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Kultur Mandel: „Etablierte Häuser müssen sich öffnen“
Nachrichten Kultur Mandel: „Etablierte Häuser müssen sich öffnen“
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19:53 10.04.2012
Von Martina Sulner
Foto: Theatralische Einblicke in andere Lebenswelten: „Schwarze Jungfrauen“ am Schauspiel Hannover.
Theatralische Einblicke in andere Lebenswelten: „Schwarze Jungfrauen“ am Schauspiel Hannover. Quelle: mai.foto
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Hannover

Frau Mandel, Sie haben mit Kollegen untersucht, wie Menschen mit und ohne Migrationshintergrund an Kultur teilhaben. Warum diese Untersuchung?

Unsere Gesellschaft hat sich in den vergangenen zehn, 15 Jahren stark verändert und ist durch den großen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund vielfältiger geworden. Darauf ist der öffentlich geförderte Kulturbetrieb nicht eingestellt; er ist in weiten Teilen immer noch auf eine kleine bildungsbürgerliche Elite ausgerichtet. Um künftig mehr Menschen an Kultur teilhaben zu lassen, hat die Studie untersucht: Was verstehen unterschiedliche Gruppen in der Bevölkerung unter Kultur? Für welche Art von Kunst und Kultur interessieren sie sich? Was wünschen sie sich an Veränderungen im kulturellen Leben?

Was hat Sie am meisten überrascht?

Das Auffälligste ist: Menschen aus anderen Herkunftsländern haben einen weiteren Kulturbegriff als die meisten Deutschen, die stark an der Hochkultur orientiert sind. Die befragten Deutschen, auch jüngere, finden zwar Hochkulturinstitutionen wie etwa Theater und Oper wichtig, sagen aber auch, dass sie persönlich diese nicht besuchen. Die Studie zeigt zudem, dass sich durch Menschen mit Einwanderergeschichte der Kulturbegriff in Deutschland zu erweitern und zu lockern scheint.

Welchen Einfluss haben die unterschiedlichen Milieus auf Kulturnutzung?

Das Interesse an Kultur hängt weniger von ethnischer Herkunft ab als vom sozialen Hintergrund und vor allem von der Bildung. Man kann eben nicht sagen: Ach, die Migranten, die interessieren sich alle nicht so für Kultur. Das ist zwischen Russen und Türken, zwischen Einwanderern der ersten und dritten Generation, zwischen Akademikern und Arbeitern ganz unterschiedlich.

Dennoch hat man den Eindruck, dass in Theatern und Konzerthäusern überwiegend deutschstämmige Menschen anzutreffen sind.

Insgesamt nutzen nur acht Prozent der Bevölkerung in Deutschland regelmäßig öffentliche Kultureinrichtungen - und Migranten nutzen diese tatsächlich noch seltener als Deutsche. Andererseits zeigt die Studie, dass Migranten in der dritten Generation ein überdurchschnittliches Interesse an Kultur haben. Doch diese Menschen werden eher von privaten Kultureinrichtungen erreicht.

Was bedeutet das für öffentlich geförderte Theater, Museen, Opernhäuser?

Diese Einrichtungen sind offensichtlich aktuell für einen Großteil der Bevölkerung - ob mit oder ohne Migrationshintergrund - nicht relevant und sind nun aufgefordert, sich stärker öffnen. Damit meine ich nicht nur, dass man Kulturvermittlungsleistungen wie etwa Publikumsgespräche organisiert, um die aktuelle Ausstellung oder Inszenierung verständlich zu machen. Auch die Programmpolitik der Einrichtungen muss sich verändern im Dialog mit neuen Bevölkerungsgruppen. Es muss mehr passieren, als nur einen klassischen Kanon abzuspielen, von dem sich der Großteil der Menschen nicht angesprochen fühlt. Außerdem können junge Menschen - unabhängig vom ethnischen Hintergrund - mit den traditionellen Formaten nur noch wenig anfangen: Drei Stunden in einem Theatersaal zu sitzen, ohne sich zu bewegen oder reden zu dürfen - das geht für die meisten gar nicht.

Soll jetzt der türkische Rapper regelmäßig im Opernhaus auftreten, um eine neue Zielgruppe anzusprechen?

Wichtig ist vor allem, dass sich etablierte Kultureinrichtungen verpflichten, sich für neue Bevölkerungsgruppen zu öffnen, wie das gerade in Nordrhein-Westfalen geschehen ist. Das Schauspiel Bochum zum Beispiel arbeitet jetzt mit einer freien Tanzgruppe zusammen, in der viele jugendliche Migranten mitmachen. Die Hip-Hopper sind für zwei Jahre fest eingebunden, können die Infrastruktur des Hauses nutzen und bekommen Gehalt - und zudem hat das Theater die Chance, sich zu verändern.

Kooperation als Chance für beide Seiten?

Ja, allerdings funktionieren solche Kooperationen nur, wenn die neuen Kooperationspartner spüren, dass ein echtes Interesse an Zusammenarbeit besteht. Und man darf nicht unterschätzen, dass das von traditionellen Institutionen eine wahnsinnige Veränderungsbereitschaft erfordert und manchmal zahlreiche bürokratische Hindernisse im Wege stehen.

Wie sollen Theater und Museen das schaffen, ohne die ältere Klientel zu verschrecken, die jetzt die Häuser füllt?

Das ist ein schwieriger Spagat. Doch er kann gelingen, wenn Kultureinrichtungen es schaffen, auch die traditionellen Besucher stärker für neue Inhalte und Formate zu interessieren. Das kann man, wenn es gut vermittelt wird, durchaus schaffen, wie sich zeigt. Auch traditionelle Theatergänger sind an neuen Formen und an Lebenswelten, in die sie meist keinen Einblick haben, interessiert.

Aber so aufgeschlossen sind nicht alle.

Das „InterKulturBarometer“ zeigt durchaus, dass viele Deutsche Angst davor haben, dass die traditionelle deutsche Kultur überfremdet wird. Und Migranten äußern die Sorge, dass ihre Herkunftskultur hier keinen Platz hat. Da sind transkulturelle Projekte wichtig, um verschiedene Einflüsse zusammenbringen. Das Junge Schauspiel Hannover macht tolle Projekte, um Jugendliche unterschiedlichster Couleur zusammenzubringen. Und hannoversche Inszenierungen wie „Moschee DE“ oder „Schwarze Jungfrauen“ haben auch etwas gewagt.

Wo soll das Geld für solche Projekte und neuen Kulturformen herkommen?

Ich glaube, dass man umverteilen muss. Man könnte ja mal weniger Inszenierungen pro Spielzeit herausbringen und das Geld stattdessen in Projektarbeit mit neuen Zielgruppen stecken.

Sozialarbeit im Theater?

Solche Vermittlungsarbeit ist keine sozialpädagogische Tätigkeit, sondern eine künstlerische. Es ist höchste Zeit, die Definition von Kunst zu erweitern. Viele jüngere Künstler arbeiten längst mit einem anderen, weiteren Kunstbegriff - und suchen durch den Kontakt mit Jugendlichen und Migranten neue Impulse für ihre künstlerische Arbeit.

Wie soll und kann die Kulturpolitik diese Prozesse begleiten oder gar steuern?

Kulturpolitiker müssen im Gespräch mit Menschen unterschiedlicher Herkunft diskutieren: Was wollen wir mit öffentlich geförderter Kultur erreichen, was sind unsere Ziele? Wenn man diese Ziele umzusetzen versucht, wird es mit Sicherheit demnächst einige Umverteilungen geben.

Die Fragen stellte Martina Sulner

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