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Kultur Klasse trotz Masse: Das Northsea Jazz Festival
Nachrichten Kultur Klasse trotz Masse: Das Northsea Jazz Festival
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18:15 13.07.2009
Northsea Jazz Festival Braxton Moonwalk Ahoy Rotterdam Erykah Badu
Alles unter einem Hut: Erykah Badu. Quelle: Robert Vos/afp
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Das Faltblättchen ist wichtig, damit man sich nicht in einem Free-Jazz-Konzert wieder findet, obwohl man doch melodiösen Jazz bevorzugt. Sollte es dennoch passieren, darf man sich zum Trost sagen, dass das eben nur hier passiert – im größten Jazzsupermarkt der Welt. Kontrastreicher geht es nirgendwo: Eine Freejazz-Legende wie Cecil Taylor, der sich vor 100 Unentwegten im „Madeira“-Saal wie ein Messias feiern lässt, während zeitgleich einen Steinwurf entfernt Soulpopstar Duffy im „Nile“ die hundertfache Anzahl an Menschen verzückt. Ob diese Dame genauso wie die ebenfalls den Umsatz des ausverkauften Festivals ankurbelnden Megastars Seal, Adele, Steve Winwood oder James Taylor etwas auf einem seriösen Jazzfestival zu suchen hat, ist eine Frage, die hier niemanden interessiert. Wer keinen Pop will, geht halt woanders hin.

An Alternativen jedenfalls – von HipHop bis Blues, von Weltmusik bis Latin – mangelt es nicht. Doch wer den besondern Kick braucht, vergisst mal kurz das Programm. Und lässt sich einfach treiben – von einem Saal in den nächsten, vom Fischbrötchenstand mit gesalzenen Preisen ins Jazzkino, vom Musikgeschichtsvortrag in das „Yukon“-Zelt mit dem Programmschwerpunkt „japanischer Club-Jazz“, von der DJ-Party auf der Dachterrasse zum Instrumental-Workshop mit Trompeter Dave Douglas. Northsea Jazz ist fast zu viel.

Und doch ist es jedes Mal ein Erlebnis. Weil sich das Festival als etablierte Marke den Luxus leistet, anspruchsvolle und auch kontroverse Strömungen des Jazz abzubilden. Und noch schöner: Es wird hier sogar wahrgenommen. Wichtigste Erkenntnis: Der Jazz lebt noch. Er ist nicht vergreist. Da geht noch was. Ein junges Publikum goutiert mit lustvollem Schreien jeden überraschenden Tonklecks, jeden abrupten Paradigmenwechsel des New Yorker Jazzschrecks, Saxofonisten und Spontandirigenten John Zorn, als würde Michael Jackson gerade den Moonwalk vorführen.

Bemerkenswert: die besonders schrägen Nummern zwischen Abgrund und Underground, eine wahre Achterbahnfahrt von Tönen, kommen am besten an. Sechsmal ist Zorn, der diesjährige „Artist In Residence“ des Festivals, in Rotterdam zu hören. Sechsmal klingt er radikal anders. Filmmelodien, Klezmer, Surfmusik, Bossa nova, Funk und freier Jazz: Zorn spielt all dies, mal originalgetreu an der Grenze zur Persiflage, mal mit rasanter Schnitttechnik kollagiert. Es ist wie jemanden beim Zappen durch 120 Musikkanäle zuzuhören, aber ohne jeden Anklang von Beliebigkeit. Ganz klar: Dieser Multitasking-Jazz des John Zorn passt ideal zu einem multistilistischen Festival, das seine Besucher mit einem Übermaß an Eindrücken konfrontiert.

Was denn die Highlights des abgelaufenen Abends waren, fragen sich Festivalbesucher oft auf dem Nachhauseweg. Die Standardantwort: „Da muss ich mal überlegen oder ins Programmheft schauen.“ Gesagt, getan: Einen nachhaltigen Eindruck hinterließen die frische Auftritte der Jazz-Legenden Roy Haynes, Charlie Haden und Hank Jones. Deren Statthalter wie Joshua Redman, Tineke Postman, Fred Hersch oder Christian Scott belegten mit passioniertem Spiel, dass sie die Fackel des modernen Jazz am Brennen halten.

Die alten Herren des Avant-Jazz, vertreten durch Anthony Braxton und Cecil Taylor, taten das gleiche für die frei improvisierte Musik. Mit B.B.King präsentierte sich die glorreiche Tradition des Blues, mit dem jungen Gitarristen Derek Trucks deren Zukunft. Soul-Exzentrikerin Erykah Badu glänzte mit einem optisch wie musikalisch ausdrucksstarken Auftritt, Partybär George Duke mit mehrheitsfähigem Fusion-Funk. Und der Robbie Williams des Jazz, Jamie Cullum, zeigte, dass ein Flügel auch als Tanzunterlage gute Dienste leistet. Flop des Festivals: die uninspirierte Hommage einer vermeintlichen Allstarband an das legendäre CTI-Label.

Noch viel mehr gäbe es über das Northsea Jazz Festival zu berichten. Aber wo ist nur das Programmheft geblieben?

von Bernd Schwope