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Kultur Requiem für das Huhn
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22:43 19.07.2014
Das Orchester im Treppenhaus spielt ein Notfallkonzerte: Nun tritt das Ensemble an verschiedenen Spielorten in und um Hannover an, um mit sogenannten „Notfallkonzerten“ nichts Geringeres zu tun, als die Welt zu retten - so verkündet es das Orchester vollmundig.
Das Orchester im Treppenhaus spielt auch für Hühner: Nun tritt das Ensemble an verschiedenen Spielorten in und um Hannover an, um mit sogenannten „Notfallkonzerten“  die Welt zu retten. Quelle: Moritz Küstner
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Wietze

Das hannoversche Orchester im Treppenhaus experimentiert und polarisiert. Im vergangenen Jahr gaben die Musiker ein Konzert in einem dunklen Zirkuszelt. Vor zwei Jahren spielten sie auf dem Betriebsgelände der hannoverschen Verkehrsbetriebe Üstra an der Glocksee ein Klassikkonzert.

Nun tritt das Ensemble an verschiedenen Spielorten in und um Hannover an, um mit sogenannten „Notfallkonzerten“ nichts Geringeres zu tun, als die Welt zu retten - so verkündet es das Orchester vollmundig. „Was außer der Musik wäre dazu in der Lage?“, fragt Komponist Benjamin Scheuer, als vier Treppenhausmusiker direkt neben einem Geflügelschlachthof auftreten.

Dort, bei Wietze im Landkreis Celle, werden täglich bis zu 200 000 Hühner geschlachtet und verarbeitet. „Der Rohstoff Huhn hat mit Lebewesen nichts mehr zu tun“, sagt Uschi Helmers. Die Vorsitzende der Wietzener Bürgerinitiative „Wir haben es satt“ hält mit Gesinnungsgenossen seit vier Jahren jeden Montag eine Mahnwache vor dem von den Betreibern „Hühnerfarm“ genannten Betrieb. Die Mitglieder des Treppenhausorchesters spielen „Huhnmaner Tod“, ein von Scheuer komponiertes Stück, das die Hühner würdigen soll. Die Hühner erhalten Namen. Die werden während des fünfminütigen Requiems von den Musikern erst langsam, dann immer schneller gerufen. Bertha, Isolde, Hermann, Aurelie, so nennen sie die Hühner.

Themen klassischer Streichquartette sind zu hören, Anklänge an Neue Musik zu erahnen. Während die Streicher zunächst warm und liebevoll, dann immer stakkatohafter spielen, sterben in unmittelbarer Nähe viele Hundert Tiere - ein verstörender Gedanke und bittere Realität.

So schnell das Ensemble kommt, so schnell verschwindet es auch wieder. Insofern wirft dieser Auftritt auch Fragen auf: Sind solche Konzerte als reine Eigenwerbung gedacht, oder kann ein derartiger Musikaktionismus tatsächlich etwas bewegen?

Kurz darauf im Sprengel Museum: Eine weitere Rettungstat steht an. Besucher können auf einen Zettel schreiben, in welcher Notfallsituation sie sich gerade befinden. Daraufhin nehmen sie in einem grünen Sitzsack Platz und bekommen von vier Ensemblemitgliedern ein Häppchen Hilfe serviert - auch Orchesterleiter Thomas Posth wirkt am Cello mit. Welcher Art der jeweilige Notfall ist, bleibt das Geheimnis der „Hilfesuchenden“ und der Musiker; die rund 50 Zuhörer müssen bei den kurzen Stücken von Schubert, Mozart, Bach, Prokofjew, Ravel, Smetana oder Dvorak ihre eigenen Assoziationen schaffen.

Heute und morgen spielen die Musiker die „Notfallkonzerte“ erneut im Sprengel Museum. Jeweils um 19 Uhr gibt es einen zusammenfassenden Wochenrückblick. Dann werden im Sprengel Museum Bachs „Kunst der Fuge“ und sämtliche „Notfallkonzerte“ von Benjamin Scheuer erklingen. Dann werden der Komponist und die Orchestermitglieder vielleicht auch einige Fragen zu beantworten haben. Auf jeden Fall lobenswert ist aber der Versuch, durch Kunst aufzurütteln und zum Nachdenken anzuregen. Getränke und Häppchen werden den Gästen bei den „Finissagen“ ebenfalls gereicht - vermutlich ohne Hühnchenfleisch.

Von Michael Krowas

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