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Kultur „Ein kühnes Unterfangen“
Nachrichten Kultur „Ein kühnes Unterfangen“
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15:44 08.05.2014
Von Johanna Di Blasi
Foto: Das Kunstmuseum Bern soll die umstrittene Gurlitt-Sammlung erhalten.
Das Kunstmuseum Bern soll die umstrittene Gurlitt-Sammlung erhalten. Quelle: Gian Ehrenzeller
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Noch am Sterbetag von Cornelius Gurlitt entbrannte in Deutschland eine sonderbare Debatte. Kaum war die Nachricht durchgesickert, dass der Sammler sein Kunsterbe aus internationalen Meisterwerken von Nolde bis Picasso, Chagall bis Matisse laut Testament ins Ausland verschenkt hat, wurde gefragt, ob das überhaupt geht. Kann man auf Hunderte Kunstwerke verzichten, die im Zuge der NS-Museumsrazzien („Entartete Kunst“) aus deutschen Ausstellungshäusern in Berlin, Hannover oder Essen geholt wurden?

Soll wirklich der ganze Bestand an Bildern im Wert von möglicherweise mehreren Millionen Euro ans private Kunstmuseum Bern gehen, so wie es der am Dienstag 81-jährig verstorbene, kinderlose Sammler verfügt hat? Die Deutsche Presseagentur konsultierte Anton Steiner, Präsident des Deutschen Forums für Erbrecht. Dieser sagte, möglicherweise komme das Gesetz zum Schutz deutschen Kulturguts gegen Abwanderung, kurz KultgSchG, zur Anwendung. Obwohl von nationaler Bedeutung, ist der Kulturgüterschutz in Deutschland Ländersache.

Im Falle Gurlitts ist Bayern zuständig. „Unser Ministerium wird – wie im Gesetz vorgesehen – die Kunstwerke aus dem Besitz des verstorbenen Cornelius Gurlitt unter dem Gesichtspunkt national wertvollen Kulturguts überprüfen müssen und entsprechende Werke auch in diese Liste aufnehmen“, ließ sich ein bayerischer Ministeriumssprecher am Mittwoch zitieren. Am Donnerstag wurde nachgereicht, dass man aber keine Eile habe.Kann der „Nazi-Schatz“ (Focus) allen Ernstes nationalen Kulturgutrang für sich beanspruchen, wie zum Beispiel der mittelalterliche Welfenschatz? Letzteren hatten bereits die Nationalsozialisten als für die Nation unverzichtbares Gut klassifiziert.

Zum Gurlitt-Erbe gehört nachgewiesenermaßen auch Raubkunst aus jüdischem Besitz. Laut der Koordinierungsstelle in Magdeburg sind rund 450 Bilder, die Gurlitt jahrzehntelang im Dämmerlicht seiner Münchner und Salzburger Behausungen hortete, mit Raubkunstverdacht behaftet.Andreas Hüneke ist an der Freien Universität Berlin Mitarbeiter der Forschungsstelle „Entartete Kunst“, wo auch Meike Hoffmann tätig ist, die als erste Forscherin in den Gurlitt-Bestand hatte Einblick nehmen dürfen. Hüneke findet es „richtig und wichtig“, wenn die Bestände, die aus der Beschlagnahme der „Entarteten Kunst“ kommen, zusammenbleiben, so wie das in Rostock beim Böhmer-Nachlass der Fall ist. „Schön wäre es, wenn das an einem Ort wäre, der zu den historischen Ereignissen oder zu Gurlitt in einer Beziehung steht, also Berlin, Hamburg, Dresden, Düsseldorf oder München. Aber wenn man deswegen in die Schweiz fahren müsste, wäre das auch nicht schlimm.“

Sollte der Gurlitt-Bestand tatsächlich als national wertvolles Kulturgut eingestuft werden, so könne das „allenfalls die Sammlung als Ganzes“ betreffen, meint Hüneke. „Die Restitutionsfälle werden sowieso ausgenommen, das hätte ja sonst auf das Straßenbild von Kirchner viel eher angewendet werden müssen.“ Vor inzwischen acht Jahren wurde in Berlin ein Werk des deutschen Expressionisten restituiert und löste eine hitzige Debatte aus.
„Der Freistaat Bayern und die Bundesregierung sollten es sich sehr gut überlegen, einen erneuten staatlichen Übergriff auf die Sammlung Gurlitt zu wagen. Es wäre ein kühnes Unterfangen“, sagte hingegen Stephan Holzinger, Gurlitts Sprecher, zur aktuellen Kulturgutdebatte auf Anfrage. Drei Dinge sind laut Holzinger derzeit fraglich: Ob das Testament Gültigkeit besitzt, ob das Kunstmuseum Bern es annimmt, und falls nicht, welche anderen Erbberechtigten zum Zuge kommen. Es wären Gurlitts entfernte Verwandte, die schon gelegentlich mal ein Bild geschenkt bekommen hatten.

Der Schwabinger und Salzburger Kunstfund, der zusammengerechnet aus mehr als 1500 Werken besteht, bleibe bis auf Weiteres an dem verborgenen Ort, wo er nach der Beschlagnahme hingelangte, sagt Holzinger. In der Schweiz mehren sich inzwischen Zweifel, ob das vergiftete Gurlitt-Erbe tatsächlich angenommen werden sollte. Die Museumsleitung und der Stiftungsrat in Bern werden nach eigenen Angaben in den nächsten Wochen eine Entscheidung treffen.
Streng genommen gibt es gar kein nationales, sondern nur internationales Kulturgut. In fast allen Kunsterzeugnissen mischen und kreuzen sich unterschiedliche kulturelle Einflüsse. Ein besonders eindringliches Beispiel für, wie er sagt, „internationales Kulturgut“ gibt der chinesische Künstler Ai Weiwei in seiner aktuellen Berliner Ausstellung. Dort trifft man auf vergoldete Repliken von Brunnenfiguren aus dem Sommerpalast in Peking, die die Chinesen als nationales Kulturgut ansehen.

Ratte, Schwein und Schlange zierten den Garten eines von Europäerin im Rokokostil für den chinesischen Herrscher gestalteten Palastes, den im Opiumkrieg Franzosen und Briten plünderten und demolierten. Wenn überhaupt, so ist der Gurlitt-Schatz, in dem sich mit Matisse auch französisches und mit Picasso spanisch-französisches Erbe befindet, internationales Kulturgut. Entsprechend sollte der Gesamtbestand endlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
 

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