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Kultur 200 Jahre nach seinem Tod wird Haydns Rolle neu definiert
Nachrichten Kultur 200 Jahre nach seinem Tod wird Haydns Rolle neu definiert
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00:10 30.05.2009
Von Rainer Wagner
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Mozart, das war der Genialische, der Göttliche. Und Beethoven: der Titan, der Prometheus, der den Funken der Erkenntnis und das Feuer der (Mit-)Leidenschaft zu den Menschen brachte. Haydn dagegen war der vermeintlich Bodenständige, der solide und überaus fleißige Handwerker, der das Fundament legte, auf dem dann andere ihre kompositorischen Prachtbauten (oder manchmal auch nur Luftschlösser) errichteten.

Die großen drei wussten durchaus, was sie aneinander hatten. Der 1732 im niederösterreichischen Rohrau geborene Haydn war 24 Jahre älter als Mozart, dennoch waren beide befreundet (nicht nur als Freimaurerkollegen), sie schätzten sich und ihr Können. Haydn respektierte den Jüngeren, der seinerseits dem Vorbild nacheiferte und seine Antwort auf die Streichquartette des Älteren dem väterlichen Freund widmete.

1792 wurde Ludwig van Beethoven, damals gerade 22 Jahre alt, vorübergehend Klavierschüler Haydns. Und als kurz vor Haydns Tod im Jahr 1809 dessen Oratorium „Die Schöpfung“ erneut in Wien aufgeführt wurde, beugte auch der ansonsten unbeugsame Beethoven sein Knie vor dem Altmeister. Haydn war von den großen drei wohl der fleißigste Komponist, und das liegt nicht nur daran, dass er 20 Jahre älter wurde als Beethoven und mehr als doppelt so alt wie Mozart. Fünf Jahre vor seinem Tod 1809 initiierte er ein Werkverzeichnis, das 925 Nummern umfasste.

Schon die Quantität ist umwerfend: 104 Sinfonien plus eine Sinfonia Concertante (und einige Varianten). 24 Opern, 14 Messen, 21 Solokonzerte, 83 Streichquartette, 52 Klaviersonaten. Und wenn sein Arbeitgeber ein so ungewöhnliches Instrument wie das Baryton spielt (eine skurrile Kreuzung aus Violoncello und Gambe), dann schreibt Haydn für den ambitionierten Dilettanten Fürst Nikolaus Esterházy gleich 126 Trios und reichlich weitere Literatur. Und verkneift sich nicht, auf das Trio Nummer 109 ein „fatto a posta“ (auf Bestellung) zu schreiben.

Und ein „nihil sine causa“ (nichts ohne Grund). Der Grund war ein durchaus komfortabler Vertrag als Kapellmeister beim Fürsten Esterházy. Auch das hat man ihm später übel genommen: Ein Fürstenknecht sei er gewesen, wo andere Genies nach Autonomie strebten. Doch die Abgeschiedenheit auf dem Landsitz der Esterházys in Eisenstadt und dem Schloss Eszterháza (mit seinen fürstlichen Aufführungsmöglichkeiten) ist auch ein Biotop für das Genie Haydn: „Ich war von der Welt abgesondert ... und so musste ich originell werden.“

Der gut bezahlte Hofkapellmeister und Hausoffizier (so sein Rang) hat mit der Esterházy-Kapelle hoch qualifizierte Fachkräfte für sein Musiklabor, in dem er immer Neues ausprobieren kann. Und als sein Gönner, Fürst Nikolaus „der Prachtliebende“, stirbt und dessen amusikalischer Nachfolger 1790 das Hoforchester auflöst (Haydn bleibt aber Fürstlicher Kapellmeister mit redlicher Pension), da erfindet Haydn sich selbst neu: als musikalischer Welteroberer, der die Metropole London stürmt und nicht nur mit seinen „Londoner Sinfonien“ gefeiert wird. Später betonte er gegenüber seinem Biografen Georg August Griesinger immer wieder, „dass er in Deutschland erst von England aus beruehmt geworden sey“.

Die in diesem Zusammenhang verliehene Ehrendoktorwürde empfand Haydn wohl als überfällige Ehre. Die für Dienstboten übliche Anrede „Er“ verbat er sich nun, und die so sonst durchaus jähzornige Durchlaucht Nikolaus II. nahm das hin und sprach ihn künftig als „Herr von Haydn“ an. Mittlerweile war nämlich wieder Musikalität bei den Esterházys angesagt – und Haydn lieferte (gegen gutes Geld) sehr gute Messkompositionen. Geschäftstüchtig war Haydn nämlich durchaus. Er verkaufte schon mal Werke mehrfach und trat bei der „Schöpfung“ als sein eigener Verleger auf.

Dieser – von Händels Oratorienerfolgen in London – angeregte späte Welterfolg machte wett, dass Haydn als Opernkomponist weniger erfolgreich war. Auch heutige Wiederbelebungsversuche erwecken zwar durchweg Respekt, aber nur begrenzte Begeisterung für den Opernkomponisten Haydn.

Joseph Haydns Leben war viel unspektakulärer als das Mozarts oder Beethovens (alle Affären, die es durchaus auch gab, wurden diskret abgewickelt). Auch das trug dazu bei, dass aus Mozarts respektvoller Anrede „Papa Haydn“, aus Schumanns jovialer Einschätzung, Haydn sei „ein Hausfreund, der immer gern und achtungsvoll empfangen wird“ (dem tieferes Interesse in der Jetztzeit aber nicht zustehe), und aus Eduard Mörikes biedermeierlicher Einschätzung, Haydns „altfränkischer“ Humor trage ein „zierliches Zöpfchen“, das Abziehbild vom Altvater Haydn wurde. Prompt säbelten in den letzten Jahrzehnten unzählige Kritiker den sprichwörtlichen Zopf ab.

Besonders gerne, wenn die Interpreten bewiesen, dass Haydn vielleicht nicht oft tragisch, aber gelegentlich tragikomisch ist – und immer gewitzt. Es gibt Sturm und Drang bei ihm, aber auch ein Gefühl für das rechte Maß. Haydn hat die Formgesetze der Klassik erfunden oder doch mitgeprägt – und der Witz seiner Musik besteht darin, dass er die selbst gezogenen Grenzen immer wieder verrückt. Es finden sich genug dieser überaus amüsanten Verrücktheiten in Haydns Musik. Man muss sie nur erspüren.

Wer Haydn zu leicht nimmt, der scheitert. Man muss schon ein bisschen Aberwitz mitbringen, Spielfreude und Pointensicherheit. Haydn liebte die Überraschungen, nicht nur in seiner Sinfonie „mit dem Paukenschlag“, die anderswo „Surprise“ heißt. Und er bietet diese Entdeckungen noch immer – für alle Neugierigen.

Johanna Di Blasi 29.05.2009
28.05.2009