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10:19 22.05.2009
Ein originär-unverwechselbarer Glücksfall: Andreas Kriegenburgs Münchener Kafka-„Prozess“.
Ein originär-unverwechselbarer Glücksfall: Andreas Kriegenburgs Münchener Kafka-„Prozess“. Quelle: Handout
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Er war ja gar nicht eingeladen. Aber trotzdem hat Claus Peymann, der Polterjan vom „Berliner Ensemble“, der Abschlussrunde des 46. Theatertreffens in Berlin eine besondere Note verpasst. 3sat schickte ihn quotenstärkend als einen der Juroren ins Rennen, die in einer Live-Fernsehstunde den Theaterpreis des Senders vergeben sollten. Der war einst ganz der „Innovation“ verpflichtet – und wurde nun, Peymann sei Dank, dem konventionellsten aller Festival-Stücke zuerkannt; vermutlich, weil Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr auch bei der „Berlinale“ dieses Jahres so angenehm aufgefallen war.

Wer außerhalb des Theaters, vor allem im Kino, Furore macht, der wird offenbar neuerdings auch im Theater als Sieger durchgewinkt – der Minderwertigkeitskomplex, der angesichts populärerer Medien die Theaterprominenz erfasst, ist kaum zu überbieten.

Gegen alle Kritik an der Auswahl der Einladungen zum Berliner Theatertreffen schützt das Festival die Grundidee – derzufolge das Mehrheitsvotum einer Handvoll Jurorinnen und Juroren dafür verantwortlich ist, welche „bemerkenswerten“ Produktionen eingeladen werden. An diesem Teflonpanzer prallen Einwände und Vorwürfe immer ab – wie etwa der, dass „zu wenig Politik“ zu finden sei oder (so Peymann) „keiner über 50“ mehr ausgewählt werde. Immerhin das ist nachweisbar Unfug.

Es gibt aber keine „Trends“ in Berlin; und wenn sich doch mal einer abzeichnet (wie diesmal im Blick auf sehr private Theater-Geschichten bei Christoph Schlingensief, der seine Krebserkrankung in Bühnenkunst verarbeitet, oder bei Joachim Meyerhoff, dann ist das blanker Zufall. Die Einladung an Meyerhoff war zudem eher ein Witz – ein Vierzigjähriger erzählt Döntjes aus seinem Leben … ganz hübsch. Früher wäre so etwas als Nachtprogramm im „Spiegelzelt“ ein Knüller gewesen. Die Einladung ins Hauptprogramm ist ein Armutszeugnis.

Das Theatertreffen selbst war sich der eigenen Defizite übrigens immer bewusst – und hat in den Jahren mit der neuen Leiterin Iris Laufenberg den eigenen Gestaltungsspielraum stark ausgedehnt: So viele Workshops, so viele „Talente“ wie beim Theatertreffen gibt’s wohl selten bei Festivals. Das ist die eigentliche Berliner Erfolgsgeschichte dieser Tage und Wochen.

Das Problem war (und bleibt) die Jury; oder besser: der Jurygedanke. Das aktuelle Septett gab sich (von Ausreißern abgesehen) fast demonstrativ einfallslos, es folgte so unübersehbar dem Mainstream, dass weite Teile des Programms auch per Quotenmessung hätten erstellt werden können. Alle Welt sprach vom kranken Schlingensief – die Jury lud eine der Produktionen ein, mit denen der Theatermacher gegen die Krankheit kämpft. Birgit Minichmayr siegte bei der „Berlinale“ – die Jury lud Martin Kusejs einigermaßen effektsichere, aber ansonsten durchschnittliche Produktion vom Wiener Burgtheater ein, in der sie Karl Schönherrs „Weibsteufel“ spielt.

Der (wie Schlingensief todkranke) Regisseur Jürgen Gosch produziert seit Jahren wie am Fließband Aufführungen, die zwar fast immer berührend sind, aber mit der Zeit auch immer verwechselbarer wirken – die Jury lud gleich zwei davon ein; Roland Schimmelpfennigs Hochzeitsexzess „Hier und Jetzt“ aus Zürich und Tschechows „Möwe“ vom Deutschen Theater in Berlin. In Hamburg schließlich sorgte eine Handvoll schwer beleidigter Pfeffersäcke für einen Skandal um Volker Löschs achtbare, aber auch plakative „Marat“-Inszenierung, in der Hartz-IV-Empfänger von vorrevolutionären Zuständen berichten – die Jury lud sie ein; und immerhin brach hier mal das wirkliche Leben ein in die gepflegte Festivalatmosphäre.

Die Jury, so scheint es, richtet sich nach Schlagzeilen, die andere machen; und ob sie das nun bewusst oder unbewusst tut, tut fast schon nichts mehr zur Sache. Nicht umsonst allerdings sitzen zwei Juroren im Gremium, in deren Publikationen („Spiegel“ und „Focus“) Theaterkritik als Kunst der kontinuierlichen Beobachtung gar nicht mehr vorkommt. Wie und wonach sollen gerade diese Herren denn sortieren – außer nach Top oder Flop und Highlights der Saison? Wie sollen die erkennen, was an bedeutenderen Aufführungen in Basel und Düsseldorf, in Leipzig und Dresden, Mannheim und Hannover, aber eventuell auch in Magdeburg und Potsdam, Augsburg, Bielefeld und Oberhausen zu sehen sein könnte; und zwar in jeder Saison?

Der einzige echte originär-unverwechselbare Glücksfall blieb Andreas Kriegenburgs Münchener Kafka-„Prozess“ – diesem Regisseur gelingt es, sich für jede Arbeit quasi neu zu erfinden und das Material gleich mit. Und das Ensemble der Münchner Kammerspiele ist einfach eine Schatzkiste; durchweg grandios besetzt ist der Abend, und die reife Annette Paulmann macht schier sprachlos vor Glück. Es liegt nicht am deutschen Theater, dass es in Berlin so oft so mittelmäßig daherkommt. Es lag immer (und liegt gerade besonders) an der Jury, die Entscheidungen trifft. Sie ist ein alter Zopf. Irgendwann denken die Festspiele vielleicht ja doch noch über eine neue Frisur nach.

von Michael Laages