Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Kultur Drei Berlinale-Regisseurinnen – mit explosiver Ruhe
Nachrichten Kultur Drei Berlinale-Regisseurinnen – mit explosiver Ruhe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 14.02.2019
Im Traumwald wird alles gut: Angela Schanelecs Heldin Astrid (Maren Eggert) aus „Ich war Zuhause, aber“. Quelle: Foto: Nachmittagfilm
Berlin

In dieser Familie ist etwas kaputtgegangen. Bloß was? Klar, Teenagersohn Phillip war ein paar Tage verschwunden, jetzt ist er aber Gott sei Dank wieder aufgetaucht. Bei Mutter Astrid (Maren Eggert) liegen die Nerven aber immer noch blank. Sohn wie Tochter herrscht sie lautstark an. Gibt es da noch tiefere Gründe für ihre geballte Wut?

Angela Schanelec zählt zu den freien Radikalen im Kinobetrieb

Wer behauptet, Angela Schanelecs Filme („Plätze in Städten“, „Orly“), seien leicht zu entschlüsseln, hat noch keinen gesehen. Die vom Theater kommende Berliner Regisseurin, geboren 1962, gehört zu den wenigen freien Radikalen im deutschen Kinobetrieb. Ihre Figuren agieren gelegentlich mit schier unerträglicher Ziellosigkeit, auch in „Ich war Zuhause, aber“. Beinahe bewegungslos blickt die Kamera auf Schauplätze, von denen die Mutter oder Kinder schon verschwunden sind. In diesen Bildern scheint vieles ein wenig verrückt.

Vor zwei Jahren hat Astrid ihren Mann verloren. Hat sie Angst, dass auch ihr Sohn ihr entgleitet – oder dass sie sich selbst verliert? Schlimm könnte das alles enden. Aber da gibt es ja zum Glück noch diesen Traumwald, in dem sich Esel und Hund gute Nacht sagen und wo auch gestresste Familien Ruhe finden.

Jeder kämpft für sich allein, niemandem ist zu trauen

Andere Kinoprotagonistinnen bei der Berlinale verleugnen ihre Familie glatt, siehe Lola in „Der Boden unter den Füßen“. Die Frage nach ihrem Familienstand beantwortet Lola so: „Vollwaise, alleinstehend, kinderlos.“ Ihr soziales Zuhause ist ihre Firma. Für anderes hat die junge Unternehmensberaterin keine Zeit – höchstens noch für das Workout vor dem Morgengrauen.

Hat Lola (Valerie Pachner) mit ihrem Team ein Unternehmen so richtig brutal runderneuert, klirren in einer schicken Bar die Gläser. Das ist doch beinahe wie Familie. Oder etwa nicht? Lola weiß genau, dass hier jeder für sich allein kämpft und niemandem zu trauen ist.

Lola muss auf die harte Tour lernen, was Familie ausmacht

Vor gar nicht langer Zeit wurde schon mal eine Unternehmensberaterin im Kino aus ihrer Betriebsblindheit herausgerissen: In der Tragikomödie „Toni Erdmann“ sorgte ein Vater mit künstlichen Hasenzähnen dafür. Lola hat nur eine schizophrene Schwester, die sich das Leben zu nehmen versucht. Lola muss auf die harte Tour lernen, was Familie ausmacht.

Radikal zieht die Österreicherin Marie Kreutzer ihrer Protagonistin in „Der Boden unter den Füßen“ eben jenen weg. Hauptdarstellerin Valerie Pachner ist eine Entdeckung: Mit explosiver Ruhe spielt sie Lolas Verlust an Selbstsicherheit. Lola erkennt, dass der Mensch kein durchökonomisiertes Einzelwesen ist. Aber da ist es für sie schon zu spät.

Zu Beginn der Berlinale lief im Wettbewerb „Systemsprenger“ der jungen deutschen Regisseurin Nora Fingscheidt: Die neunjährige Benni suchte darin voller Aggressivität nach Geborgenheit. Dieser energiegeladene Film ist immer noch im Gedächtnis, was im Mahlstrom der Bilder nach einer Woche Berlinale schon etwas heißt.

All die genannten Filme verbindet etwas: Die Regisseurinnen stellen auf unterschiedliche Weise auf der Leinwand Stoppschilder gegen die Individualisierung der Gesellschaft auf. Die Familie bietet einen letzten Fluchtpunkt, und das gilt sogar dann, wenn es sich um eine dysfunktionale handelt.

Von Stefan Stosch / RND

Der Oscarpreisträger und Americana-Songwriter Ryan Bingham singt auf seinem neuen Album „American Love Song“ (erscheint am 15. Februar) Lieder für ein verschwundenes Land. Und kommt Ende April für drei Konzerte nach Deutschland.

14.02.2019

Als derangierte Ordnungshüterin und Rächerin ist Nicole Kidman in „Destroyer“ (Kinostart am 14. März) kaum zu erkennen.

27.02.2019

Beziehungskrise? Der Comiczeichner Nicolas Mahler kann mit seinen hintergründigen und aufmerksam beobachteten Cartoons zwar nicht helfen – aber lustig sind sie trotzdem. Auch am Valentinstag.

13.02.2019