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„Limit“: Ein Fahrstuhl nach ganz oben
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„Limit“: Ein Fahrstuhl nach ganz oben
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17:12 04.10.2009
Von Ronald Meyer-Arlt
Bestsellerautor
 Frank Schätzing.
Bestsellerautor
 Frank Schätzing. Quelle: ddp
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Dieser Roman ist schon jetzt ein Erfolg. Die Startauflage für Frank Schätzings Thriller „Limit“ liegt bei 400.000 Exemplaren, das Interesse ausländischer Verlage ist riesig. Denn wer „Limit“ im Programm hat, kann nicht verlieren. Schätzings Bestseller „Der Schwarm“ hat Millionen eingespielt, er wurde in 27 Länder verkauft, das Drehbuch für die Verfilmung ist vor Kurzem fertig geworden.

Frank Schätzing versteht sein Geschäft. Sein Thema sind fremde Welten, die uns aber doch nah sind. Er recherchiert gründlich und präsentiert nicht nur eine spannende Geschichte, sondern auch interessante Informationen aus diversen Fachgebieten. In „Der Schwarm“ erfuhr der Leser viel über Tiefseebiologie, in „Limit“ kann man einiges über Astrophysik und über den Mond lernen.

Seine Geschichte ist spannend, denn es geht um nichts weniger als die Rettung zweier Himmelskörper: Mond und Erde. Wir befinden uns im Jahr 2025. Die Menschheit ist beim Aufbruch ins All ein gutes Stück vorangekommen, denn es existiert eine Art Expresslift nach ganz oben – ein Seil aus hochfestem und sehr leichtem Kohlenstoff in Form von Nanoröhren, an dem Fahrstühle rauf und runter fahren. Das Transportsystem gehört einem Konzern. Orley-Enterprises hat den Weltraumaufzug konstruiert, der Konzern baut Helium 3 auf dem Mond ab. Damit werden auf der Erde Fusionsreaktoren betrieben. Die Energieversorgung der Menschheit scheint gesichert. Das finden zwar viele gut, einige sind damit aber gar nicht einverstanden. Das Mondprojekt wird sabotiert.

Schätzing operiert mit zwei großen Erzählsträngen. Auf der Erde entdeckt Owen Jericho, ein Spezialist für Computerspionage, dass eine finstere Gesellschaft einen Anschlag plant. Gleichzeitig macht sich eine Reisegruppe aus schwerreichen Investoren auf den Weg zum Erdtrabanten, um dort das erste Mondhotel einzuweihen. Viele Hundert Seiten lang laufen die beiden Stränge nebeneinander her, und man fragt sich, wie der Autor die beiden Geschichten miteinander verknüpfen will. Das hält die Spannung.

Schätzing denkt nur ein kleines Stückchen über den Horizont des Möglichen hinaus. Er erfindet die Zukunft nicht, er fragt sich nur, was geschehen würde, falls Entwicklungen, die es schon gibt, noch ein bisschen weitergetrieben werden. Ausgedacht hat er sich den Aufzug ins All nicht, die Vorstellung, ein Seil zwischen der Erde und einem geostationären Satelliten zu spannen, ist alt.

Damit eine spannende Romanhandlung in Gang kommt, müsste dort oben freilich etwas Kostbares zu holen sein. Auch hier hat der Autor eine nicht ganz abwegige Lösung gefunden: Im Mondgestein eingeschlossen lagert Helium 3, ein auf der Erde sehr seltenes Isotop des Edelgases. Dass man damit Fusionsreaktoren betreiben könnte, ist plausibel – und damit hat Schätzing auch einen hervorragenden Antriebsstoff für seine Geschichte gefunden. Es geht um den Aufbruch ins Fremde und um etwas Kostbares, das man dort gewinnen kann – der Western funktionierte ganz genauso.

Aber: Niemand kann Spannung über 1300 Seiten hinweg aufrechterhalten, auch Schätzing nicht. Viel zu lang malt er Actionszenen aus, viel zu ausführlich beschreibt er politische Verwicklungen, viel zu oft gerät er ins Dozieren. Das klingt dann so: „Doch Übergänge waren zu keiner Zeit harmonisch gewesen. Nicht im Kambrium, Ordovizium oder Devon, nicht am Ende von Perm, Trias und Kreide, nicht im oberen Pleistozän mit dem Auftreten einer neuen selbstreflektierenden Spezies namens Mensch, die dem Katalog der Übergangsindikatoren, als da waren Vulkanausbrüche, Meteoriten, Eiszeiten und Epidemien, Kriege und Wirtschaftskrisen hinzufügte.“ Nicht schlecht, aber doch ein bisschen viel für: „Die Zeiten ändern sich“.

Am Ende des Buches findet sich ein Personenverzeichnis: 70 Akteure (ohne Nebenfiguren) werden hier aufgeführt. Auch ein Computerprogramm für psychologische Beratung und der Rechner des Helden, der eine Rechnerin ist und Diane heißt, stehen auf dieser Liste. Manchmal muss man hier nachschlagen, um die Orientierung nicht zu verlieren. Es ist auch mit Mühe verbunden, sich in Schätzings Welt der reduzierten Schwerkraft zu bewegen.

Die Figuren lohnen die Mühe des Dranbleibens oft nicht. Jericho, der Held, bleibt blass, seine Mitstreiterin Chen „Yoyo“ Yuyun wirkt, als sei sie vor allem im Hinblick auf eine spätere Verfilmung erfunden worden: Die schöne Dissidentin ähnelt eher einer Mangafigur als einem Menschen. Witz und Ironie gibt es nur in homöopathischen Dosen. Einmal gibt sich der Held als Helge Malchow aus. So heißt der Chef von Schätzings Verlag, Kiepenheuer & Witsch. Komik oder Kotau – man weiß es nicht genau.

Wer 100 Seiten am Tag liest, hält sich knapp zwei Wochen lang in Schätzings Universum auf. Das ist eine lange Zeit, und irgendwann spürt man, wie kalt es hier ist.

Frank Schätzing: „Limit“. Kiepenheuer & Witsch. 1328 Seiten, 26 Euro.