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11:27 31.05.2014
Von Johanna Di Blasi
Geheimnisvoll: die Installation „Dialogo entre naciones“ von Cynthia Gutierrez im KW Institute for Contemporary Art.
Geheimnisvoll: die Installation „Dialogo entre naciones“ von Cynthia Gutierrez im KW Institute for Contemporary Art. Quelle: dpa
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Berlin

Bei der 7. Berlin Biennale vor zwei Jahren lud der Pole Artur Zmijewski mit der Israelin Yael Bartana eine Künstlerin nach Berlin ein, die die Rückkehr von 3,3 Millionen Juden aus Israel nach Polen fordert. Der Niederländer Jonas Staal holte Vertreter von Gruppen, die auf internationalen Listen als „Terroristen“ geführt werden, in die Sophiensäle. Und der Berlinale-Chef Zmijewski bekam beim Versuch, in der Elisabethkirche ein Kritzelbild zu retten, von einem Street-Art-Aktivisten einen Eimer Farbe über den Kopf gekippt und rief die Polizei zu Hilfe.

In Ministerien wurde hinter vorgehaltener Hand geklagt, wie schade es sei, 2,5 Millionen Euro an Bundesmitteln „Chaoten“ und „Occupisten“ zu überlassen. Gerade die „Occupy Biennale“ aber verschob auf nachhaltige Weise Parameter der Wahrnehmung von heutiger Kunst, zeitgemäßen Ausstellungen und etablierten Institutionen. Angesichts der 8. Berlin Biennale, kuratiert vom 40-jährigen kolumbianisch-kanadischen Kurator und Künstler Juan A. Gaitán, können die Förderer wieder aufatmen.

Das Subversivste an ihr ist, dass zur Abwechslung nicht das „coole“ Berlin-Mitte als Kunstepizentrum zelebriert wird, sondern der Schwerpunkt am Stadtrand liegt, in Westberliner Villenvororten. Es werden auch keine leer stehenden Immobilien besetzt (solche findet man in Berlin kaum noch, hat der Biennale-Chef festgestellt), sondern bestehende Museen genutzt: das intime Haus am Waldsee, das einst eine Fabrikantenvilla war, sowie die Museen in Dahlem.

Zum Thema

Die Berlin Biennale ist noch bis zum 3. August in Berlin im Haus am Waldsee, in den Museen Dahlem und im KW Institute for Contemporary Art (Kunst-Werke) zu sehen. Infos unter berlinbiennale.de.

In Dahlem warten Nagelfetische und Schamanenamulette darauf, ins Humboldt-Forum im neuen Stadtschloss überführt zu werden. Für kolonialkritisch geschulte Künstler der Gegenwart sind die veralteten Museen mit verstaubten Vitrinen und den Kontexten entrissenen Artefakten eine willkommene Spielwiese. Viele der rund 50 eingeladenen Protagonisten entstammen ehemals kolonisierten Ländern. Nicht wenige sind Recherchekünstler. Fotografie, Videos, Zeichnungen oder Sound dienen zur Illustration von Ansichten, beispielsweise über die Ideologie hinter scheinbar neutralen Museumspräsentationen.

Die aus Mexico-Stadt stammende Mariana Castillo Deball hat sich die mesoamerikanische Archäologie des Ethnologischen Museums Dahlem vorgeknöpft und Gipsrepliken von Objekten hergestellt, die zum Teil im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Carsten Höller manipuliert unter dem Titel „7,8 Hz“ das Beleuchtungssystem des Museums. Er setzt präkolumbianische Goldantiquitäten flackerndem Stroboskoplicht aus, was die Fetischwirkung von Dämonenfratzen und goldenen Riesenspinnen gespenstisch erhöht. Rosa Barba mischt in einer Filmarbeit Science-Fiction und Apokalypse. Gedreht wurde in Industriebrachen in Manchester, an der Küste Kents und in der texanischen Wüste. Eine Gesellschaft, zum Verwechseln ähnlich mit unserer, archiviert systematisch Objekte aus der Vergangenheit, um der leeren Gegenwart Sinn zu verleihen.

Julieta Aranda verbindet fiktive Gegenstände, die der Welt der Ureinwohner aus dem „Avatar“-Film entstammen könnten, mit EKG-Aufnahmen des russischen Kosmonauten Juri Gagarin.

Olaf Nicolai hat das Museumsfoyer mit grauweißen Bodenornamenten ausgelegt, die er einer Shopping-Mall in Berlin-Lichtenberg entlehnte: womöglich um zu suggerieren, dass die außereuropäischen Artefakte aus Dahlem im neuen Stadtschloss als Teil einer Citymarketing-Strategie funktionieren könnten. Um Business geht es allerdings auch auf Kunstbiennalen. Bei der Vorschau hörte man zwischen indianischen Kuhhornrasseln, aztekischen Opferschalen und modernen Werken eine Kunstagentin laut telefonieren: „Es geht darum, gute Leute herzuholen, Sammler, Galeristen“, rief die Frau ins Handy, „meinen Party Friends habe ich abgesagt, sonst ist die Bude gleich voll und die guten Leute kommen nicht mehr rein.“

Im obersten Stockwerk der Kunst-Werke, der traditionellen Biennale-Basis in der Auguststraße, klopfen sogar Promis vergeblich an die Tür. Diese bleibt während der gut zwei Biennale-Monate für alle versperrt. Über dem Brandmelder hängt ein Lautsprecher, aus dem eine herzzerreißende Arie tönt. Daneben steht gekritzelt: „... Rettung naht“. Am Sims des offenen Fensters blickt eine Nippes-Eule, wohl Verkörperung der Weisheit, hinaus in den Regen. Das poetische Arrangement stammt von Zarouhie Abdalian.

Die 8. Berlin Biennale erscheint wie eine Illustration der kritisch gemeinten Thesen des konservativen amerikanischen Kunstkritikers Hal Foster. Dieser beobachtet, dass die Ethnologie zur neuen „Leitdisziplin“ avanciert ist. Künstler, die sich als Feldforscher des Alltags betätigten, könnten rivalisierende Diskurse, beispielsweise des Poststrukturalismus und des Strukturalismus oder der Subjektkritik und der Identitätspolitik, auf schier „magische Weise“ vereinen.

Die meisten der 500 000 wertvollen Exponate aus Dahlem sind in Zusammenhang mit kolonialen Eroberungszügen nach Berlin gelangt. Die Hohenzollern, deren Schloss gerade wiederaufersteht, waren ins Sklavengeschäft involviert. Es ist nicht unproblematisch, ausgerechnet die außereuropäischen Objekte in der Schlossreplik zeigen zu wollen.

Von zeitgenössischer Kunst wäre zu erwarten, hier intelligent zu intervenieren. Die Ethnologie-Biennale versucht es, bleibt aber schwach: Schön anzusehen, aber letztlich harmlos.

Kultur Nachruf auf Karlheinz Böhm - Mensch für Menschen
Stefan Stosch 30.05.2014
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