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Kultur Deutsche Autoren rehabilitieren das Thema Zorn
Nachrichten Kultur Deutsche Autoren rehabilitieren das Thema Zorn
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06:15 25.10.2012
Von Karl-Ludwig Baader
Der Zorn, die Faust, der Schrei: Die Formen des Protests wie hier in Georgien ähneln sich auf der ganzen Welt.
Der Zorn, die Faust, der Schrei: Die Formen des Protests wie hier in Georgien ähneln sich auf der ganzen Welt. Quelle: dpa (Archiv)
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Ein Anblick, der Befremden, ja, Abscheu auslöst: Da rennen aufgebrachte bärtige Gesellen nach einem Freitagsgebet willig vor die erwartungsvoll aufgestellten Kameras, um demonstrativ wutschnaubend, Fahnen und Puppen verbrennend, den Islamfeinden ihren Gefühlszustand zu offenbaren. Und dann eine Szenerie, die Hoffnung auf bessere Zeiten weckt: Tausende überwiegend jugendliche Demonstranten fordern in Kairo, durchaus heftig und aggressiv, Freiheit und das Ende des ägyptischen Despoten Mubarak. Sind das nun zwei Arten von Emotion? Oder zwei Arten, sie einzuschätzen? Hängt die Beurteilung vom moralischen oder politischen Standpunkt des Beobachters ab?

Im zu Klampen Verlag aus Springe ist gerade ein Buch erschienen, das differenziert Auskunft gibt über einen wieder ins Blickfeld geratenen politischen Erregungszustand. Helmut Ortner hat als Herausgeber des Bandes „Der Zorn. Eine Hommage“ (174 Seiten, 24 Euro) ein Dutzend Texte, darunter Beiträge von Jutta Limbach und Jürgen Werner, Klaus Leggewie oder Jürgen Busche, zusammengestellt. Vor etwa vier Jahren hatte Peter Sloterdijk in „Zorn und Zeit“ schon den Zorn zu rehabilitieren versucht (und ihn etwa mit der Haltung des Stolzes in Verbindung gebracht). Auf seinen Hinweis, dass die europäische Dichtung mit der Beschwörung dieses Gefühls anfängt, gehen gleich mehrere Autoren dieses Bandes ein: „Den Zorn singe, Göttin, des Peleus Sohnes Achilleus“ setzt Homers „Ilias“ ein und lässt dieses feurige Gefühl wie eine Initialzündung der europäischen Geistesgeschichte erscheinen.

Es war nicht zu vermeiden, dass einige Zitate und Definitionen in mehreren Beiträgen aufgenommen wurden, die leidenschaftliche Verurteilung des Zorns durch Seneca (in gleich drei Büchern!) oder die eher differenzierten Einschätzungen von Aristoteles und Montaigne. Allerdings nähern sich die Autoren des Bandes dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven, etwa aus einer geschlechterhistorischen (Ute Frevert) oder einer literaturhistorischen (Uwe Wittstock). Und auch der heilige Zorn kommt zu seinem Recht.

Zwar werden die Gefahren, die in der Politik von Zorneswallungen ausgehen, von allen Autoren aufgezeigt, aber insgesamt bemüht man sich doch auch um die teilweise Rehabilitierung des Zorns. Das ist in Deutschland nicht selbstverständlich. Nach den Räuschen der NS-Zeit herrscht hierzulande aus guten vernünftigen Gründen tiefes Misstrauen gegenüber überschwänglichen Gefühlsäußerungen im politischen Raum. Allenthalben wird nach „sachlicher“ Auseinandersetzung verlangt, was sich aber merkwürdigerweise gar nicht primär auf die Sache, also den Inhalt bezieht, sondern auf den Stil: Eingefordert wird die seriöse Pose, ein lauwarm temperiertes politisches Engagement. Weshalb denn auch der etwas lautere Protestierer als „Wutbürger“ karikiert wird.

Der Zorn - zwischen schlechter Emotion und sanftem Gefühl

Diese distanzierte Haltung zur Äußerung von Gefühlen passt - dieser Aspekt wird in dem Band kaum angesprochen - nicht ganz zur Kultur des Stammlands der Romantik. Deshalb hat es sich bei uns eingebürgert, zwischen (schlechter) Emotion und (gutem, schönen, sanften) Gefühl zu unterscheiden. Und es ist nicht ganz klar, wozu man nun den Zorn zählen soll.

Auch wenn in einem der Aufsätze präzise Definitionen, etwa Abgrenzungen von Gefühlszustände wie Zorn und Wut, für unnütz gehalten werden, weil dem Autor eine autoritär durchgesetzte Normierung der Sprache nicht behagt: Eine begriffliche Unterscheidung schärft auf jeden Fall den Blick für die Ambivalenz von Gefühlen.

Während die Wut dem demütigenden Gefühl der Ohnmacht entspringt, kann der Zornige sehr wohl konkrete Ziele ins Auge fassen und sein Handeln darauf ausrichten. So gilt die Wut als blindes, zielloses Rasen, dem niemand Positives abgewinnen will, während dem Zorn positive Wirkungen zugetraut werden. Als starke Antriebskraft, gegen Unrecht aufzubegehren, ist er sogar unerlässlich. Damit er aber nicht - wie die Wut - in Selbstzerstörung und Irrationalität umschlägt, muss er von Vernunft und Geduld eingehegt werden.

Tatsächlich bringt es aber nichts, den Zorn als solchen zu verbannen. Er gehört zu den normalen menschlichen Reaktionen auf Verletzungen aller Art, auf physische Angriffe wie auf Beleidigungen. Wenn vitale Interessen auf dem Spiel stehen, können Aufrufe zur Mäßigung wenig ausrichten. Und es hängt von den Handlungsmöglichkeiten des Geschädigten, seinem Vertrauen in die gesellschaftlich anerkannten Verfahren der Streitschlichtung ab, ob der Zorn vernünftiges Handeln motiviert oder sich in blinde Wut wandelt.

Bei aller Skepsis gegenüber der Unberechenbarkeit von Zornesregungen ist nicht zu übersehen, dass von ihnen eine Faszination ausgeht, gehören sie doch zur archaischen Schicht unserer Gefühlswelt. An unseren von Zorn angetriebenen Rachebedürfnissen lebt die Filmindustrie nicht schlecht.

Radical Chic im intellektuellen Mileu

Dann gehört es im intellektuellen Milieu auch ein wenig zum Radical Chic, an der Langeweile deutscher Politik zu leiden und seinen Überdruss am deutschen Hang zum Konsens kundzutun. Zudem macht der Zorn keine schlechte Figur, wenn man ihn mit anderen Gefühlsäußerungen im politischen Raum vergleicht. Denke man etwa an die dahin geschwundene Betroffenheit (eine Parodie auf die Empörung) oder an jene Form von demonstrativer Gelassenheit, hinter der sich Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit verbergen.

Das gilt auch, wenn Ironie nicht mehr als kritisches Stilmittel eingesetzt wird, sondern zur mokanten Lebenshaltung wird, mit der sich überlegen gibt, wen nichts mehr wirklich ernsthaft interessiert. Die aggressivere Variante, der Zynismus, kommt in Form der sozialen Kälte in Mode, wobei bei der Verachtung der Armen gern moralische Missbilligung mitschwingt. Jetzt wird selbst der Zynismus bigott. Das provoziert einen - von Amüsement gemilderten - Zorn.

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