Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Kultur Was ein freier Mann tun muss
Nachrichten Kultur Was ein freier Mann tun muss
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:08 05.04.2015
Von Stefan Stosch
Christian Friedel als Georg Elser misst in einer Szene des Kinofilms „Elser“ im Bürgerbräukeller das Versteck für seine Bombe aus.
Christian Friedel als Georg Elser misst in einer Szene des Kinofilms „Elser“ im Bürgerbräukeller das Versteck für seine Bombe aus.  Quelle: Bernd Schuller/Lucky Bird Pictures
Anzeige

Ein Gitarrenklimperer ist dieser Elser (Christian Friedel), eine schwäbische Frohnatur, die beim sommerlichen Bad ausgelassen jauchzt. Und doch sehen wir ihn in den ersten Filmminuten schwitzend, keuchend, mit blutigen Händen und einer Taschenlampe im Mund eine Bombe in einem Pfeiler des Bürgerbräukellers in München deponieren.

Die Sprengladung explodierte am 8. November 1939, den Tag, an dem Hitler wie jedes Jahr eine Rede zum Gedenken an seinen Putsch von 1923 hielt. Wäre Hitler damals nicht früher als geplant aufgebrochen, weil er wegen des Nebels mit dem Zug und nicht mit dem Flugzeug zurück nach Berlin musste, dann hätte ihn die Bombe getötet.

Wie wurde aus dem lebenslustigen jungen Mann ein Tyrannenmörder? Diese Frage will Hirschbiegel beantworten. Sein Drama „Elser – er hätte die Welt verändert“ leuchtet das Umfeld des Attentäters viel stärker aus, als es etwa Klaus Maria Brandauers Würdigung vor einem guten Vierteljahrhundert tat.

Hirschbiegel, der in „Der Untergang“ schon Hitler in den Führerbunker folgte, liefert einen aufschlussreichen, einen erhellenden Film ab. Und doch bleibt der von den Nazis schwer gefolterte Elser immer noch ein Rätsel, wenn er dem Reichskripochef Arthur Nebe (Burghart Klaußner) bei der x-ten Vernehmung geradezu gelassen antwortet: „Ich bin ein freier Mensch gewesen und musste machen, was richtig ist.“ Elser ist sogar noch zu einem unglaublichen Witz in der Lage, als Nebe nicht an seine Alleinschuld glaubt und immer weiter nachbohrt: Churchill habe ihn zu Hause angerufen und ihm den Auftrag erteilt, sagt Elser. So ist es nach Worten von Regisseur Hirschbiegel nachzulesen in den Prozessakten.

Immer wieder befreit der Regisseur den Häftling aus dem Foltergefängnis, dem eigentlichen Ausgangspunkt des Films. In Rückblenden gibt Hirschbiegel Hinweise darauf, wie Elser wurde, was er war. Er erzählt von Elsers Liebe zu der verheirateten Elsa (Katharina Schüttler), von den beliebten Dorffesten, die die NSDAP veranstaltete, von der Ausgrenzung der Juden und dem Hass auf alle, die nicht der Masse folgten. In seinem kleinen Soziotop erkennt Elser den verbrecherischen Charakter eines ganzen Systems. Wir nehmen den Nationalsozialismus mit den Augen eines Sehenden zwischen lauter Verblendeten wahr.
Ein Einzelner will der Masse nicht folgen und wird zum Widerständler. Elser lässt sich auch nicht vom Siegestaumel anstecken. Schon kurz nach Kriegsbeginn ahnt er den Untergang Deutschlands voraus. Mehr und mehr zieht er sich von den anderen zurück – zum einen, weil er anders denkt als die allermeisten, und zum anderen, weil er seine Familie nicht gefährden will.

Mit Christian Friedel („Das weiße Band“) hat der Regisseur einen exzellenten Hauptdarsteller gefunden: Feinfühlig vollzieht Friedel den Weg Elsers in die gesellschaftliche Isolation nach. Kleine Widerhaken baut Friedel nach und nach in das Bild seiner Figur ein. Immer stiller wird sein Elser, immer schwerer wiegt die Last auf seinen Schultern.

Der Hitler-Attentäter wurde am 9. April 1945 im KZ Dachau erschossen. Es dauerte in der Bundesrepublik lange, bevor er als Widerstandskämpfer gewürdigt wurde, länger als bei den Geschwistern Scholl oder bei Stauffenberg. So viel Mut und Hellsicht wollten die Deutschen einem einfachen Schreiner vom Land nicht zugestehen. Georg Elser bleibt eine Provokation. Und er bleibt ein Vorbild – als freier Mensch, der das tat, was er für richtig hielt.

Veranstaltungstipp

Hauptdarsteller Christian Friedel stellt den Film am Ostersonntag um 20.15 Uhr im Hochhaus-Kino vor – und bringt seinen in Hannover aufgewachsenen Kollegen Simon Licht mit. Kinostart von „Elser“ ist der 
9. April.

04.04.2015
Kultur Portugiesischer Filmemacher - Manoel de Oliveira mit 106 Jahren gestorben
02.04.2015
Kultur „Intensiv-Station“ des NDR - Die
 Multitasker
Uwe Janssen 02.04.2015