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Kultur Orbit mit Zucker
Nachrichten Kultur Orbit mit Zucker
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07:32 11.03.2014
Von Uwe Janssen
James Blunt kann auch mit hohem Schmusepopanteil eine Partyatmosphäre erzeugen.
James Blunt kann auch mit hohem Schmusepopanteil eine Partyatmosphäre erzeugen. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Daaaaa … oh je, er wird doch nicht … daaaaaa … er wird noch nicht wirklich … daaaaaaaa ... Das geht doch nicht mehr … - DADAAAAAA!

Doch, er wird. James Blunt beginnt die Tour zum neuen Album „Moon Landing“ mit einer Mondlandung auf Videowand und Richard Strauss’ unvermeidlichem „Also sprach Zarathustra“. Hoffen wir mal, dass es eine ironische Anspielung ist.

Nein. Sie ziehen das Ding durch. Der britische Sänger und seine Band kommen in Overalls auf die Bühne. Immerhin sind es eher Mechanikerklamotten und nicht ein Weltraumkluft wie seinerzeit bei Udo Lindenberg, aber der trug Anzug und Hut drunter, und der durfte und darf sowieso alles. James Blunt meint es im Zweifel ernst, und nach dem Jubel der 9000 Fans, die ihm als Begrüßung in der TUI Arena entgegenschlägt, wird es auch gleich bedeutungsschwer.

„Face the Sun“ ist ein sphärischer Auftakt, pathetisch, mutig. Nicht erstmal rocken und – um im Bild zu bleiben – Triebwerke zünden. James & the Mechanics gleiten in den Abend hinein. Sie stehen oder sitzen auf Podesten, die wie Abschussplattformen aussehen, Laserblitze zucken durch die Halle, es soll also eine Space Night werden. Pop braucht Bilder, Pop braucht auch Kitsch, vor allem braucht Pop aber Veränderung. Und weil James Blunt die Abwechslung nicht in der Musik sucht, fliegt er eben mit seinen Fans zum Mond. Eine Mittelleinwand, die sich unten nach vorn wölbt, weil sich ja auch im All alles krümmt und wölbt, liefert die zumeist schwarz-weißen Bilder.

Natürlich stellt der 40-Jährige sein neues Album vor, aber er streut die neuen Songs eher ein als dass er sie erst im Block präsentiert und das Publikum dann mit der Greatest-Hits-Sause belohnt. Derart in Vertrautes eingebettet, wirkt dieses James-Blunt-Konzert musikalisch wie jedes James-Blunt-Konzert: Poppig, melodieselig, schwelgerisch, balladig, kitschig, süßlich. Orbit mit Zucker.

Blunts Stimme hat live etwas mehr Bauch als auf CD, er intoniert fast immer perfekt auf den Punkt. Dafür kämpft er in Hannover ein wenig mit den Falsetttönen, die ihm oft zu dünn geraten. Doch Blunt macht alles weich. Geschmeidig, sagen die, die seine Stimme mögen. Heulsusig sagen die anderen. Und mit denen setzt Blunt sich seit Kurzem persönlich auseinander. So persönlich, wie es ein Kurznachrichtendienst wie Twitter eben hergibt. Blunt kommentiert die, die ihn beschimpfen, und das auf ziemlich unterhaltsame Weise. Leider hat er von diesem trockenen Humor nur wenig mit in die Halle gebracht. Aber hier sind ja auch nur die, die ihn feiern. Und sie feiern. „Hannover, wie geht’s?“, fragt er. Ja, wie wohl? Im bestuhlten Innenraum stören nach ein paar Songs vor allem die Stühle.

Das war von Beginn an das Unglaubliche an Konzerten dieses Typen: mit einem so hohen Schmusepopanteil eine solche Partyatmosphäre zu erzeugen. Da wird auch diesmal jede Midtemponummer zum Klatsch- und Tanzabräumer (auch das neue „Postcards“), und jede zerbrechliche Liedstrophe zum Massenchorstück. Das kann Hannoverwiegeht’s auch ganz allein. Aber es gibt wahrlich größere Probleme, mit denen man sich als Popstar herumschlagen muss, und da lässt man sich schon mal eine Nummer von einem vieltausendstimmigen Damenchor vorsingen. Schont auch die Stimme. Bei „Miss America“ geht das noch nicht, weil es noch zu neu ist. Warum er das Stück Whitney Houston widmet, wird aber trotzdem nicht ganz klar.

Auch so eine Eigenheit ist, dass emotionaler Höhepunkt auch dieser Show ein Schmachtfetzen ist: „Goodbye my Lover“, das er, nur am Klavier, zu einem Drama aufblasen kann. Und natürlich  „You’re beautiful“, dieses Stück, das seinen Ruhm begründete und seine Zuhörerschaft in die beiden erwähnten Lager spaltete.

Nach gut 100 Minuten landen Blunt und seine Crew wieder sicher auf der Expo-Plaza. Ist gar nicht so weit, wie man immer dachte.

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