Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Kultur „Sie suchen ein Schwein? Es jagt meinen Kühen Angst ein“
Nachrichten Kultur „Sie suchen ein Schwein? Es jagt meinen Kühen Angst ein“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:25 17.09.2018
„We don’t need no education“: Dem Konzeptalbum „The Wall“ ist am meisten Platz eingeräumt in der Pink-Floyd-Ausstellung. Hier zusehen: der dämonische Lehrer. Quelle: Roland Baege
Anzeige
Dortmund

„The Wall“ bekommt besonders viel Platz in der Pink-Floyd-Ausstellung. Dem berühmten Doppelalbum ist fast ein ganzer Raum gewidmet. Man sieht die weiße Mauer, den dämonischen Lehrer, die im Gleichschritt marschierenden Dachdeckerhämmer und hört die Textzeile „We don’t need no education“. Wir lassen uns nicht gängeln. Man denkt: Die 1965 gegründete, inzwischen tatenlose Band ist im Museum angekommen, dort, wo sie eigentlich auch hingehört. Doch manche ihrer Anliegen wirken heute, in der Ära der Abschottung und neuen, die Freiheit gefährdenden Mauern, aktueller denn je.

Farbige Kondome über Projektoren

„Their Mortal Remains“, ihre sterblichen Überreste, wie die Schau heißt, eröffnete am Sonnabend im Dortmunder U. Woanders wird sie in Deutschland nicht zu sehen sein. Ins „Victoria and Albert“-Museum in London, wo sie konzipiert wurde, strömten im vorigen Jahr mehr als 400.000 Besucher. Die Retrospektive war dort noch erfolgreicher als die David-Bowie-Ausstellung „Is“.

Anzeige

Warum Dortmund? Vielleicht aus alter Verbundenheit. Pink Floyd führten dort „The Wall“ an acht Abenden im Februar 1981 in der Westfalenhalle auf und sonst nur noch in Los Angeles, New York und London.

„Wir spielen das, was uns gefällt, und was wir spielen, ist neu“, sagte Sänger und Bassist Roger Waters in den Sechzigern dem „Record Mirror“. Die Ausstellung dokumentiert ausführlich diese Lust auf Ideen, den Mut, mit Klängen und Licht zu experimentieren, ein geradezu heftiges Verlangen nach Innovation. Für die Musiker war ihr Lichttechniker fünftes Bandmitglied. Am Anfang streifte er farbige Kondome über Projektoren.

„Sie suchen ein Schwein? Es jagt meinen Kühen Angst ein.“

Man staunt auch heute noch über aufblasbare Spezialeffekte wie das gigantische fliegende Schwein, die Pink Floyd zur Eventband werden ließen. Drummer Nick Mason erinnert in einem Video an die Fotosession für das Cover des Albums „Animals“, das die Battersea Power Station zeigt. Zwischen zwei der vier Schornsteine des Kohlekraftwerks schwebte Algie, wie Pink Floyd den neun Meter hohen Ballon nannten. Er war mit Seilen fixiert. Trotzdem riss er sich los, verirrte sich in die Einflugschneise von Heathrow und strandete schließlich auf einer Weide in Kent. Irgendwann meldete sich ein Bauer: „Sie suchen ein Schwein? Es jagt meinen Kühen Angst ein.“

Die tyrannischen „Pigs“ in George Orwells allegorischem Roman „Farm der Tiere“ hatten Waters zu „Animals“ und Algie inspiriert. Während Sänger und Supergitarrist David Gilmour vor allem durch seine Instrumente, Verstärker und Effektgeräte porträtiert wird, gehen die Ausstellungsmacher bei Waters subtiler vor. Sie heben ihn als Ideengeber hervor, indem sie das Punishment Book, das Bestrafungsbuch der Cambridgeshire High School for Boys zeigen. „R. Waters“, ist darin vermerkt, erhielt am 21. Januar 1958 drei Stockhiebe von seinem Lehrer. Mit Kreide werfen oder im Unterricht pfeifen wurde damals so geahndet. Dass Waters Autoritäten ablehnt, dass er ein ewiger Störenfried wurde, ist vermutlich auf diese Prügel zurückzuführen. Man kommt ihm in Dortmund näher als den anderen.

Lesen Sie auch:
Im Kosmos einer Kultband – multimediales Factsheet zur Pink-Floyd-Ausstellung

Auf „The Wall“ endet eine Kindheit, als deutsche Bomber am englischen Himmel auftauchen. Waters eigener Vater fiel im Zweiten Weltkrieg. Dass er vaterlos aufwuchs, prägte auch die besten Alben von Pink Floyd, auf denen es um Entfremdung und Isolation, Verwirrtheit und Traurigkeit geht. „The Dark Side of the Moon“ etwa, der sowohl künstlerisch als auch kommerziell größte Wurf der Band, drückte die Zerbrechlichkeit des Lebens sowie die Sehnsucht nach Empathie in einer skrupellosen, gierigen Welt aus. Wollen wir wirklich so leben? Wie wollen wir leben? Diese Fragen, die die Band mit vielen Songs stellte, sind auch heute relevant, da dreiste Vereinfacherer, Hetzer und Demokratiefeinde immer lauter werden. In dieser Hinsicht ist der Rückblick auf 53 Jahre Pink Floyd bemerkenswert unnostalgisch.

Kein Blick geht allzu tief in die Abgründe

Die Videos in dieser multimedialen Retrospektive sind hervorragend. Alle Bandmitglieder der klassischen Besetzung kommen zu Wort, auch Keyboarder Richard Wright, der 2008 starb. Er beschreibt die Detailvernarrtheit, indem er erzählt, wie er sich einen bestimmten Akkord aus „A Kind of Blue“ von Miles Davis heraushörte, der ihm für den Song „Breathe (In the Air)“ noch fehlte.

Gilmour, Mason und Waters würdigen den 2006 gestorbenen ersten Pink-Floyd-Frontmann Syd Barrett als fragiles Genie. Barrett nahm in den aufmüpfigen Sixties zu viel LSD, driftete schnell in den Wahnsinn ab und wurde durch Gilmour ersetzt. Der ganze Ruhm und Reichtum: „Ohne Syd wäre es nicht so gekommen.“

Doch niemand blickt allzu tief in die Abgründe der Gruppe. Wie Waters Mitte der Achtzigerjahre versuchte, die Band aufzulösen, der Rechtsstreit um die Namensrechte oder die Rivalität mit Gilmour sind kein Thema. Dazu wird taktvoll geschwiegen.

Ein gelungenes Gimmick ist ein Foto des Punksängers Johnny Rotten. Er trägt ein „I hate Pink Floyd“-T-Shirt. Punk und die stinkreichen Kompliziertrocker Pink Floyd haben nicht viel gemein, meint man. Doch beide Lager, so lernt man, waren sich im düsteren Großbritannien der Siebzigerjahre in ihrer Anti-Establishment-Haltung näher, als sie damals zugegeben haben.

Am Schluss der chronologisch geordneten Ausstellung wird ein Mitschnitt vom letzten gemeinsamen Auftritt zu viert gezeigt. Pink Floyd spielen „Comfortably Numb“ bei Live 8 im Hyde Park 2005. Der Ausstellungsbesucher steht in einem schwarzen, melancholischen Würfel und wird an die erhebende Kraft erinnert, die diese tief im Blues verwurzelte Musik hat. Man badet im Sound, der, das wird hier klar, der Star ist bei Pink Floyd.

Info: The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains, bis zum 10. Februar 2019 im Dortmunder U.

Von Mathias Begalke / RND

Anzeige