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19:25 19.10.2012
Aus dem „Gerichtshof der Vernunft“: René Magrittes „La mémoire“ aus dem Jahr 1948.
Aus dem „Gerichtshof der Vernunft“: René Magrittes „La mémoire“ aus dem Jahr 1948.
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Berlin

Als „nationale Aufgabe von europäischem Rang“ bezeichnete zwei Jahre vor dem Mauerfall der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl die Verwirklichung des Prestigeprojektes „Deutsches Historisches Museum“. Vor der womöglich „größten Investitionsruine der Bonner Wenderepublik“ warnte hingegen der Historiker Hans Mommsen. Heute ist das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin ein seit einem Vierteljahrhundert florierendes Museum mit internationaler Ausstrahlung.

Seit seiner Gründung 1987 zählte das Flagschiff unter den deutschen Geschichtsmuseen, das heute im Zeughaus Unter den Linden untergebracht ist, mehr als zehn Millionen Besucher. Allein die 2006 von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnete Dauerausstellung „Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen“ besuchen monatlich 50000 bis 60000 Besucher. 25 Jahre Deutsches Historisches Museum waren auch 25 Jahre heftige geschichts- und kulturpolitische Auseinandersetzungen. Beispielsweise bescheinigte der Historiker Götz Aly der laufenden Dauerausstellung „Geschichtsfeigheit“.

Bei seiner Sonderschau zum 25-jährigen Jubiläum blättert das Deutsche Historische Museum kein historisches Kapitel auf, sondern bietet in zwölf Abschnitten moderne Kunst. „Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945“ lautet der Titel der Ausstellung, die Werke von mehr als 100 europäischen Künstlern umfasst und an deren Entstehen fast ebenso viele europäische Kunsthistoriker beteiligt waren - nämlich 90.

Individualistische Äußerungen moderner und zeitgenössischer Künstler - von Joseph Beuys’ Schmerzskulpturen über Emil Schumachers abstrakte Notate bis zum Iglu von Mario Merz - werden in einen weitreichenden aufklärerischen Rahmen eingebunden, wobei man sich durchaus fragen kann: Treibt zeitgenössische Künstler wirklich die Menschenrechtsidee um, wie es die Ausstellung suggeriert? Ist Kunst tatsächlich ein Spiegel der Zeit, ein Freiheitsgradmesser? Oder nicht umgekehrt totalitär in ihrem ästhetischen Anspruch?

Der Ausstellungsparcours führt durch zwölf vage gehaltene Kapitel. Der Surrealist René Magritte findet sich unter „Gerichtshof der Vernunft“ einsortiert, Henry Moore unter „Schrecken und Finsternis“, Mario Merz unter „Lebenswelten“ und Emil Schumacher unter „Bedrängnis und Freiheit“. Immer wieder sind wunderbare Trouvaillen zu machen: eine frühe Skulptur von Henry Moore mit dem Titel „Helmkopf Nr. 1“ beispielsweise, die Schutzbedürfnisse und Ängste vor Enge gleichermaßen ausdrückt. Oder ein Bild des Polen Wojciech Fangor, das 1950 bei der Ersten Gesamtpolnischen Kunstausstellung zurückgewiesen worden war: Es zeigt ein graues Arbeiterpaar und daneben eine reiche Lady mit Sonnenbrille und lackierten Fingernägeln. Und stellt die Frage nach Geschichtsverlierern und -gewinnern.

Freiheit war in der Kunst in Ost und West ein wichtiges Thema. Künstler aus dem Osten Deutschlands aber werden in der Berliner Präsentation weitgehend ausgespart. Man stößt auf Gerhard Richter und Andreas Gursky, nicht aber auf Neo Rauch oder Wolfgang Mattheuer. Diese hätten in keines der Kapitel gepasst, außerdem könne man nicht „endlos Bilder aus der DDR zeigen“, sagte die Kuratorin Monika Flacke.

Während 2010 die Ausstellung „Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie“ im DHM auf erhellende Weise die politische und repräsentative Rolle der Kunst herausstellte, sollen die Kunstwerke in „Verführung Freiheit“ für sich selbst sprechen. Das gelingt nicht immer. Zugleich wird ein antiquiertes, romantisches Bild des Künstlers bemüht: als Visionär und sogar als Richter - was freilich der Freiheitsemphase moderner Kunst zuwiderläuft.

Bis 10. Februar 2013 im DHM, Unter den Linden 2, 2013. Katalog 32,80 Euro. Am Dienstag, 23. Oktober, gibt es einen Festakt zum Jubiläum. Die Festrede soll Bundeskanzlerin Angela Merkel halten.

Uwe Janssen 19.10.2012
19.10.2012