Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Kultur Bram Stoker starb heute vor 100 Jahren
Nachrichten Kultur Bram Stoker starb heute vor 100 Jahren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:08 20.04.2012
Steiler Zahn: Schauspieler Bela Lugosi als Dracula im Film „Dracula“ (1930).
Steiler Zahn: Schauspieler Bela Lugosi als Dracula im Film „Dracula“ (1930). Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Graf Dracula ist als Monster in eine Zeit hineingestolpert, das späte 19. Jahrhundert, in dem nicht mehr an Monster geglaubt wird. Das macht seine Tragik und seinen Charme aus. Obwohl der Blutsauger mit Gentleman-Manieren letztendlich scheitert, gelingt es ihm, die Rationalität und Technikgläubigkeit der modernen Welt als Illusion zu entlarven.

Als mythische Figur entstammt der Vampir einem Zwischenreich. Die Damen, die nachts Besuch von Dracula bekommen, befinden sich in Zuständen zwischen Wachen und Träumen. Genau diese Phase macht die Begegnung mit dem mythischen Wesen möglich.

Vampire sind meist große Verführer, ob Mann oder Frau. Wissenschaftliche Arbeiten widmen sich dem Thema des vampirischen Bisses als Symbol des sexuellen Aktes. Bram Stoker hingegen, der heute vor hundert Jahren starb, erlaubte sich in seinem 1897 erschienenen Roman den Scherz, stärker noch als den schmachtenden Biss den Akt der medizinischen Bluttransfusion sexuell aufzuladen. Es gehört zu den komischsten Stellen des Buches, das mehr Groteske als Gruselschocker ist, wie die Herren, alte und junge, Schlange stehen, um der anämischen Lucy Blut zu spenden. Am nächsten Tag ist die attraktive Dame wieder ausgesaugt, erneut muss Blut gespendet werden. Nach der Transfusion überkommt die Herren eine Art postkoitale Erschöpfung. Man müsste das Buch nochmal danach durchsehen, ob die Zigarette danach vorkommt. „Dracula“ erscheint als subtile Art Werbung fürs Blutspenden. Vampirismus ist für Stoker die logische Kehrseite der Bluttransfusion.

Als lebende Tote sind Vampire ein personifiziertes Paradoxon, über das man Zugang zu einer Welt jenseits des Rationalen erhält. Vampire befinden sich in einem merkwürdigen Zustand: Sie sind weder tot noch lebendig. Graf Dracula nächtigte schon ein paar Jahrhunderte in seinem Sarg, bevor Sigmund Freud in „Jenseits des Lustprinzips“ (1920) den Begriff des „Todestriebes“ einführte. Der transsylvanische Blutsauger aus der hintersten Ecke des Habsburger Reiches erscheint als ziemlich genaue Verkörperung des unheimlichen Triebs.

Vor allem in der Umdeutung des Begriffs durch den slowenischen Philosophen und Psychoanalytiker Slavoj Zižek wird der Zusammenhang evident: Für Zižek hat der Todestrieb „nicht das Geringste mit dem Verlangen nach Selbstvernichtung zu tun gehabt. Er ist vielmehr das Gegenteil des Sterbens – ein Name für das untote, ewige Leben selbst, für das Schicksal, im endlosen Wiederholungskreislauf des Umherwandelns in Schuld und Schmerz gefangen zu sein.“

Mechanische Repetition, Wiederholung des Immergleichen: Das kennzeichnet die vampirische Existenz ebenso wie eine monotone Form von (sexueller) Getriebenheit. Die Pfählung des Blutsaugers wäre, christlich interpretiert, die ersehnte Erlösung für das monströse Nichtaufhörenkönnen und die Befreiung der Welt von einem Dämon. In der Gegenwart ist allerdings ein beunruhigendes Moment zu beobachten: Vampire erscheinen in zeitgenössischen Aktualisierungen des Mythos nicht mehr als Horror-, sondern als Lichtgestalten und Idole. In Fantasy-Märchen wie „Twilight“ oder in TV-Serien wie „True Blood“ werden Vampire zu smarten Identifikationsfiguren.

Anders als Graf Dracula ist Teenie-Schwarm Edward aus „Twilight“ notorisch beißgehemmt. Der Phantasie einer Mormonin entsprungen, hält das schöne Biest das Gebot „Kein Sex vor der Ehe“ ein. Die Dämonie dieses Vampirs liegt darin, dass seine verbissene Abstinenz ihn nur umso anziehender macht. Es gibt aber noch einen anderen Grund für die Attraktivität von Vampiren. Sie sind der Adel (Graf Dracula) im Monsteruniversum, die Werwölfe sind das Proletariat.

Es erscheint faszinierender, in der mondänen Waldvilla der Designerklamotten tragenden Vampire aus „Twilight“ zu residieren als im biederen Heim von Cop Swan, dem menschlichen Vater der Protagonistin. Und die schöne Sharon Tate, die im wirklichen Leben schrecklicherweise von Sektenfanatikern ermordet wurde, kann in Roman Polanskis Film „Tanz der Vampire“ als Sarah im Dracula-Schloss luxuriöser baden als im verrauchten Wirtshaus des inzestuösen Vaters Shagal.

„Dracula“ in Neuübersetzung: Bram Stoker: „Dracula“. Aus dem Englischen von Andreas Nohl. Steidl. 540 Seiten, 28 Euro; Bram Stoker: „Dracula“. Aus dem Englischen von Ulrich Bossier. Reclam. 550 Seiten, 24,95 Euro.

Johanna Di Blasi/Nina May

Stefan Arndt 19.04.2012
19.04.2012