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Kultur Komische Käuze
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07:27 01.04.2015
Von Martina Sulner
Foto: Nicht ohne meinen Picasso - eine Arbeit von Chéri Samba.
Nicht ohne meinen Picasso - eine Arbeit von Chéri Samba. Quelle: Samba
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Hamburg

Auch in einem der reichsten und schönsten Länder der Erde kann es ziemlich arm und trist aussehen. In der norwegischen Kleinstadt Vestfossen, rund 70 Kilometer von Oslo entfernt, hat Espen Rasmussen Männer fotografiert, die räumlich und sozial am Rand leben. Man sieht bärtige Kerle auf Hinterhöfen voller Schrott. Oder in vollgestellten Hütten. Manche wirken eigenwillig, andere etwas verrückt und wieder andere bedrohlich. „Oddballs“, also komische Käuze, hat der norwegische Fotograf seine Serie genannt.

Sind diese Männer, ihre Behausungen, gar die Sitzbadewanne im verwilderten Garten, in der einer der Käuze hockt, typisch für das Europa der Gegenwart? Nun, zumindest zeigen Rasmussens Bilder eine Facette eines heterogenen Kontinents. In der Ausstellung „The New Social“ in den Hamburger Deichtorhallen nehmen zwölf junge Fotografen aus verschiedenen Ländern die sozialen Veränderungen in Europa in den Blick. „Gibt es eine europäische Identität?“: Diese Frage, sagt der Hamburger Kurator Ingo Taubhorn, war allgegenwärtig, als er mit drei Kollegen die Arbeiten für die Ausstellung ausgesucht hat. Nach Oslo, Lucca und Paris ist Hamburg die letzte Station des Projekts, das sich European Photo Exhibition Award (Epea) nennt.

Keine ausgesprochen journalistischen Arbeiten sind zu sehen, sondern eher Foto-Essays, Serien, denen man anmerkt, wie stark sich die Fotografen mit ihren Themen, mit den porträtierten Menschen beschäftigt haben. Wie Stephanie Steinkopf, die für ihr Projekt „Vogelfrei“ mehrere Monate mit Berliner Obdachlosen in der Nähe des dortigen Hauptbahnhofs verbrachte.

Fröhlich ist kaum eines der ausgestellten Fotos - weder Massimo Berrutis Serie über die Proteste gegen die Bebauung des Istanbuler Gezi-Parks noch Linda Bournane Engelberths Serie über Lettland. Die norwegische Fotografin porträtiert junge Erwachsene: zu Hause, am Badesee, auf der Straße. Trostlos wirken viele der Bilder, und man weiß nicht so genau, was einen trauriger stimmt: der Anblick von jungen Müttern und deren kindlich aussehenden Partnern, die versuchen, möglichst cool zu wirken. Oder die Bilder von hoffnungsvoll blickenden Mädchen vor schrottigen Plattenbauten.

Dagegen wirken Kirill Golovchenkos Strandbilder aus der Ukraine fast schon aufmunternd - auch wenn die Armut des Landes auf den Fotos klar zu erkennen ist.

Vielfalt, kulturelle Vielfalt, ist typisch für Europa, und sie ist etwas Wertvolles. Ebenso wie die Eigenwilligkeit, mit der die Fotografen sich Europas politischen und sozialen Veränderungen nähern.

Eine Annäherung ganz anderer Art ist in der nördlichen Deichtorhalle zu erleben. Von heute an ist dort die Schau „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ zu sehen. Ein Werk Picassos ist nicht dabei, stattdessen werden 200 Arbeiten von 90 namhaften Künstlern präsentiert - darunter Georg Baselitz, Martin Kippenberger, Cindy Sherman, Maria Lassnig. Fotos, Zeichnungen, Videos, Gemälde, Skulpturen unterschiedlichster Art sind ausgestellt, doch alle Arbeiten haben einen Bezug zum vielleicht bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts: Manche Künstler kopieren Picasso, andere greifen Motive seiner Arbeiten auf, variieren oder ironisieren sie. An Picasso jedenfalls führte in den vergangenen Jahrzehnten kaum ein Weg vorbei.

Die beiden Ausstellungen sind zwei hochkarätige „Geschenke“ zum 25-jährigen Bestehen der Deichtorhallen. Im November 1989 wurden die beiden Gebäude - zwischen 1911 und 1913 als Gemüse- und Blumengroßmarkt gebaut - als Kunstorte eröffnet. Zum Jubiläum hat man die nördliche Halle aufwendig saniert; jetzt ist das Gebäude, dessen Mittelschiff annähernd 20 Meter hoch ist, energetisch auf neuem Stand.

Wer sich von den vielen Kunstwerken und Fotos ermattet fühlt, sollte sich Patricia Almeidas Projekt „My Life is Going to Change“ in der „New Social“-Schau ansehen. Die Portugiesin hat für ihre Installation eine Wand gestaltet, die bedeckt ist mit Seiten europäischer Tageszeitungen; alle Zeitungsfotos sind schwarz übermalt. Klar, die Bilderflut, die täglich auf uns zurollt, kann einen überfordern. Schwarze Flächen sind aber keine wirkliche Alternative.

„The New Social“: bis 31. Mai, „Picasso in der Kunst der Gegenwart“: bis 12. Juli.

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