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Digital Verfallen Frauen auf Instagram wirklich in alte Rollenbilder?
Nachrichten Digital Verfallen Frauen auf Instagram wirklich in alte Rollenbilder?
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12:31 08.02.2019
Neue Medien – altes Rollenbild? Quelle: Gina Patan/RND
Hannover

Statt draußen die Welt vor dem Untergang zu bewahren, klatschen sich Deutschlands junge Frauen lieber Make-up ins Gesicht und häkeln sich Handtäschchen. Das ist, überspitzt formuliert, das Ergebnis dreier von der Malisa-Stiftung jüngst veröffentlichten Studien, die sich mit weiblicher Selbstinszenierung in sozialen Medien beschäftigen. Die Stiftung von Schauspielerin Maria Furtwängler und deren Tochter Elisabeth hatte 2017 bereits die Darstellung von Geschlechterrollen im deutschen Film und Fernsehen untersucht.

Maria Furtwängler wird nun nicht müde, die Erkenntnisse der jüngsten Studie in den Medien zu kommentieren. Der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagte sie beispielsweise: „Da wächst keine Generation heran, die sagt ‚Wir wollen die Welt retten‘, oder: ‚Ich hab die geilste Erfindung‘, sondern da geht es nur darum, die Schönste im ganzen Land zu sein.“ Eine Woche, nachdem die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos sprach und Tausende deutsche Schülerinnen für das Klima die Schule schwänzten, greift diese Behauptung doch recht kurz.

Lesen Sie hier: 16 Jahre alte Klimaaktivistin: „Ich will, dass ihr in Panik geratet“

Und tatsächlich sind die Malisa-Studien problematisch. Auch, weil niemand sie bisher prüfen kann. So sind die kompletten Studien bisher nicht publik. Nur die nackten Ergebnisse sind bekannt. Doch die Kernthesen, die die Furtwänglers derzeit verbreiten, überzeugen nicht. Drei Beispiele:

Rückwärtsgewandte Frauen: Mädchen auf Youtube beschränken sich auf Themen der 50er-Jahre wie kochen, schminken, stricken.

Die Studien der Malisa-Stiftung zeigen dies anhand der 100 beliebtesten personenbezogenen Youtube-Kanäle: Während junge Frauen darin vorwiegend Klischeethemen wie Schönheit, Partnerschaft und Essen bedienten, wiesen Männer eine deutlich breitere Themenpalette auf, heißt es. Elisabeth Furtwängler zeigt sich angesichts dieses Ergebnisses empört und sieht sich offenbar gezwungen, gegenzusteuern: „Warum sind die erfolgreichen Akteurinnen und Akteure in den sozialen Medien ausgerechnet die mit den rückwärtsgewandt erscheinenden Geschlechterrollen, und wie können wir eine größere Vielfalt sichtbar machen?“

Die Antwort auf diese Frage ist recht einfach: Wer nicht, wie in der Studie geschehen, mehr als doppelt so viele Männer-Kanäle wie Frauen-Kanäle untersucht und seine Untersuchung nicht nur auf die beliebtesten hundert Kanäle beschränkt, würde auf Vielfalt stoßen. Denn die Analyse der Top 100 ist in etwa so, als würde man den deutschen Arbeitsmarkt allein mithilfe der 100 bestbezahlten Jobs untersuchen – um dann verblüfft festzustellen, dass deutsche Arbeitnehmer ausschließlich geerbt oder BWL studiert haben.

Der hohe Anteil von Frauen, die mit als weiblich geltenden Themen auf Youtube erfolgreich sind, erklärt sich auch dadurch, dass in diesem Bereich eine besonders hohe Nachfrage besteht, Frauen sich darin leichter etablieren und eher zu Geld kommen können als etwa Männer auf diesem Gebiet. Das heißt nicht, dass die dabei vermittelten Vorstellungen zeitgemäß und reflektiert sind. Es heißt allerdings auch nicht, dass Follower und ihre Influencer sich nicht auch für viele andere Themen interessieren – nur sind dies eben Themen, die es nicht in die Top 100 schaffen oder außerhalb von Youtube stattfinden.

Wenn Maria Furtwängler dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ sagt, das Frauenbild auf Youtube orientiere sich an den 50er-Jahren, dann ist das schlicht übertrieben. Nur weil Jugendliche sich für Beautythemen und Mode begeistern, können sie trotzdem zeitgemäß denken. Auch wenn es zu hinterfragen gilt, warum gerade Influencerinnen wie Bianca Heinicke („Bibis Beauty Palace“), deren Weltbild recht oberflächlich erscheint, auf Youtube so erfolgreich sind.

Unterdrückte Frauen: Es hagelt Kritik, wenn Influencerinnen sich in anderen Bereichen ausprobieren wollen.

Zunächst: Ob dem wirklich so ist, lässt sich mit den Studien der Malisa-Stiftung nicht klären. Die Aussage basiert auf gerade einmal 21 nicht repräsentativen, nicht öffentlichen Interviews mit Youtubern und Instagramern. Damit ist die Zahl der Befragten zu klein, um aussagekräftig zu sein. Doch selbst wenn das Ergebnis stimmen sollte, ist es kein Aufregerthema.

Dazu ein Beispiel: Wer zum Friseur geht, möchte dort seine Haare geschnitten bekommen, nicht aber eine Bockwurst auf die Hand. Genauso verhält es sich bei Influencern: Wenn Follower von einem ihrer Influencer Schminktipps erwarten, dann soll es bitte Schminktipps geben. Nicht mehr, nicht weniger. Entscheidend ist, wofür ein Influencer steht. Wer von vorn herein ein Profil als politisch engagierte Modeexpertin aufbaut, sammelt Follower, denen das gefällt. Wer aber stets nur eine konsumorientierte Scheinwelt entwirft, in der alles perfekt zu sein scheint, dann allerdings plötzlich anders agiert, darf sich nicht wundern, wenn dieses Verhalten überrascht oder gar aneckt. Das gilt für jeden Kanal, egal ob von Mann oder Frau, Influencer oder Tageszeitung: Jede Veränderung provoziert Empörung und Ablehnung. Im besten Fall gleichen neue Follower das entstandene Minus aus.

Beeinflussende Frauen: Mädchen, die auf Instagram bestimmten Influencerinnen folgen, bearbeiten ihre Bilder häufiger als andere.

Die Studie zeigt das am Beispiel Heidi Klums. So ergab eine Befragung: Mädchen, die Klum bei Instagram folgen, bearbeiteten eigene Bilder häufiger nach als jene, die Heidi Klum nicht folgen. Diese Einsicht bescherte der Studie zuletzt Überschriften wie „Heidi folgen – Zähne bleachen“ oder „Wer Heidi Klum folgt, bleicht seine Zähne“. Die Logik dieser Berichte: Heidi Klum, schön und weißbezahnt, bringt unschuldige Teenies zum Zähnebleachen per Fotofilter.

Doch in der Realität funktioniert es wohl eher andersherum: Wer sich ohnehin für Mode interessiert, Wert auf Äußeres legt und sich per Filter die Zähne aufhellt, folgt Heidi Klum auf Instagram. Ob als Inspiration oder weil das Model als Vorbild gesehen wird. Der springende Punkt ist: Wahrscheinlich hätten diese Teens ihre Bilder auch ohne Klum aufgehübscht. Denn Fans von Influencern, das zeigt die Medienwirkungsforschung immer wieder, werden zwar von Medien beeinflusst. Den größten Einfluss haben jedoch Freunde, Familie und soziale Kontakte. Der Wille, den eigenen Zähnen das Gelb zu nehmen, mag in Teilen zwar problematisch sein – der Account von Heidi Klum trägt jedoch nur eine winzige Teilschuld daran, dass das geschieht.

Mädchen ohne Individualität: Mädchen inszenieren sich in sozialen Medien immer ähnlicher, Influencer ebenfalls. Vielfalt geht verloren.

Diese Behauptung ist ebenfalls Ergebnis der 21 nicht repräsentativen, nicht öffentlichen Interviews. Wissenschaftliche aussagekräftige Beweise dafür gibt es keine. Wohl auch, weil eine tatsächliche Untersuchung extrem aufwendig und kostspielig wäre: Über mehrere Jahre hinweg müsste eine repräsentative Auswahl von Instagram-Nutzern, Instagram-Influencern und Instagram-Nicht-Nutzern aufwendig befragt werden. Zusätzlich müsste ein emsiges Psychologen-Team eine repräsentative Post-Auswahl eines jeden Instagram-Accounts der Befragten ebenfalls über Jahre hinweg analysieren. Studien in solchem Format kosten gut und gerne Millionen. Doch auch ohne eine solche kann diese Kritik wiederum als reichlich übertrieben eingestuft werden. So sagte Maria Furtwängler jüngst in einem Interview mit: „Ich konnte mir aussuchen, ob ich Popper bin oder Punk. Oder Grufti, die gab’s damals noch. Heute hat man das Gefühl, es gibt nur noch einen Look, das ist: sehr hübsch, sehr schlank, lange Haare, möglichst blond.“

Dazu zunächst eine Entwarnung: Wenn Teenager mögen, dann dürfen sie auch heute noch Punks werden. Sie dürfen auch ungepflegt sein. Sogar Grufti dürfen sie sein. Wer das nicht glaubt, kann sich in jeder deutschen Fußgängerzone eindrucksvoll davon überzeugen. Und wem dieser Beweis nicht reicht, kann sich gerne auch bei Instagram umsehen: Zum Thema Punk gibt es 12,5 Millionen Einträge, zum Thema Goth 10,9 Millionen, Gruftis kommen immerhin auf 19.000.

Auf Instagram findet jeder Nutzer Nischen-Influencer, die seinen noch so popeligen Interessen entsprechen, findet Hashtags, findet Gruppen, findet Diskussionen. Die Vielfalt ist da, man muss sie nur sehen wollen. Einige letzte Beispiele, um das Ausmaß dieser Vielfalt klarzumachen: Auf Instagram bestehen beispielsweise sogar Accounts für Menschen, die Ladendiebstähle begehen, sich die Augen tätowieren lassen, sich ihre Zähne durch Metall ersetzen lassen oder für Menschen, die Sex unter Drogen praktizieren. Keiner dieser Accounts ist in den Top 100, aber viele haben mehrere Tausend Follower. Doch selbst zu Furtwänglers Jugendzeiten werden Punks und Gruftis nicht die gesellschaftliche Mehrheit gestellt haben. Damals wie heute werden die Schönheitsideale schlank und hübsch gewesen sein – was damals wie heute problematisch ist.

Weitere Ergebnisse der Studie

Einige Ergebnisse der MaLisa-Studie sind aber tatsächlich alarmierend:

• Frauen sind in den Top 1000 Youtube-Kanälen und in den Top 100 Singlecharts unterrepräsentiert: Nur jeder dritte Youtube-Kanal und jeder fünfte Chart-Hit hat weibliche Protagonisten. In Musikvideos der Singlecharts werden Frauen zudem stark sexualisiert. In 53 Prozent der Videos so sehr, dass nur der Körper, nicht aber das Gesicht zu sehen war.

Influencer als Vorbilder: Mädchen mimen Aussehen, Gestik und Mimik ihrer Influencerinnen nach und kopieren bevorzugte Gesten. Beliebt sind zum Beispiel das zur Seite ausgestreckte Bein, das zufällig überkreuzte Bein, der angewinkelter Arm mit der Hand im Haar, der Körper in sexy S-Pose, der wie zufällige Blick über die Schulter.

• Realität hinter dem Filter: Etwa jede fünfte Frau und jeder vierte Mann verändern den eigenen Körper auf Instagram-Fotos deutlich.

Von Julius Heinrichs/RND

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