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Nachrichten Kultur Ein U-Bahn-Kunstprojekt sorgt in Karlsruhe für Aufruhr und böse Worte
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09:15 17.12.2018
Ist über den Aufstand gegen sein Projekt verblüfft: der Künstler Markus Lüpertz. Quelle: Uli Deck/dpa
Karlsruhe

Beethoven ohne Arme in Bonn, der Mozart-Torso in Salzburg oder die dralle Aphrodite in Augsburg – nicht jedem gefällt die Kunst von Markus Lüpertz. Protest ist er gewohnt. „Es ist völlig in Ordnung, wenn Leute meine Kunst ablehnen. Kunst muss nicht gefallen, mit Kunst muss man sich auseinandersetzen“, sagt der prominente Maler und Bildhauer. Was in Karlsruhe abging, verblüfft den 77-Jährigen aber doch. Ein einziges Wort, sagt er, hat hier für Aufruhr gesorgt.

Die Rede ist von „Genesis“. So lautet der Titel seines geplanten Projektes im Karlsruher Untergrund. Ab Ende 2020 soll die zweitgrößte Stadt Baden-Württembergs eine U-Bahn bekommen – und eine neue Kunstattraktion. Lüpertz will 14 reliefartige Keramiktafeln schaffen, jede zwei mal vier Meter groß. Die Schöpfungsgeschichte verdichtet auf sieben Haltestellen. Eine Art Geschenk des Maler-Promis für seine Wahlheimat, aus der seine Frau kommt und wo die Kinder groß geworden sind.

Aufstand der örtlichen Kunstszene

Eine unterirdische Kunstgalerie, geöffnet an 365 Tagen, gestaltet von einem der bekanntesten Gegenwartskünstler, bezahlt von Sponsoren – der Gemeinderat mit Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) an der Spitze stimmte vor gut eineinhalb Jahren deutlich dafür. Klare Angelegenheit also? Nicht ganz. Vor der entscheidenden Abstimmung im Gemeinderat gab es einen Aufstand der örtlichen Kunstszene.

„Keramische Kirchenkunst“ passe nicht zum Image einer modernen IT-Metropole, meinte Peter Weibel, der Direktor des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM). Die Grünen sahen das auch so und fürchteten mangels Ausschreibung für das private Projekt um demokratische Spielregeln im öffentlichen Raum. In einem Anti-Lüpertz-Blog ätzten andere wiederum über den „geschenkten Gaul“, Eliten und alte Männer, deren Kunst man nicht wolle.

Lüpertz, so umstritten wie bewundert und bis dahin von der Künstlerschaft in Karlsruhe hofiert, war mehr als erstaunt. „Ich hatte mit keinem Wort gesagt, was ich machen würde – und gleich gab es die Diskussion, ob man das überhaupt machen dürfe.“ Tiefer Hass habe sich da gezeigt. Jeder Kleinkünstler habe versucht, noch irgendeinen Spruch los zu werden. „Es ging ja so weit, dass es hieß, ich würde mir Plätze kaufen“, so der frühere Rektor der Düsseldorfer und Karlsruher Kunstakademie. „Ich war verblüfft und enttäuscht. Und irgendwann hatte ich keine Lust mehr, überhaupt noch was zu sagen.“

Der Künstler, bekannt für extravaganten Auftritt im Dreiteiler mit Ohrring und Silberknauf-Stock, sitzt an einem grauen Samstag in der Wohnküche seines Domizils in Karlsruhe. Leger, leicht verschnupft. Er will sich nicht mehr aufregen. Und tut es dann doch. „Ich wurde so was von beleidigt, das kann man sich gar nicht vorstellen.“

Hat er nach allem die Lust an der U-Bahn-Kunst verloren? Im Gegenteil, versichert der Initiator des Projektes, Anton Goll. Der frühere Geschäftsführer der Staatlichen Majolika Karlsruhe, in der die Keramiktafeln gebrannt werden sollen, hat nach eigenen Angaben alle 14 Hauptpartner für die einzelnen Kunstwerke sowie weitere Spender und Sponsoren gewonnen. Sie sollen das Projekt finanzieren. Golls Verein „Karlsruhe Kunst Erfahren“ will etwa eine Million Euro sammeln. Die zum Start nötigen 750 000 Euro seien schon fast zusammen.

„Genesis“: siebenteiliges Werk an sieben Stationen

Das Projekt „Genesis“ umreißt Lüpertz so: „Ich stelle mir für die sieben Stationen ein siebenteiliges Werk im Rhythmus der sieben Tage vor. Der Montag könnte etwas mit den Sternen zu tun haben, der Dienstag mit Arbeit, der Mittwoch ist die Teilung der Welt in Hell und Dunkel, der Donnerstag ist die temporale Zeit, Gewitter und Gezeiten, Freitag ist der freie Tag oder der Tag des Freiens um die Frau, Samstag ist das Wochenende, und Sonntag ist der Tag des Herrn. Die Interpretationen sind sehr offen.“

Mit dem Kampfbegriff seiner Kritiker – „keramische Kirchenkunst“ – kann er wenig anfangen. „’Genesis’ ist ein Thema so alt, wie es Kunst gibt. Sieben U-Bahn-Stationen, sieben Tage die Woche, sieben ist eine magische Zahl. In der Astrologie, in der Magie. Sieben ist ein durch alle Kulturen gängiger Rhythmus.“ Und dass Keramik veraltet sein soll, kann er so nicht sehen: „Keramik ist eines der haltbarsten und traditionellsten Materialien im öffentlichen Raum. Es ist ein aufregendes und traditionelles Material. Mit der Majolika hier bot sich das einfach an.“

Promoter Goll ist überzeugt: „Es wird ein Jahrhundertwerk.“ Er hofft auf einen „Elbphilharmonieeffekt“; eine Sogwirkung auf Touristen. Die Kritiker halten das für eine Illusion: „Die Erwartung, dass wegen Lüpertz-Kunst Touristen kommen, ist abwegig“, heißt es aus einer renommierten Kunstinstitution. Öffentlich will sich derzeit kaum einer äußern. Skeptisch sind die Grünen auch wegen der Finanzierung: „Es ist doch sehr eigenartig, dass kein einziger der Sponsoren öffentlich genannt werden darf“, findet Grünen-Stadträtin Renate Rastätter. „Ich glaube Herrn Goll erst dann, wenn konkrete Fakten genannt werden.“

Die will der frühere Majolika-Chef nun liefern. „Lüpertz kann wohl noch vor Weihnachten sein Atelier in der Majolika beziehen und sich ans Werk machen“, sagt Goll. „Rund zwölf Tonnen Ton warten darauf, zum Kunstwerk geformt zu werden.“

Von RND / dpa

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