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Nachrichten Digital Wenn Youtube Kindern Angst macht
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12:59 22.01.2019
Viele Eltern lassen ihre Kinder Videos auf Youtube schauen. Quelle: Patrick Semansky/AP
Hannover

Am 20. November 2018 veröffentlicht Miguel Pablo das 192. Video auf seinem Youtube-Kanal. Der Titel: „Miguel Pablos Kampf aus der Psychiatrie – Die Dokumentation“. 33 Minuten, die mit pathetischer Musik und großen Worten beginnen: „Das ist die Wahrheit über meine erste Psychose“, heißt es da. Und weiter: „Meine Großmutter starb an einem Selbstmord in der Psychiatrie. Der wahre Grund für meine zweite Psychose: Vererbung, mein Drogenkonsum, mein Stress mit dem Abitur, mein Stress mit der Fahrschule, mein Stress mit Youtube und mein Stress mit mir selbst.“

Pablos Kanal hat mehr als 750 000 Abonnenten. Wer zu seinen Fans zählt, kann man in seinem aktuellen Musikvideo „Berlin stirbt“ sehen. Darin bedient Pablo alle lyrischen Platitüden des Gangster-Raps, inklusive der Zelebrierung des eigenen Drogenkonsums. Kein Video für Kinder also. Dennoch erreicht Pablo damit die jüngere Altersgruppe und lässt sie sogar auftreten: Unter den Statisten dürften einige noch nicht einmal im Teenageralter sein.

Kontrolle wird schwieriger

Miguel Pablo ist Teil einer Internetplattform, die sich mehr und mehr zum Leitmedium für Kinder und Jugendliche entwickelt. 81 Prozent aller US-amerikanischen Eltern von Kindern im Alter von elf Jahren oder jünger – das hat jüngst eine Erhebung des Washingtoner Pew Research Centers ergeben – lässt den Nachwuchs gelegentlich Videos auf Youtube schauen, 34 Prozent sogar regelmäßig. Fast zwei Drittel von ihnen berichteten, dass sie dabei schon mit Inhalten in Kontakt gekommen seien, der für Kinder ungeeignet erschien.

Vor allem das Smartphone habe die Kontrolle viel schwieriger gemacht. „Früher konnten die Eltern am PC noch sehen, was ihre Kinder machen. Heute weiß man nicht, was sich ein Kind auf seinem Handy überall so ansieht“, sagt Prof. Dr. Andries Korebrits, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Helios-Klinik Leipzig. Welche Auswirkungen es habe, wenn sich ein Kind Miguel Pablos „Dokumentation“ ansehe, lasse sich zwar nicht nachmessen. Gerade im Hinblick auf solch sensible Themen wie psychische Erkrankungen müssten „Informationen valide und differenziert gegeben werden. Man kann sonst nie wissen, wie sie beim Empfänger ankommen. In dieser Form kann niemand einschätzen, ob all das echt ist.“

„Eine wilde Mischung“

Insbesondere Kinder können das nicht. „Gerade bei Youtube haben wir festgestellt, dass sie wenig Kritik an ihren Stars äußern“, sagt Medienpädagogin Christa Gebel. Mögliche Ursachen dafür: Der „offen jugendliche Anstrich“ vieler Youtuber sowie der „Anschein von Gleichheit“. Gebel forscht am JFF-Institut für Medienpädagogik in München zum Medienverhalten von Minderjährigen und findet klare Worte, wenn es um die Frage geht, ob Youtube als Plattform für Kinder geeignet sei: „Es ist wichtig zu betonen, dass Youtube kein Kinder-, sondern in erster Linie ein Erwachsenenangebot ist.“ Entsprechend vorsichtig sollten Eltern sein, wenn sie ihren Nachwuchs dort Videos schauen lassen.

Risiken bestünden vor allem in Hinblick auf den Jugendmedienschutz. Im Gegensatz zum Fernsehen, wo es klare Bestimmungen hinsichtlich Alterseinstufungen und Werbung sowie explizite Kinderkanäle gibt, liege bei Youtube „eine wilde Mischung“ vor. „Wenn das Kind dann durch einen Klick auf Abwege gerät, kann dieser durch die Algorithmen und die vorgeschlagenen Videos immer breiter werden“, warnt Gebel. Kritisch sieht die Forscherin unter anderem die zweifelhaften Rollenbilder, die durch Gangster-Rap-Videos propagiert werden, oder auch einige „Comedy“-Formate: „Manche leben stark von Abwertung oder gehen in den Bereich der Diskriminierung.“

Vorsicht bei Let’s-Play-Videos

Auch Computerspiele lösen Bedenken bei den Forschern aus. Sogenannte Let’s-Play-Videos, in denen Youtuber Spiele spielen und diese (nicht selten mit zweifelhaftem Vokabular) kommentieren, zeigen auch Games, die ab 16 oder 18 Jahren freigegeben sind – die Clips aber sind für jeden frei verfügbar. Psychiater Andries Korebrits ist sich sicher, dass dies unter Umständen auch zu traumatischen Erfahrungen führen kann: „Heutzutage kann man kaum noch unterscheiden, ob es sich um ein Spiel oder um eine echte Aufnahme handelt. Vor allem Kinder können das nicht beurteilen. Daneben gibt es auch noch realistische Filme, die beispielsweise Enthauptungen zeigen. Es reicht bereits, so etwas ein- oder zweimal zu sehen, um Angstzustände und Alpträume zu bekommen.“

Youtube-Videos mit kritischen Inhalten können von den Nutzern zwar gemeldet werden, ebenso analysieren automatisierte Programme die Inhalte etwa auf Nacktheit oder extremistische Inhalte. Gegebenenfalls erfolgt dann eine Sperrung der Videos oder sie bekommen eine Altersbeschränkung. Die allerdings kann durch eine Registrierung auf der Seite mühelos umgangen werden.

Bis im Alter von sechs Jahren komplett auf Youtube verzichten

Geht es nach Korebrits, sollte daher bis zu einem Alter von sechs Jahren komplett auf Youtube und andere soziale Netzwerke verzichtet werden. „In diesem Alter sind diese Medien nach unserer Erkenntnis sogar schädlich, weil sie oft andere Dinge ersetzen, die die Kinder brauchen, Gespräche und Vorlesen beispielsweise.“ Die wichtigste Frage sei deshalb immer: Stellt Youtube eine Ergänzung zu einem ausgeglichenen Tagesprogramm dar oder wird tatsächlich etwas ersetzt? „Bei Letzterem befinden wir uns schnell im roten Bereich, auch weil es enormes Suchtpotential birgt.“

Christa Gebel empfiehlt Eltern von Klein- oder Vorschulkindern, den Nachwuchs „auf keinen Fall mit Youtube allein zu lassen“, selbst wenn es sich um die für Kinder bis acht Jahre geeignete App Youtube Kids handelt.

Naiv ist für Andries Korebrits auch Miguel Pablos „Dokumentation“. Es sei zwar nicht das schlechteste Video, das er bisher gesehen habe. Am besten aber wäre es, man würde ihn mit professioneller Begleitung noch einmal so ein Video drehen lassen.“

Youtube-Alternativen für Kinder

Die App Youtube Kids ist für Kinder bis acht Jahre. Darin sollen alle Inhalte der populären Videoplattform herausgefiltert werden, die nicht für diese Altersgruppe geeignet sind. Doch selbst die Entwickler wissen: „Kein System ist perfekt.“

Seitenstark.de ist ein Netzwerk von rund 60 Webseiten für Kinder und legt laut eigenem Verständnis hohen Wert auf Qualität und Jugendschutz, ebenso wie Juki.de. Die Webvideoplattform des Deutschen Kinderhilfswerks ist für Kinder zwischen acht und 13 Jahren geeignet. Pädagogische Inhalte sind ebenso vertreten wie zeitgenössische Jugendkultur.

Von Christian/Neffe

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