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Kultur In Berlin hat das 46. Theatertreffen begonnen
Nachrichten Kultur In Berlin hat das 46. Theatertreffen begonnen
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20:05 04.05.2009
Das Berliner Theatertreffen wurde  mit “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" von Christoph Schlingensief eröffnet.
Das Berliner Theatertreffen wurde mit “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" von Christoph Schlingensief eröffnet. Quelle: Michael Kappeler/ddp
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Ein Festspielhaus für Afrika – was vor kurzem, bei der Premiere von Christoph Schlingensiefs jüngster Theater-Passion “Mea Culpa” am Wiener Burgtheater, noch wie eine schräge Idee des mit der eigenen Krebs-Erkrankung kämpfenden Regisseurs aussah, bekommt offenkundig Unterstützung von höchstmöglicher Stelle: Frank-Walter Steinmeyer, als Bundesaußenminister Herr über die verschiedensten Bemühungen auswärtiger deutscher Kulturpolitik, hat sich im Fernsehspräch mit Schlingensief dezidiert zum Festspielhaus für Afrika bekannt.

Der Plan, so scheint es, ist sogar schon so weit gediehen, dass nur noch wenige afrikanische Länder in der Endauswahl für den Standort sind, Mosambik etwa oder Burkina Faso. Im übrigen, so Steinmeyer, sei ein solches Festspielhaus ja kein Ort, um vor allem deutsche Kultur zu präsentieren – vielmehr sollten lokale, regionale Kultur-Traditionen und internationale Festival-Produktionen einander dort in gegenseitiger Würde und Hochachtung begegnen können.

Mit Schlingensief, aber auch mit dem Regisseur Jürgen Gosch, der am Sonntag den mit 20.000 Euro dotierten Berliner Theaterpreis erhalten hat (und wenige Tage zuvor schon den Welt-Theaterpreis des Internationalen Theater-Instituts), stehen auf tragische Weise sehr private, persönliche Geschichten am Beginn der 46. Ausgabe des Berliner Theatertreffens. Gosch allerdings macht kein öffentliches Thema aus dem Leiden; rasend schnell verschlimmert sich sein Krebs, der (lange Zeit unerkannt) am Rückenmark begann und ihn inzwischen fast bewegungsunfähig in den Rollstuhl zwingt: ein schockierendes Bild dieses Theater-Menschen, dessen jetzt in Berlin gezeigte Produktionen, Tschechows “Möwe” vom Deutschen Theater sowie “Hier und Jetzt” von Roland Schimmelpfennig aus Zürich, in aller Melancholie doch auch das wilde chaotische Leben feiern.

Schlingensief dagegen hat seit Ausbruch der Lungenkrebs-Erkrankung zu Beginn des vergangenen Jahres die eigene Todesangst, den eigenen Überlebenskampf ins Zentrum der Theaterarbeit gestellt; das Theatertreffen wurde eröffnet mit “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir”, Schlingensiefs mit großer Anstrengung ganz auf die christliche Passionsgeschichte bezogene, halbdokumentarische Beschwörung des ersten Erschreckens, der ersten Zusammenbrüche nach Beginn der Krankheit. Die Produktion entstand im Herbst vorigen Jahres für die “Ruhrtriennale”; für die Produktion in Berlin (und die Übertragung auf 3sat) war eine Art Kirchenschiff quer ins Berliner Festspielhaus gebaut worden.

Schlingensief hat sich damit (und ja auch durch die unlängst erfolgte Präsention von Tagebüchern) entschieden, die Krankheit durch Veröffentlichung zu attackieren; getreu dem Motto von Joseph Beuys: “Wer seine Wunden zeigt, der wird geheilt; wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.” Der Regisseur Volker Lösch, mit dessen unstrittener Hamburger Peter-Weiss- und “Marat”-Bearbeitung das Theatertreffen in zwei Wochen endet, benennt diesen Prozess zunehmender Privatheit auf der Bühne als politischen Vorgang – seine Produktionen werden seit Jahren von Theater-Laien aus den jeweiligen Städten bevölkert; beim Hamburger “Marat” von Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern, die auf der Bühne ihre Geschichten erzählen und zugleich die Differenz der Einkommens- und Lebens-Klassen in Deutschland benennen: als Krankheit der Gesellschaft. Wobei es Lösch, wie er sagt, weniger um “Authentizität” im Theater gehe, als vielmehr darum, diesem anderen Alltag (der ja sehr gegenwärtig ist, aber in Statistiken versteckt wird) wieder eine eigene Stimme zu geben.

Mit diesem Bemühen des Theaters aber um das Ich als ungeschütztes Subjekt auf der Bühne, nicht nur als Objekt von Literatur, hat das Theatertreffen wie zufällig so etwas wie eine Idee, eine grundsätzliche Frage, an der es sich zwei Wochen lang abarbeiten kann.

von Michael Laages