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Kultur „Utøya 22. Juli“: Angst in Echtzeit
Nachrichten Kultur „Utøya 22. Juli“: Angst in Echtzeit
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12:01 19.09.2018
Sie spürt den Verfolger im Nacken: Kaja (Andrea Berntzen) flüchtet in den Wald. Quelle: Foto: Weltkino
Hannover

Eben noch hat Kaja beruhigende Worte in ihr Handy gesprochen: „Alles gut, Mama“, hat sie gesagt. „Wir sind hier auf einer Insel, der sicherste Ort der Welt.“ Auch ihrer kleinen Schwester Emilie gehe es gut. Wenn die verantwortungsvolle Kaja erwachsen ist, will sie Politikerin werden und die Welt besser machen. Das hat sie gerade beim Schlemmen einer dick mit Marmelade bestrichenen Waffel in dem Jugendzeltlager gesagt.

Schreiende Jugendliche hetzen durch den norwegischen Nadelwald

Kaja (Andrea Berntzen) irrt sich, aber das kann sie zum Zeitpunkt des Telefonats noch nicht wissen – auch dann noch nicht, als die ersten Schüsse auf Utøya fallen und Kaja verärgert ruft: „Hört auf mit dem Quatsch!“ Es handelt sich aber nicht um einen an diesem Tag reichlich unpassenden Streich mit Feuerwerkskörpern, wie Kaja glaubt. Sekunden später hetzen schreiende Jugendliche durch den norwegischen Nadelwald und verstecken sich hinter Stämmen, Sträuchern, Steinen – hinter allem, was sie vor dem tödlichen Entdecktwerden schützen könnte.

Zwei Stunden zuvor ist eine Autobombe in Oslos Regierungsbezirk hochgegangen. Zu Beginn von Erik Poppes Thriller „Utøya 22. Juli“ haben wir dokumentarische Bilder von der Explosion gesehen, aufgezeichnet von Überwachungskameras. Kein Wunder, dass Kajas Mama Angst um ihre Töchter hat.

An diesem Tag, dem 22. Juli 2011, sterben auf der kleinen Insel Utøya, rund 30 Kilometer nordwestlich von Oslo, 69 junge Menschen, erschossen vom rechtsextremistischen Terroristen Anders Behring Breivik. Auch 33 Verletzte werden am Ende gezählt.

Erst nach 72 Minuten des Mordens wurde Breivik überwältigt

72 Minuten hat das Morden gedauert. Dann gelang es einem Spezialkommando, Breivik zu überwältigen. 72 Minuten lang verfolgen wir ohne einen einzigen Schnitt Kajas verzweifelte Suche nach ihrer kleinen Schwester Emilie (Elli Rhiannon Müller Osbourne). „Utøya 22. Juli“ ist zu weiten Teilen ein Echtzeit-Thriller.

Bei der Berlinale im Februar war „Utøya 22. Juli“ der wohl am heftigsten diskutierte Wettbewerbsbeitrag. Muss man so etwas inszenieren? Wohl jeder Zuschauer stellte sich noch eine weitere Frage: Soll man sich so etwas anschauen?

72 Minuten lang heftet sich die Kamera an Kaja. Wir sehen nicht mehr, als Kaja sieht. Wir werfen uns mit ihr auf den Waldboden. Wir keuchen mit ihr vor Angst. Wir verzweifeln mit ihr, wenn es ihr nicht gelingt, die Polizei am Telefon zu erreichen – der Handyempfang ist miserabel. Wir hören peitschende Schüsse, die Schreie anderer Teenager. Wir finden mit ihr eine schwer verletzte Mitschülerin. Wir flüchten mit Kaja zu den Felsen am Wasser, hinter denen schon andere Jugendliche kauern.

Keine Totale bringt den Zuschauer auf sichere Distanz

Genauso wenig wie Kaja erhalten wir einen entlastenden Überblick. Keine Totale bringt uns auf sichere Distanz zum mörderischen Geschehen. Was bleibt, ist ein Gefühl der Ohnmacht.

Den Täter erblicken wir nur als schemenhafte Figur aus großer Distanz, und auch die spätere Verhaftung wird nicht mehr erzählt. Er bleibt der große Unbekannte. Das hier soll auf keinen Fall sein Film sein. „Utøya 22. Juli“ gehört den Opfern. Ihre Geschichte will der Regisseur erzählen.

Beim Schreiben des Drehbuchs hatte Poppe, ehemaliger Pressefotograf und renommierter norwegischer Regisseur, Überlebende einbezogen. Die Figur Kajas hat er nach eigenen Worten erfunden, destilliert aus der Wirklichkeit. Er wolle die Gefühle von Angehörigen nicht verletzen. Sie sollen sich nicht ständig fragen müssen, ob das jetzt ihr Kind ist, das da in Todesangst durchs Unterholz hetzt.

Das Publikum wird in die Voyeursrolle gedrängt

Viel näher dran am Terror kann man sich im Kino kaum fühlen. Wo wir sonst die Sicherheit der Fiktion genießen, wissen wir hier, dass es so oder ähnlich gewesen sein muss. Gebannt bleibt man am Geschehen dran. Darf man einem Film vorwerfen, dass er zu spannend ist? Dass er das Sterben anderer in – noch so gut gemeinte – Unterhaltung umsetzt?

Der Zuschauer wird in die Rolle eines Voyeurs gezwängt, der er gar nicht sein möchte. Ob der Film Betroffenen hilft, ihre Traumata zu überwinden? Bei der Berlinale hat Poppe diese Hoffnung geäußert.

Ein zweiter Versuch über Utøya lief gerade beim Filmfestival in Venedig: Der britische Regisseur Paul Greengrass, Experte für der Wirklichkeit entlehnte Gewalttaten („Bloody Sunday“, „Flug 93“, „Captain Phillips“), lieferte mit „22. Juli“ einen weit konventionelleren Film ab als sein norwegischer Kollege Poppe – und ließ viele Zuschauer erst recht unbefriedigt zurück.

Wie auch immer die Filmemacher vorgehen, ob mit experimentellem Einfühlungsvermögen oder kühl beobachtend: Dem Massenmörder auf der norwegischen Insel kommen sie nur schwer bei.

Von Stefan Stosch / RND

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