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Kultur Bob Dylans neues Album „Together through Life“
Nachrichten Kultur Bob Dylans neues Album „Together through Life“
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22:20 23.04.2009
Quelle: Handout
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Normalerweise geht das so: Der Künstler hat ein neues Album fertig, das völlig im Zentrum seines Tuns stand und das seine Plattenfirma unter großem Jubel und Trubel ankündigt und bewirbt. Dann folgt die Tournee, betitelt nach dem Album, natürlich. Ein bis drei Jahre Pause, Ruhm und Reichtum, und der Kreis schließt sich wieder.

Bei Bob Dylan ist das ein wenig anders. Der Künstler ist seit 1988 sowieso ununterbrochen auf Tournee (seine „Neverending Tour“ führte ihn kürzlich auch nach Hannover), und neue Alben werden entweder aus Archivmaterialen zusammengepuzzelt (zuletzt: „Tell Tale Signs, The Bootleg Series Vol. 8“) oder im Vorübergehen aufgenommen, nebenbei und nonchalant. Viel Aufhebens wird nicht darum gemacht, geschweige denn die Tour umbenannt. Doch die Fans freuen sich, seit Anfang des Jahres Gerüchte um ein neues Dylan-Album aufkamen. Am Donnerstag nun ist es so weit: „Together through Life“, Dylans 33. Studioalbum, wenn man richtig gezählt hat, erscheint.

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Das Coverfoto verbreitet irritierend schwüle Chris-Isaak-Ästhetik, aber drinnen, da, wo die Musik spielt, ist alles gut. „Beyond here lies nothin’“ gibt als Eröffnungsstück die Richtung vor: südwärts, rückwärts, vorwärts! Rock-’n’-Roll-Gitarren, Trompeten, Orgel, Schlagzeug und Akkordeon vereinen sich zu einem scheppernden Rumba-Blues, der nicht zuletzt durch das Akkordeon (David Hidalgo) einen südlichen Anstrich hat. Mexiko scheint nicht weit zu sein, die Besenkammer von Tom Waits auch nicht, so charmant rumpelt und rollt das Schlagzeug. Und Bob Dylan? Erzählt im typischen Stakkato-Belcanto von der Liebe. Ach ja!

„Life Is Hard“, Ballade im Swingrhythmus, entführt den Hörer in ferne Zeiten, als Sänger mit gescheiteltem Haar und in schmucken Anzügen zu Besenschlagzeug, Mandoline und weinerlicher Steelguitar vom Verlassen(werden) sangen: „The Sun is sinking low / I guess it’s Time to go“. Ein Song in Schwarz-Weiß, völlig aus der Zeit und aus der Mode. Genau wie der Schneckentempo-Blues „My Wife’s Home Town“, der an Muddy Waters erinnert, aber durch Dylans beinahe aufgesetzt grollende Art zu singen und Hidalgos Akkordeoneinwürfe einen ironischen Anstrich bekommt.

Und so geht es weiter auf diesem Album, das den 67-jährigen Dylan in guter Form zeigt. Seine Mischung aus Country, Blues, Rockabilly, Cajun und Tex-Mex wird fabelhaft, aber unspektakulär in Szene gesetzt von Mike Campbell, Donny Herron (Gitarren), Tony Garnier (Bass), George Recile (Schlagzeug) und eben David Hidalgo (Akkordeon). Produziert hat Jack Frost, also Dylan selbst.

Den Anstoß zur neuen Platte gab Regisseur Olivier Dahan, der für sein Roadmovie „My own Lovesong“ einen Song von Dylan erbat. Der schrieb „Life is hard“, nahm es auf – und bekam plötzlich Lust auf mehr. Schnell waren zehn Songs beisammen. „Forgetful Heart“ erinnert mit seinem schleppenden Groove, der Orgel und den Messerwürfen von der Gitarre an frühere Songs wie „Ain’t talkin’“ und „Can’t wait“, sticht aber dennoch hervor; der mittelflotte Bluesshuffle „Jolene“ ist – gemessen an den anderen Songs dieses Albums – eher platt; bei der Rumba „This Dream of you“ wird es zu Akkordeon und Fiddel geradezu schmalzig; „Shake Shake Mama“, erneut ein Blues, klingt rau und roh; „I feel a Change comin’ on“, wieder vom Akkordeon geprägt, ist ein ausgelassener, leichter Song, der Dylans Sympathie für die Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten ausdrückt, natürlich ambivalent: „What’s the Use in dreaming / You got better things to do / Dreams never did work for me anyway / Even when they are getting true.“

Dylan, der Veteran, der Klassiker, pfeift auf Moden. „Together through Life“ ist ein klassisches, altmodisches Album. Und dennoch ist Dylan auch ein Modernist. Nicht nur, dass seine Homepage (www.bobdylan.com) technisch auf der Höhe der Zeit ist, er zeigt mit diesem Album und mit seinen Konzerten auch, dass Musik, gleichwohl der Zeit verhaftet, zeitlos ist. Wo die Wurzeln liegen. Und hier, nicht bei der zwanghaften Suche nach Innovation, ist der Fortschritt begründet.

Bob Dylan: „Together through Life“ (Columbia).

von Matthias Schmidt