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Kultur Die Geschichte des Museums
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20:41 02.04.2009
Von Johanna Di Blasi
Fast 10.000 Besucher waren bereits in der Ausstellung Quelle: Martin Steiner
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Vor 40 Jahren, am 17. April 1969, an seinem 70. Geburtstag, schenkte der Schokoladenindustrielle Bernhard Sprengel seine umfangreiche Kunstsammlung seiner Heimatstadt Hannover. Die generöse Tat – 1200 Gemälde, Skulpturen, Grafiken von Künstlern wie Pablo Picasso, Fernand Léger, Emil Nolde und Paul Klee – fand bundesweit Echo. Museumsexperten und die überregionale Presse beglückwünschten Hannover. Gerade in diesen Tagen, durch die in kürzester Zeit bereits von 10 000 Menschen besuchte Ausstellung „Marc, Macke und Delaunay“ im nach dem Sammler und Mäzen benannten Sprengel Museum, wird die Bedeutung des Geschenks deutlich: Es versetzt das Museum in die Lage, internationale Spitzenwerke zu leihen, die sonst niemals nach Hannover kommen würden.

Was für ideelle Werte er seiner Stadt übertrug, wusste der Sammler genau. Den materiellen Wert aber, die ungeheuren Preissprünge für die klassische Moderne in den Folgejahrzehnten bis heute, konnten sich damals selbst Phantasiebegabte schwer ausmalen. Was heute im Museum wie in einem Hochsicherheitsbunker verwahrt ist, hing bis in die sechziger Jahre in der Privatvilla des hannoverschen Fabrikanten, ohne dass dessen Schlaf dadurch beeinträchtigt worden wäre. Die Preise für Kunst galten allerdings schon damals als absurd hoch. Als Pablo Picasso 1969 erfuhr, dass Drucke von ihm mit 90 000 Schweizer Franken taxiert werden, meinte er, sein Werk sei überschätzt: „Die Grafiken kosten ja heute so viel wie früher die Gemälde.“

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Der Markt sei „wie ein Ballon aufgebläht“, hieß es – damals bereits. „Museumsdirektoren, Multimillionäre, Bürgermeister und Landesväter bemühen sich vor allem um jene Künstler, die vor 30 Jahren als Entartete geschmäht wurden. Die Prominenten fürchten, als Banausen zu gelten, wenn sie nicht jeden Klee, Kandinsky, Kirchner und Kokoschka aufkaufen, der noch zu haben ist“, war 1966 in einem „Spiegel“-Bericht zu lesen. Bernhard Sprengel und seine musische Frau Margrit brauchten keine Sorge zu haben, als Banausen zu gelten. Sie hatten in dem Moment als „entartet“ verhöhnte Kunst gekauft, als diese gerade das Schmähsiegel aufgedrückt bekommen hatte – und der Einsatz für solche Werke riskant war. Als einzige Sammler trugen sie in Deutschland noch während des Krieges eine umfassende Ausstellung mit Werken der damals geschmähten Moderne zusammen. Im Vordergrund stand die kulturbewahrende Absicht. Ohne Zweifel aber profitierten die Sprengels von den niedrigen Preisen.

Bei seiner Hochzeitsreise 1937 nach München hatte sich das Paar in der Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ ganz entgegen den Intentionen ihrer Macher in die Bilder von Emil Nolde verliebt. Noch in München kauften sie im Hinterstübchen einer Galerie ihre ersten beiden Nolde-Aquarelle. Nolde hatte in tragischer Fehleinschätzung gehofft, mit seiner betont „nordischen“ Kunst beim neuen Regime Anklang zu finden. Doch er erhielt Berufsverbot. Die Sprengels schickten dem in Not geratenen Künstler und seiner Frau stärkende Schokolade, Medikamente und Malsachen – und halfen, 30 Gemälde und 870 seiner Grafiken zu verstecken, um sie vor Beschlagnahme und möglicher Zerstörung zu retten.

Die Kunstsammlung der Sprengels wuchs bis Kriegsende auf rund 600 Werke an, vor allem des deutschen Expressionismus. Erstaunlich unsentimental trennte sich das Sammlerpaar nach dem Krieg von vielen Werken wieder, darunter von Nolde-Bildern. Nun interessierten sie sich stärker für die internationale Moderne: Pablo Picasso, Paul Klee, Fernand Léger. Die Bilder mussten in der heimischen Villa den Härtetest neben bereits als groß erkannten Werken bestehen. Manches gaben die beiden nach Monaten der Prüfung wieder zurück.

Ein ähnlich organisches Arbeiten mit dem Sammlungskonvolut wollte Bernhard Sprengel auch den Direktoren des von ihm mit einer Anschubfinanzierung von 2,5 Millionen Mark auf den Weg gebrachten Sprengel Museums ermöglichen. Er teilte seine Donation in zwei Kategorien ein: A und B. Bilder aus der Kategorie B dürfen verkauft werden, was aber noch nie geschehen ist.

Bis es zu dem Museum am Maschsee kam, musste sich Bernhard Sprengel noch zehn Jahre gedulden. 27,5 Millionen Mark kostete 1979 der erste Bauabschnitt, 40 Millionen Mark 1992 der zweite. Bald soll ein 25 Millionen Euro teurer dritter und letzter Abschnitt dazukommen. Sprengel schenkte ohne große Bedingungen. Weder muss ein gewisser Prozentsatz der Werke permanent ausgestellt sein, noch forderte der Sammler, dass das Museum nach ihm benannt werden müsse. Das macht seine Schenkung wirklich generös, schützte den Schenker aber nicht vor Kritik. Kritiker empfanden die Donation als Bürde für den kommunalen Haushalt.

Seine nach 1969 erworbenen Werke verschenkte Sprengel nicht mehr, sondern brachte sie mittels einer Stiftung als „Dauerleihgaben“ ins Museum. Stiftungen sind flexibel und können Städte, die keinen adäquaten Rahmen bieten können, auch verlassen. Das Stiftungsmodell ist heute verbreitet. Am 18. Mai wird in München das Museum Brandhorst eröffnet. Die Stadt hat 46 Millionen Euro für den Bau aufgebracht und finanziert den Betrieb, Henkel-Erbe Udo Brandhorst gibt die Werke und das Stiftungskapital, dessen Erträge für Ankäufe reserviert sind. Wie damals in Hannover gibt es auch in München Stimmen, die meinen, die Stadt lasse sich ausnutzen.