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14:47 09.05.2014
Peter Fox: "Ich versuche ab und zu, zwischen den Zeilen eine Message einzubauen."
Peter Fox: "Ich versuche ab und zu, zwischen den Zeilen eine Message einzubauen." Quelle: dpa
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Berlin

Als Juli Zeh und Schriftstellerkollegen vor der Bundestagswahl vor das Kanzleramt zogen, hieß es: Na also, es gibt sie doch noch, die politisch interessierten Künstler! Die Autoren protestierten gegen die allgegenwärtige Überwachung und das Schweigen der Regierung in Sachen NSA-Affäre. Das ist nur eins von vielen Streitthemen, denen sich Künstler verschiedener Sparten auf der Plattform geht-auch-anders.de widmen. Kurz vor der Europawahl schreibt der Musiker PR Kantate über Jugendarbeitslosigkeit in Europa, der Schauspieler Hans-Jochen Wagner kritisiert die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit den USA, sein Kollege Timo Jacobs Genmanipulation in der Landwirtschaft.

Der Sänger Pierre Baigorry, besser bekannt als Peter Fox beziehungsweise als Frontman der Band Seeed, fordert die Bürger auf der Website auf, sich zur Energiewende zu bekennen und sich nicht von Schwarzmalern von der Einsicht ablenken zu lassen, dass dies langfristig gesehen der richtige Weg sei. „Wenn die Parteien alle Wahlen gewinnen, die tendenziell den moderaten Weg wählen, die versuchen niemandem weh zu tun, dann wird es schwer mit dem konsequenten Klimaschutz“, heißt es dort.

Auch auf der Bühne engagiert sich Baigorry für den Klimaschutz: Am Samstag spielen Seeed und Revolverheld umsonst bei einer Großdemonstration von Naturschutzorganisationen und Nichtregierungsorganisationen wie Campact, attac in Berlin. Zu der Kundgebung gegen die Ausbremsung der Energiewende durch das reformierte Erneuerbare Energien Gesetz werden mehrere Zehntausend Menschen erwartet.

Auf seiner Facebook-Seite ist ein Video zu sehen, in dem Baigorry den Bundesenergieminister Sigmar Gabriel interviewt. Der Sänger beschreibt den SPD-Politiker als „Machtmenschen, der aber auch nicht total unsympathisch ist“. Gabriel sage zum Beispiel, dass die SPD mit dem Steuerwahlkampf gescheitert sei und deshalb jetzt andere Wege gehen müsse. Baigorry ist da anderer Meinung: „Ich denke, dass Politiker auch mal zu unbequemen Entscheidungen stehen müssen. Ich verstehe zum Beispiel nicht, weshalb der Spitzensteuersatz nicht angehoben werde, obwohl das mich als Topverdiener selbst treffen würde.“

In Liedern wie „Dickes B“, „Ding“ oder „Augenbling“ verbreiten Seeed eher gute Laune als politische Botschaften. Baigorry kommentiert: „Ich finde es schwer, in einem Song dazu aufzurufen, nur noch regionales Obst zu essen. Das gehört eher in eine Podiumsdiskussion. Lieder sprechen Emotionen an und sollen Spaß machen. Aber ich versuche ab und zu, zwischen den Zeilen eine Message einzubauen.“ Im Lied „Fieber“ von seinem Soloalbum als Peter Fox etwa entwirft der Sänger eine Science-Fiction-Landschaft, in der die Erderwärmung voll zugeschlagen hat: „Die Luft steht, über mir schwebt der Smog/Ich bin Krebs, werd lebend gekocht/... Verwandte aus Schweden schicken CARE-Pakete,/ Vorräte kosten Endknete, /ich klau meiner Katze die letzte Gräte.“

Für Baigorry ist es eine Frage des guten Gewissens, zur Renaissance des politischen Musikers beizutragen. „In den 60ern gehörte das noch zum guten Ton, dann kam die Berliner Hausbesetzerszene rund um ,Ton Steine Scherben’.“ Seit den Konzerten gegen den Irakkrieg jedoch ist es still geworden. Baigorry sagt: „Ich kann verstehen, wenn man als aufstrebender Musiker erst einmal andere Sorgen hat als politisches Engagement. Aber ich habe kein Verständnis dafür, wenn etablierte Künstler ihr Gesicht lieber für Mc Donalds oder die Bild-Zeitung hergeben.“

Von Nina May

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