noch öfter abheben an diesem Abend.

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Die Bühne ist eine Mischung aus Jahrmarkt, Casino, Varieté und Tim-Burton-Märchenfilm mit Showtreppe und – neu! –Showrutsche, mit fahrbaren Kulissen, verkleideten Tänzern, Licht- und Videoeffekten, die jedem Song seine eigene „Atmo“ zaubern. Das alles ist in dieser Kategorie der Großillusionisten längst Standard, den Unterschied machen letztlich der Künstler und seine Fähigkeit, die technischen Spielereien zu nutzen, ohne in ihnen unterzugehen. In dieser Hinsicht ist Pink mittlerweile auf Augenhöhe mit Madonna. Sie ist uneingeschränkte Chefin im Saal, sie strahlt in jeder Sekunde unbändige Showlust aus, dieses „Schaut! Mich! An!“, das auch ohne Brimborium funktioniert. Sie tanzt auf dem Steg zu „Don’t let me get me“. Sie hockt auf dem Klavier beim „Family Portrait“. Und „I touch myself“, die Masturbationshymne der Divinyls aus den Neunzigern, wird zu Pinks Gruß an Madonna. Pink räkelt sich auf dem roten Sofa, das Sofa hat Hände, viele Männer möchten in diesem Moment das Sofa sein.

Mit „Who knew“, „Just like a Pill“, „U and ur Hand“ und „So what“ (inklusive Kissenschlacht auf der Bühne) verschießt sie schon früh einige Hits, aber nach mittlerweile fünf Alben hat die fleißige Dame eine Menge angesammelt, da bleibt noch genug. Ohnehin hat sie es nicht auf ein reines Hitprogramm abgesehen, und statt der überwiegend elektronischen Instrumentierung ihres jüngsten Albums „Funhouse“ ist auf der Bühne der Gitarrist ihr wichtigster Mann – nicht nur, weil er Pinks Umziehpausen mit druckvollen Posersoli zugniedeln darf.

Auf der Hauptbühne ist sie in die Choreografie eingebunden, die kleine Vorbühne aber ist ihre Insel. Hier steht sie mitten im Volk, lässt sich mit Plüschtieren bewerfen, plauscht und albert ein bisschen herum. Hier gibt sie dem Hightech-Zauber zwischendurch auch eine kleine Pause und spielt ein paar Songs in Wanderlied-Besetzung, „Crystal Ball“ und „Trouble“ unter anderem, ehe es mit dem Led-Zeppelin-Cover „Baby, I’m gonna leave you“ zum großen Showdown kommt. Queens interpretationsfrei nachgespielte Hymne „Bohemian Rhapsody“ (mit Pink im Mercury-Outfit) gerät zu einer geschmäcklerischen Mischung aus Verneigung und Persiflage.

Aber bei ihrem Hit „Sober“ greift sie noch einmal ganz tief in die Zirkuskiste. Oben unter der Hallendecke lässt sie sich von einem Akrobaten durch die Luft wirbeln und sich an den Händen oder Füßen wieder auffangen. Dass sie mit Seilen gesichert ist, freut nicht nur die Handyfilmer unter ihr. Ob sie den Song da oben wirklich live singt, ist völlig egal. Was hier zählt, ist die Idee und der kleine Rausch, den sie erzeugt. Bis in den Oberrang, mit dem sie für den Moment auf Augenhöhe ist.

Zum Schluss lässt sie sich an einem Bungeeseil auf das Parkettpublikum hinab, taucht dann einmal in die – jetzt wassergefüllte – Luke ein, aus der sie zwei Stunden zuvor gestiegen ist. Und nun passiert ein wunderbares Malheur – wieder in Hannover, wo bei Pinks letztem Konzert zwischendurch die Hallenlüftung ansprang und sie sich charmant durch die Zwangspause plauderte. Diesmal fällt für die allerletzten Töne des Schlusssongs das nasse Mikrofon aus. Die klatschnasse Pink zuckt mit den Schultern, winkt, als ob sie sagen wollte: Alles nur Menschen hier! Die da oben machen auch mal einen Fehler, die da unten klappen die Fotohandys zu oder jubeln einer der großen Performerinnen dieses Jahrzehnts zu. Und links vorn steht ein Mann in seiner Loge, macht große Augen und sagt „Phantastisch!“.

Zusatzkonzert in der TUI Arena am 20. Dezember. Karten: (0511) 444066.

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