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Kultur Mario Vargas Llosa aus Peru bekommt Literaturnobelpreis
Nachrichten Kultur Mario Vargas Llosa aus Peru bekommt Literaturnobelpreis
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18:29 08.10.2010
Die Auszeichnung für Mario Vargas Llosa ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Kronen) dotiert.
Die Auszeichnung für Mario Vargas Llosa ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Kronen) dotiert. Quelle: dpa
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Der Mann war hochgewachsen und so mager, dass er immer wie im Profil wirkte. Seine Haut war dunkel, seine Knochen vorstehend, und seine Augen brannten in immerwährendem Feuer.“

So beginnt der Roman „Der Krieg am Ende der Welt“ von Mario Vargas Llosa, im Original 1981 erschienen. Der Mann, von dem er handelt, ist ein brasilianischer Prediger am Ende des 19. Jahrhunderts, der „Ratgeber“. Er zieht durch die ausgedörrten, von Seuchen geplagten, völlig verarmten Gegenden des Hinterlandes und sammelt wie ein neuer Christus die Ausgestoßenen um sich. Sie wollen den Teufel aus dem Land treiben – der Teufel ist die Republik. Es werden immer mehr, es wird eine riesengroße Menschenmenge. Aber der Rest der Welt ist gegen sie, der Staat, die Kirche, die Großgrundbesitzer. Schließlich wird die gesamte Armee aufgeboten, um die Anhänger des „Ratgebers“ zu vernichten. Und das tut sie dann auch. Gründlich.

Der Showdown ist mit einer solchen Verve beschrieben, die Einzelheiten der Schüsse und Schläge und Stiche genauestens ausgemalt, bis hin zu den Momenten, in denen die Soldaten Gefangene oder Tote regelrecht beschnüffeln. Man zittert innerlich beim Lesen, aber man kann das Buch nicht weglegen. Salman Rushdie sagte: „Eines der blutigsten, grausamsten Bücher, die ich je gelesen habe, und eines der fesselndsten.“

Als der Peruaner Mario Vargas Llosa diesen Roman schrieb, befand sich Lateinamerika auf dem Höhepunkt einer Blutorgie. Von Mexiko bis Argentinien herrschten mit wenigen Ausnahmen Diktaturen, die von den USA mit schlecht bemäntelten wirtschaftlich-geostrategischen Argumenten gehätschelt, von Guerilleros bekämpft und von marginalisierten Bauern bewohnt wurden, die sich ihrerseits und zu Recht vor den brutalen Armeen fürchteten. Es war ein Klima der Gewalt.

Schon mit seinem ersten Roman „Die Stadt und die Hunde“ von 1963, in dem er seine Erfahrungen in einer Kadettenanstalt verarbeitete, beschrieb Vargas Llosa diese allgegenwärtige Gewalt in einem Mikrokosmos aus mafiösen Strukturen und kontinuierlicher Lebensgefahr. Das Buch legte so genau den Finger in die Wunde, dass es 1964 in Lima öffentlich verbrannt wurde.

Vargas Llosa war damals ein Linker. Fast alle lateinamerikanischen Autoren standen seinerzeit links. Wo denn sonst, etwa auf der Seite der Folterer? Später wandelte er sich, wurde ein konservativer Liberaler und schalt seinen Kollegen Gabriel García Márquez, weil der Fidel Castro anhimmelte. Doch Vargas’ Ausflug in die Politik endete 1990 als gescheiterter peruanischer Präsidentschaftskandidat. Danach wandte er sich wieder dem zu, was er besser konnte: schreiben.

Mehr als 20 Bücher hat Mario Vargas Llosa, Jahrgang 1936, bis heute veröffentlicht. Es sind witzige dabei, auch Krimis, und hocherotische Geschichten wie „Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto“. Eines seiner berühmtesten Bücher, „Tante Julia und der Kunstschreiber“, erzählt von einem jungen Mann, der sich in seine Tante verliebt und sie gegen alle Widerstände heiratet – Vargas selbst hatte in jungen Jahren eine zehn Jahre ältere entfernte Verwandte geehelicht, bevor er 1965 seine zweite Frau kennenlernte. Auch das Feld der literarischen Biografie beackerte Vargas mit dem Roman „Das Paradies ist anderswo“, in dem er die Lebenswege der peruanischen Frauenrechtlerin Flora Tristan und ihres Enkels, des Malers Paul Gauguin, nachzeichnete.

Früher verfolgte Mario Vargas Llosa in einer Art eigener Literaturtheorie das Konzept, in einem Roman sämtliche Facetten der Realität abzubilden. Später verfolgte er diesen Gedanken nicht weiter. Vielleicht deshalb, weil seine Bücher die Wirklichkeit eben nicht abbilden. Sie schaffen eine eigene Welt, in der man die Details viel schärfer sieht. In der man lacht und weint und schaudert. Und versteht.

Am Schluss des Buchs vom „Krieg am Ende der Welt“ geht es um den Tod eines der Anführer der Ratgeber-Anhänger. Ein Oberst befragt eine alte Frau, ob sie ihn sterben gesehen habe. Nein, sagt sie. Aber: „Ein paar Erzengel haben ihn in den Himmel getragen.“ Das habe sie gesehen.

Lateinamerikanische Literaturnobelpreisträger:

Die Literaturnobelpreisträger der vergangenen zehn Jahre:

Bert Strebe