Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Kultur Am Schnittpunkt
Nachrichten Kultur Am Schnittpunkt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:40 27.03.2014
Foto: Die Schauspieler Ronald Zehrfeld (links) als Jesper und Mohsin Ahmady als Tarik in einer Filmszene von „Zwischen Welten“.
Die Schauspieler Ronald Zehrfeld (links) als Jesper und Mohsin Ahmady als Tarik in einer Filmszene von „Zwischen Welten“. Quelle: dpa
Anzeige
Berlin

Filme über Soldaten im Krieg drehen vorzugsweise die Amerikaner, in den vergangenen Jahren war der Irak-Heimkehrer eine beliebte Kinofigur. Das ist anders, seit deutsche Soldaten unsere Freiheit am Hindukusch verteidigen, wie das ein deutscher Verteidigungsminister genannt hat. Nun inszenieren auch deutsche Regisseure Geschichten über den Krieg – Filme über aus Afghanistan zurückgekehrte, traumatisierte Soldaten oder auch über das mörderische Bombardement von Kundus liefen im Fernsehen.

Doch wohl noch kein deutscher Filmemacher hat sich so sehr auf den Kriegsalltag eingelassen wie Feo Aladag in „Zwischen Welten“. Die Filmemacherin, 1972 in Wien geboren, erntete schon Lorbeeren mit ihrem einfühlsamen Berlin-Drama „Die Fremde“. Nun hat sie an Originalschauplätzen gedreht – und nicht in irgendeinem sicheren Land, das Afghanistan nur ähnelt, so wie das wohl die meisten Kollegen gehandhabt hätten. Sie arbeitete auch mit afghanischen Laienschauspielern.

In Aladags Film soll man fühlen, wie jedes heranrollende Fahrzeug als potenzielles Selbstmordkommando beargwöhnt wird und wie das Unverständnis für die jeweils andere Kultur das alles überlagernde Gefühl ist.

Dem Thema ihres Debüts ist Aladag damit treu geblieben: In „Die Fremde“ erzählte sie von einer Deutschtürkin, die um Selbstbestimmung am Schnittpunkt zweier Kulturen kämpft. Nun soll der junge Dolmetscher Tarik (Mohsin Ahmady) zwischen einem Trupp deutscher Soldaten, angeführt von Jesper (Ronald Zehrfeld), und verbündeten afghanischen Milizen vermitteln, die gemeinsam in einem Dorf Posten gegen die Taliban beziehen. Tarik ist der Mann zwischen den Welten.

Wir erleben Afghanistan einmal durch Jespers Augen, der zwischen seinen Befehlen aus der Kommandozentrale und dem Bedürfnis, den Dorfbewohnern zu helfen, hin- und hergerissen ist – und parallel aus Tariks Perspektive: Seine Schwester und er müssen um ihr Leben fürchten, seit der Dolmetscher im Dienst der Ausländer steht und dadurch den Hass der Taliban auf sich gezogen hat. Tariks Vater wurde ermordet, Tarik müht sich vergeblich um eine Ausreisegenehmigung nach Deutschland.

Auch Jespers Bruder starb erst vor Kurzem bei einem Attentat in Afghanistan. Den Schmerz der Trauer kennen also beide. Die Verzweiflung ist so groß, dass ihr mit soldatischer Professionalität kaum beizukommen ist. Irgendwann spricht Jesper die Frage aus, die nicht nur ihn umtreibt: Wozu soll dieser mehr als zehn Jahre tobende Krieg überhaupt gut gewesen sein, wenn die internationalen Truppen nun bald wieder abziehen?

Die Antwort will Aladag geben, und sie will partout Zeichen der Hoffnung in ihrem Film setzen. Das, was schlecht ist in Afghanistan, soll wenigstens ein bisschen besser werden: Tariks Schwester studiert allen Widerständen zum Trotz an der Universität Brückenbau. Das wäre unter der Herrschaft der Taliban nicht möglich gewesen.

Die Regisseurin will sehr viel mit ihrem Film – zu viel, auch wenn sie wohltuend konzentriert erzählt. In gut eineinhalb Stunden sollen wir die verschiedenen Parteien in diesem Konflikt kennen und verstehen lernen. Aladag will Gerechtigkeit für alle, sogar für die besoffenen deutschen Soldaten, die in ihrem Hauptquartier mit Bin-Laden-Maske Striptease-Nummern abziehen. Vor allem aber will sie mit der Macht des Kinos die Fremdheit zwischen den Protagonisten überwinden.

Für die dramatische Zuspitzung bleibt dann nur noch wenig Zeit: Tariks Schwester wird angeschossen, die Situation eskaliert. Davon kann die mutige Regisseurin Aladag nur noch skizzenhaft erzählen. Aber das macht beinahe gar nichts: Im Gedächtnis bleiben Bilder von Männern hängen, die verloren in einem majestätischen Land stehen und sich Tränen aus den Augen wischen. Womöglich ist daran nicht nur der afghanische Staub schuld.

von Stefan Stosch

Kultur Kinokritik zu SciFi-Drama „Her“ - Liebe in digitalen Zeiten
Stefan Stosch 26.03.2014
Kultur Serdar Somuncu im Theater am Aegi - Die F- und A-Wörter des Hasspredigers
26.03.2014