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Kultur Bestsellerautor Ken Follett arbeitet an Buchtrilogie
Nachrichten Kultur Bestsellerautor Ken Follett arbeitet an Buchtrilogie
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20:22 11.11.2010
Von Stefan Stosch
„Da kommt nicht einmal ,Krieg und Frieden‘ mit“: Ken Follett in Hannover.
„Da kommt nicht einmal ,Krieg und Frieden‘ mit“: Ken Follett in Hannover. Quelle: Martin Steiner
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In seinem bekanntesten Roman „Die Säulen der Erde“ hat der Autor die prächtigste Kathedrale des Mittelalters erbaut, er hat Thriller über Spione und Wissenschaftler geschrieben (von „Die Nadel“ bis „Eisfieber“). Weltweit hat er mehr als 100 Millionen Bücher verkauft. Der Mann produziert Bestseller am laufenden Band. Warum stellt er sich dieser neuen Herausforderung und wagt nun ein Buchprojekt, das das ganze 20. Jahrhundert abbilden soll, vom Attentat in Sarajewo bis zum Mauerfall 1989?

Ken Follett sitzt im Hotelzimmer in Hannover, weiß gelocktes Haar, blendendes Oxford-Englisch, Typ: britischer Gentleman. Er trägt Jeans und Weste, lümmelt auf seinem Sessel herum. Am Abend wird er im blauen Anzug – mit zartblauem Einstecktuch – in der hannoverschen Buchhandlung Schmorl & von Seefeld einziehen. So lieben ihn die Fans: Die Lesung ist seit Wochen ausverkauft.

Die Antwort, warum er sich an dieses Jahrhundert-Projekt gemacht hat, gibt er schon im Hotel: „Ich bin 61, das beste Alter, um sich noch mal an so ein ehrgeiziges Unterfangen zu wagen.“ Seine Mundwinkel zeigen verschmitzt nach oben: „Würde ich diese Bücher nicht selbst schreiben, würde ich sie zumindest gern lesen.“

Am Abend stellt er bei Schmorl den Tausend-Seiten-Wälzer „Sturz der Titanen“ vor. Der Roman ist der erste Teil der geplanten Trilogie. Das Buch beginnt mit dem 13-jährigen Billy, der 1911 zum ersten Mal in eine Waliser Kohlegrube einfährt, und es endet Mitte der zwanziger Jahre, wenn Billy als Abgeordneter ins britische Parlament einzieht.

Geschichte spiegelt sich in persönlichen Schicksalen: Acht Charaktere aus fünf Familien dienen als Reiseführer in die Schützengräben an der Somme und durch die Wirren der russische Revolution. Suffragetten streiten für Gleichberechtigung, Arbeiter gegen soziale Ausbeutung. Zaren und Kaiser – die „Titanen“ – treten ab von der Weltbühne, neue Heroen wie Churchill treten auf.

Das Besondere am Roman ist die multinationale Perspektive. An der Seite von Waliser Bergleuten, englischen und deutschen Aristokraten, russischen Fabrikarbeitern und amerikanischen Diplomaten besichtigt der Leser das gewalttätige 20. Jahrhundert. Follett kennt kein anderes Buch mit so einem internationalen Blickwinkel. Nicht einmal Tolstois „Krieg und Frieden“ komme da mit, sagt er. Angst vor großen Vergleichen hat er nicht.

Die Erscheinungstermine für die beiden Nachfolgewerke stehen bereits fest: 2012 und 2014. Der zweite Band wird vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs spielen, der dritte im Kalten Krieg.Der Lübbe Verlag hatte beim Kauf der deutschen Rechte gezögert. Mittelalter geht immer, zuletzt brach Follett mit „Die Tore der Welt“ (2007), der Fortsetzung des „Säulen“-Romans, seine eigenen Verkaufsrekorde. Bei Zeitgeschichte ist die Prognose riskanter. Am Ende blätterte der Verlag eine zweistellige Millionensumme hin. Es hat sich gelohnt: „Sturz der Titanen“, im September erschienen, steht ganz oben in den Charts.

Noch fehlen zwei Bücher, mindestens 2000 Seiten. Befürchtet Follett in dunklen Momenten, den großen Erzählbogen zu verfehlen? Hat er schon mal mit sich gehadert, sich diesem Druck ausgesetzt zu haben? „Auf die Idee könnte man kommen“, sagt er und lässt ein kehliges Lachen ertönen. Doch halten sich seine Zweifel in Grenzen: „Ich hoffe nur, dass mein zweites Buch auf so viel Zustimmung stößt wie das erste.“

Das Wort Schreibblockade kennt Follett nicht. Er arbeitet wie ein Uhrwerk. Sogar während seiner Lesetour setzt er sich zwischendurch an den Laptop. Zu Hause in London arbeitet er von 7 bis 17 Uhr. Sechs Seiten Tagespensum. Danach genehmigt er sich ein Glas Champagner. Wüsste der Mann das Leben nicht so sehr zu genießen, ginge er als personifizierte Schreibmaschine durch.

Acht Historiker haben die Fakten bei „Sturz der Titanen“ überprüft, zusätzlich heuerte er professionelle Rechercheure an. Bis jetzt hat ihm nach eigenen Worten niemand einen nennenswerten Patzer nachgewiesen. Gelegentlich hätte er seinen Fleiß zügeln sollen. Immer wieder mal drängt das enorme historische Wissen in den Vordergrund. Aber bevor die Geduld des Lesers erlahmt, treibt Follett die Handlung voran – manchmal mit schlüpfrigen Szenen. Erotische Literatur aber war noch nie seine Stärke.

Insgesamt jedoch beeindruckt die handwerkliche Perfektion. Auch seine Fangemeinde in der hannoverschen Buchhandlung ist angetan. Ob er sich in der Rolle eines Historikers sehe, der Wissen vermitteln will, vielleicht sogar eine moralische Botschaft habe, wird er gefragt. „Ich will niemanden belehren, aber es steht den Lesern frei, etwas aus den Büchern zu lernen“, sagt Follett. Das unterscheide Bücher von noch so packenden TV-Dramen – was dann wohl auch für die vierteilige Verfilmung von „Die Säulen der Erde“ gilt, die am Montag im deutschen Fernsehen startet und die Follett in den höchsten Tönen lobt.

Doch so schnell will hier niemand aufs Fernsehsofa. Das letzte Wort vom Podium ist noch nicht verklungen, da stürmen die ersten Besucher schon Richtung Signiertisch. Deshalb noch schnell eine Ansage: Ken Follett signiere nur mit Namen. Keine Extrawidmungen. So viel Zeit hat der Mann nicht: Zwei Drittel des 20. Jahrhunderts liegen schließlich noch vor ihm.

Ken Follett: „Sturz der Titanen“. Lübbe Verlag. 1022 Seiten, 28 Euro.