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Kultur Festival der Philosophie liefert viele Fragen
Nachrichten Kultur Festival der Philosophie liefert viele Fragen
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19:42 13.04.2012
Auf Vernunftsuche: Helmut Heit, Joachim Weimann, Reinhard Breuer, Elisabeth Schweeger, Helmut Willke (v. l.)
Auf Vernunftsuche: Helmut Heit, Joachim Weimann, Reinhard Breuer, Elisabeth Schweeger, Helmut Willke (v. l.)
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Hannover

Was für eine Frage: „Wie viel Vernunft braucht der Mensch?“ heißt nicht nur das Motto des diesjährigen Festivals der Philosophie - es war auch die Frage, die im überfüllten Bürgersaal des Neuen Rathauses am Eröffnungsabend vier Experten in einer Podiumsdiskussion gestellt wurde. Das Publikum, das sich vielleicht eine Antwort erhoffte, musste erst mal vom Philosophen Helmut Heit hören, dass das eigentlich eine falsche Frage sei: Man kann Vernunft nicht quantifizieren.

Noch schwieriger ist es, Vernunft zu definieren. In der antiken Philosophie habe man die Hoffnung gehabt, moralisches Handeln aus der Vernunft ableiten zu können. Aber heute werde Vernunft nur noch instrumentell verstanden. Ähnlich argumentierte der Wirtschaftsforscher Joachim Weimann, der auch nicht wusste, wie man einen „Pudding annagelt“. Es gebe so viele Vorstellungen von Vernunft, wie es Ziele gäbe.

Eine etwas gespannte Beziehung zu diesem Begriff hat offensichtlich die Intendantin der Kunstfestspiele Herrenhausen, Elisabeth Schweeger. Sie zeigt großes Verständnis dafür, dass Kinder bei der Aufforderung „Sei vernünftig“ sich erst mal widerständig zeigen. Zudem gelte heute als unvernünftig, was man früher als vernünftig angesehen habe. Sie plädierte für eine produktive Unvernunft, wie sie für künstlerische Arbeit unerlässlich ist. Auch Erfinder müssten an das Unmögliche glauben.

Auch der Systemtheoretiker Helmut Willke wollte der Unvernunft ein paar Nischen zugestehen - wenn sie denn letztlich der Rationalität des ganzen Systems dienen. Das große Problem scheint ihm aber, wenn ein System insgesamt unvernünftig ist - wie die Finanzkrise gezeigt habe, die global katastrophale Auswirkungen auf die Menschen gehabt habe. Mit Heit ist er der Meinung, dass sich die Akteure an der Börse sehr wohl rational (im Sinne des irrationalen Systems) verhalten hätten.

Weimann hat dagegen offensichtlich eine höhere Meinung von der Bedeutung des subjektiven Faktors. Manche Akteure hätten sich gegen die Regeln entschieden, weshalb sie auch juristisch verfolgt würden. Zudem ist er der Ansicht, dass Menschen sich sehr wohl auch gegen ihre Interessen moralisch verhalten könnten, das sei ein Zivilisationsfortschritt.

Als ein solcher hat sich auch die Demokratie erwiesen, meinte Willke. Sie sei ein intelligentes System, das auch dann funktioniere, wenn in ihmdurchschnittliche Menschen handelten. Allerdings bezweifelt er, dass die Demokratie den komplexen globalen Fragestellungen von Gegenwart und Zukunft gewachsen sei. Die Regeln dieses Systems müssten optimiert werden, damit die Politiker vernünftiger - oder: weniger unvernünftig handeln könnten.

Mehr Teilhabe, wie sie sein Mitdiskutant Heit anmahnte, kann sich Willke an manchen Stellen dieses Systems vorstellen, insgesamt aber müsse sich wohl das System mehr in Richtung Expertokratie entwickeln. Ein Gedanke, der bei Weimann eher ein Unwohlsein hervorrief: Er setzt mehr auf eine Konkurrenz der Experten. Dass bei deren Expertisen möglicherweise auch noch unterschiedliche ökonomische Interessen im Spiel sein könnten, wurde nicht angesprochen. Eine Podiumsdiskussion hat nun mal eine begrenzte Dauer.

Wer die Philosophie etwas sinnlicher präsentiert haben wollte, konnte sich am späteren Abend noch ins Leibnizhaus begeben, wo - mit einiger italienischer Beteiligung - eine Notte bianca, eine Weiße Nacht, inszeniert wurde, durch die mit Präzision und Ironie der Philosoph Dieter Krohn führte. Zunächst aber bewies der hannoversche Philosoph Dietmar Hübner, dass sich strenges begriffliches Denken und künstlerische Kreativität nicht ausschließen. Seine „Five Songs of Night“ wurden von der Sängerin Michaela Rams mit großer Anmut vorgetragen. So war man denn eingestimmt auf die berauschende Poesie von Dino Campana, die Monika Antes vorstellte. Was die federnde italienische Wortmusik, mit der die Gedichte im Original zelebriert wurden, an Emphase und großer Geste versprach, konnten dann die Übersetzungen halten.

Auf den harten Boden der geschichtlichen Tatsachen führte der Vortrag des emeritierten hannoverschen Historikers Carl-Hans Hauptmeyer, der seine Disziplin auf vernünftige, objektivierbare Kriterien verpflichtete. Und zwar weil der Mensch und sein Handeln gerade nicht vernünftig sind und er von angeblichen Lehren der Geschichte zuweilen den böswilligsten Gebrauch macht. Um es mit seiner Ironie zu sagen: „Das Absurde ist bisweilen das Wahrscheinlichste.“

Dass dies auch in der Debatte um den sogenannten „Bologna-Prozess“ so ist, zeigte der Vortrag von Giorgios Terizakis - worauf dann bis 23 Uhr der italienische Philosoph Salvatore Principe in Fichtes Vernunftbegriff eintauchte.

Zum letzten Schlag holte dann noch der tschechische Philosoph Jakub Mácha aus, als er sich mit dem Problem der unbeantwortbaren Fragen beschäftigte, die laut Kant „die Vernunft belästigen“. Während der diese Fragen gleichwohl für notwendig hielt, habe Wittgenstein den Menschen von diesen Fragen befreien wollen, weil er sie letztlich für unsinnig hielt. Wer unter dem Publikum beiden Veranstaltungen folgte, war nun wieder bei der falschen Frage gelandet - eine Drehbewegung, die so manchen schwindlig machte.

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