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Kultur Lieder mit Rollkragen
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22:08 23.10.2009
Von Uwe Janssen
Immer gut für Veränderungen: Sting hat den Winter entdeckt.
Immer gut für Veränderungen: Sting hat den Winter entdeckt. Quelle: Molina
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Sting trägt jetzt Bart. Vollbart. Fast Rauschebart. Das hatte er noch nicht. Kurzhaar, Langhaar, Stoppelbart, blond, braun, alles dagewesen. Aber Vollbart noch nicht. Er sieht jetzt aus wie eine Mischung aus Seebär, Billy Joel und Robin Williams.

Der britische Musiker ist ein Mensch, der sich gern mal verändert. Nicht nur am Kinn. Auch musikalisch hat er schon viele Felder beackert. New Wave mit Ska-, Punk- und Reggae-Einschlag, Tanzpop mit Weltmusikapplikationen, Rock mit Jazzflair, Prokofjew als Popsong. Einfach hat er es sich und seinen Mitmusikern nie gemacht. Er habe seinen Musikern immer wieder ein paar harte Nüsse zu knacken gegeben, hat er mal süffisant in einem Interview gesagt. Aber er hatte auch die Leute dafür: Schon mit Stewart Copeland hatte er bei Police einen genialen Schlagzeuger an seiner Seite, später arbeitete er mit Jazzgrößen wie dem Saxofonisten Branford Marsalis und formte Popsongs, die trotz ihrer eher komplizierten Strukturen wie selbstverständlich in den Charts landeten. Zuletzt wurden die Pausen zwischen Neuveröffentlichungen länger, aber zufriedengegeben mit dem Status quo hat er sich nie.

Seinen bislang verwegensten Ausflug unternahm der 1951 im nordenglischen Newcastle geborene Sting vor drei Jahren, als er mit dem bosnischen Lautenspieler Edin Karamazov 400 Jahre alte Lieder des Komponisten John Dowland aufnahm. Verhaltene, fast meditative Weisen mit Burgfräuleincharme. Allgemeines Naserümpfen in der Fangemeinde, die gemeinhin mit dem größtmöglichen Verständnis auf die künstlerischen Winkelzüge ihres Lieblings reagiert. Wie eine Entschuldigung schien da die anschließende Reunion von Police, bei der Sting, Copeland und Andy Summers zwar keine neuen Songs einspielten, aber in den großen Stadien die Erinnerung an wilde Zeiten wachriefen. Das war eine Riesenportion Balsam für die Fanseele.

Nun aber ist Sting wieder allein auf dem Weg, und schon das gelbe Logo der Deutschen Grammophon lässt erahnen, dass er diesen Weg zunächst als Interpret weitergehen wird. Winterlieder hat er diesmal aufgenommen. Keine Weihnachtsplatte, wie er betont, aber mit „Jingle Bells“ hätte man trotz aller Experimentierwut auch nicht gerechnet. „If on a Winter’s Night ...“ besteht im Wesentlichen aus Fremdkompositionen, die vom Bittgesang über Lieder aus dem 14. Jahrhundert bis hin zu Wintermusik reichen, die Sting als Kind zu Hause gesungen hat. Und einen aus der Abteilung „Weihnachten mit Sting“ gibt’s dann doch: „Es ist ein Ros entsprungen“ – auf Englisch.

Die 15 Songs sind zurückhaltend möbliert, mit Gitarre, Streichern, Harfe und ein bisschen Folkinstrumen­tarium. Das ungewöhnlichste Instrument ist aber Stings Stimme. Man erkennt sie manchmal gar nicht, so tief unten lässt er die Töne durch die Strophen fließen wie beispielsweise im „Cold Song“ nach Henry Purcell. Am Ende verrät ihn auch in den unteren Lagen das leicht angeraute, wohlige Timbre, das aber den angestrengten, künstlichen, manchmal fast persi­flageartigen Charakter dieser Tieftonübungen nicht kaschieren kann. Vielleicht macht es ja der Bart. Aber ein Bassbariton ist er nun einmal nicht.

Wie befreit und zugleich schwebend wirkt es dagegen, wenn er zum Beispiel in den beiden Eigenkompositionen des Albums, „Hounds of Winter“ und „Lullaby for an anxious Child“, in seine Stammtonlage zurückkehrt und in diese auch Schuberts „Leiermann“ (aus der „Winterreise“) transponiert – in der übersetzten Fassung als „Hurdy Gurdy Man“. Diese Singstimme ist die Sting-Stimme, hier ist sie kraftvoll und beweglich – und im großen, weiten Musikzirkus allein auf weiter Flur.

In „Soul Cake“, einem ausgekoppelten, vergleichsweise lebhaften Folksong, begegnen wir am ehesten noch dem gewohnten Sting. Aber das ist ein falsches Versprechen. Der Rest ist keine Nebenbeimusik, sondern Zuhörmusik, die einen nicht in der Tür stehen lässt. Entweder man kommt rein, oder man bleibt draußen. Was kein Banausentum ist, schließlich hat Sting mit seiner Musik so viele schöne Erinnerungen in der Musikwelt und speziell der seiner Fans verankert, dass man „If on a Winter’s Night ...“ durchaus schwer, prätentiös oder schlicht langweilig finden kann.

Wer das tut und trotzdem noch auf ein besonderes Winteralbum hofft, kann es Ende November mit Tori Amos versuchen, die auf „Midwinter Graces“ ebenfalls Winterlieder auf ihre Art interpretiert. Und wer auf den alten Sting hofft, sollte Geduld haben. Er ist halt einer, der sich gern verändert. Und irgendwann ist der Bart wieder ab.