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Der Norden Wolfsburg und die Autokrise: Wenn eine reiche Stadt sparen muss
Nachrichten Der Norden Wolfsburg und die Autokrise: Wenn eine reiche Stadt sparen muss
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17:02 21.12.2019
Der VW-Bulli, hier als Modell in der Innenstadt, erinnert an die Anfangsjahre von Volkswagen. Quelle: Gabriele Schulte
Wolfsburg

Der Satz kommt nicht von ungefähr, er fällt vor einem hölzernen Bulli. „Wenn VW hustet, geht es uns schlecht“, sagt Klemens Olbrich. Der Rentner greift damit einen Spruch auf, der sich meist auf das Wohlbefinden Niedersachsens bezieht – und der hier am Volkswagen-Hauptquartier in besonderem Maß gilt.

In der Fußgängerzone, in Wolfsburg heißt sie Porschestraße, verkauft der 76-Jährige mit seiner Frau Margrit auf dem Weihnachtsmarkt Selbstgemachtes: Stofftaschen, Deckchen, Quittenmarmelade. Das Geschäft laufe nicht gut dieses Jahr, das habe mit der Konkurrenz zu tun. Wolfsburg hat nämlich drei Weihnachtsmärkte: in der Innenstadt, in Volkswagens Autostadt und den beliebten „Advent im Schloss“. Letzteren, hat das Ehepaar Olbrich gehört, soll es im kommenden Jahr nicht mehr geben: „Die Stadt muss sparen.“

Margrit und Klemens Olbrich bieten in der Wolfsburger Porschestraße vom VW-Bulli-Modell aus Selbstgemachtes an. Quelle: Gabriele Schulte

Stadt zeigt sich spendabel

Vieles, was andernorts privat organisiert wird, ist in Wolfsburg Sache der Stadt – auch der vorweihnachtliche Kunsthandwerkermarkt im Renaissanceschloss. Reichlich sprudelnde Gewerbesteuer und Geschenke des VW-Konzerns haben den Bewohnern Wohltaten beschert, von denen andere träumen: Kulturtempel wie Theater und Kunstmuseum, Sportattraktionen wie Fußball- und Eis-Arena und jede Menge üppig ausgestattete Angebote auch in den Bereichen Bildung und Soziales.

Das Ehepaar Olbrich profitiert ganz direkt. Das VW-Bulli-Modell für ihre Handarbeiten habe ihnen die städtische Werbegemeinschaft mietfrei spendiert, erzählt Margrit Olbrich: „Wir zahlen nur 4 Euro am Tag für Strom.“

Das VW-Werk prägt Wolfsburg und sein Stadtbild. Doch nicht alles in Wolfsburg ist jung, wie sich im innenstadtnahen Stadtteil Heßlingen zeigt.

Doch 2015 gab es mehr als ein „Husten“ in der Wolfsburger VW-Konzernzentrale. Der Diesel-Abgasskandal wurde bekannt, zog eine Krise bei Aktien und Absatz nach sich, forderte Milliarden an Ausgleichszahlungen und führte zu einem Einbruch bei den Gewerbesteuern. Auch wenn das Schlimmste überstanden scheint, muss die Stadt deshalb kräftig sparen: 15 Millionen Euro im kommenden Jahr, mittelfristig 25 bis 30 Millionen Euro pro Jahr. Vor wenigen Tagen legte die Verwaltung Vorschläge vor, die auf einer externen Analyse durch die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) und internen Ideen beruhen. Ein großer Teil betrifft Sparmöglichkeiten innerhalb der Verwaltung, etwa die Kürzung von leistungsbezogenen Prämien.

Direkt auf die Bürger bezogen reicht die Vorschlagsliste, die noch diskutiert wird und im Januar in den Rat eingebracht wird, von Zusatzeinkünften durch mehr Verkehrsüberwachung per „Blitz-Anhänger" über die Zusammenlegung der Stadtteil- mit Schulbibliotheken bis zur Reduzierung der Sportfördermittel. 40.000 Euro im Jahr ließen sich durch das Ausfallen des Wochenendes „Advent im Schloss“ sparen. Auf der Liste möglicher Streichungen ist die Schulsozialarbeit ebenso wenig tabu wie die Ärzteförderung. „Wir versuchen die Haushaltssanierung auf viele Schultern zu verteilen“, sagt Oberbürgermeister Klaus Mohrs.

„Leben im Überfluss“

Das dürfte, obwohl auch Gebührenerhöhungen und höhere Eintrittsgelder zum Beispiel für Musikschule beziehungsweise Schwimmbad im Gespräch sind, ohne großen Protest über die Bühne gehen. Zu spüren ist allenfalls Verunsicherung, keine Panik. „Natürlich hoffen wir immer, dass wir nicht von Kürzungen betroffen sind“, sagt etwa Schauspielerin Andrea Haupt, kurz nachdem sie in ihrem Figurentheater Compagnie mehr als 100 Kindergartenkinder mit einem farbenfrohen Auftritt begeistert hat. Die Stadt unterstütze das Theater großzügig, stelle unter anderem das Fachwerkdomizil mietfrei zur Verfügung: „Das ist eine gute Basis, ohne würde es nicht funktionieren.“

Wolfsburg muss sparen – aber auf hohem Niveau. So hat sich auch in diesem Jahr die VW-Autostadt wieder in eine eine „Winter Wunder Stadt“ verwandelt. Dazu gehört eine große Eislauffläche. Quelle: Anja Weber/Autostadt

Hört man sich auf der Straße um, ist von Unmut ebenfalls nichts zu spüren. „Diese Stadt lebt im Überfluss“, meint IT-Berater Alexander Thoms (41) übereinstimmend mit vielen: „Wenn sie spart, hat sie immer noch mehr, als andere haben.“ Auch Matthias Lange, Sprecher der Einzelhändler, sieht die Ankündigungen gelassen. „Wolfsburg muss einsparen, aber auf hohem Niveau“, sagt der Inhaber des örtlichen Kaufhauses WKS. Der 62-Jährige ist in Essen aufgewachsen und bekommt aus dem Ruhrgebiet manchmal zu hören: „Davon was ihr einspart, muss eine Stadt wie Wanne-Eickel ein ganzes Jahr leben.“

Lange ist überzeugt, dass sich Wolfsburg und nicht zuletzt die Innenstadt, für die er sich besonders einsetzt, weiter gut entwickeln. In seinem Büro unterm Kaufhausdach zeigt er historische Bilder: Die Porschestraße war anfangs ein bloßer Trampelpfad von VW-Arbeitern zum Werk, wurde dann zur vierspurigen Autostraße mit beidseitigen Parkstreifen – und schließlich Fußgängerzone. Dort finden sich im Übrigen auffällig viele italienische Eiscafés und Restaurants. „Wir haben hier die größte italienische Gemeinde nördlich der Alpen“, erzählt Lange. VW hatte ihre Vorfahren als Gastarbeiter angeworben. Immer noch ziehen weitere zu, wie vor drei Monaten Eisverkäuferin Thayz Concer. Die die 25-Jährige zeigt sich von der Stadt begeistert: „Planetarium, Phaeno und ganz, ganz freundliche Leute.“

VW-Arbeiter halten sich bedeckt

Etwas zugeknöpft zeigen sich die Mitarbeiter von Volkswagen, die beim Schichtwechsel am Tor 17 in Scharen zu Fuß den sogenannten VW-Tunnel unterm Mittellandkanal Richtung Bahnhof durchqueren. Zum Sparprogramm der Stadt wollen die meisten nichts sagen. Die Stimmung bei VW sei, wie einzelne murmeln, „wieder okay“, der Dieselskandal weitgehend ausgestanden. Darüber werde kaum noch geredet, sagt eine Mitarbeiterin der VW-Kantine: „Ändern können wir kleinen Leute sowieso nichts.“ Von der radikalen Umstellung des Konzerns auf Elektrofahrzeuge sind längst nicht alle begeistert. „Da fallen viele Arbeitsplätze weg, wenn auch nicht gleich“, meint etwa Staplerfahrer Andreas Werneke.

Das VW-Management setzt unterdessen mit Hochdruck auf E-Mobilität und Digitalisierung. Wolfsburg, autofreundlich gebaut und Partner der Autoindustrie, soll dabei, wie ein Unternehmenssprecher sagt als „Reallabor“ für autonomes Fahren dienen. Versuche an einem großen Verkehrskreisel seien bereits erfolgversprechend verlaufen. In der Stadt dürfte auch besonders frühzeitig eine Vielzahl von Elektroautos unterwegs sein, denn die VW-Mitarbeiter bekommen neue Autos zu günstigen Konditionen. Auf einem denkmalgeschützten Tankstellengelände ist im Sommer der bundesweit erste Schnellladepark für E-Autos aufgebaut worden, weitere sollen folgen.

Alte und neue Welt: Diese E-Ladestation wurde an einer denkmalgeschützten Tankstelle aufgestellt. Quelle: Anke Hummitzsch

Die Krise ist nicht die erste

Von Depression also keine Spur. Ein riesiges Wohnprogramm hat die Stadt angestoßen, daran will sie auch in der Sparzeit nicht rütteln. Ein Teil der täglich 70.000 Einpendler soll dort familienfreundlich leben können. Die Gegend um den Hauptbahnhof wird grunderneuert, dort am sogenannten Nordkopf der Porschestraße wird unter anderem die Markthalle zu einer digitalen umgebaut. Statt Gemüse sollen dort vom kommenden Jahr an Co-Working-Space und E-Sports Platz finden. Beteiligt ist neben Stadt und VW der Sportverein VfL.

Zusammen wird man es schaffen, an diese Devise hat Wolfsburg von jeher geglaubt. In einer früheren großen Krise, der Autoabsatzkrise Anfang der 1990er-Jahre, wurde deshalb die Wolfsburg AG gegründet, eine Tochter von Stadt und VW. Man setzte sich gemeinsam erfolgreich für den Erhalt von Arbeitsplätzen ein und auch dafür, dass Wolfsburg attraktiv für Touristen wurde. Jetzt freut man sich, dass Wolfsburg den Zuschlag für eine Bundesförderung als digital wegweisende „Smart City“ bekommen hat.

Der 5-G-Mobilfunk wird ausgebaut, das ist wiederum für das autonome Fahren der VW-Autos wichtig. Die enge Verflechtung von Stadt und VW sei trotz manchem Auf und Ab „extrem vorteilhaft“, meint Frank Fabian, der Vorstandssprecher der Wolfsburg AG. „Am Wohl und Weh von VW hängt auch Niedersachsen – man merkt es bloß vielleicht nicht so.“ Und da ist er wieder, der Husten, mit dem der Autokonzern um sich herum alle ansteckt.

Wolfsburg hieß zunächst Stadt des Kdf-Wagen

Wolfsburg ist eine der jüngsten Städte Deutschlands. Die Stadt wurde 1938 bei Fallersleben als Sitz des Volkswagenwerks und Wohnort für die Mitarbeiter konzipiert. Die Nationalsozialisten wollten dort den sogenannten KdF („Kraft durch Freude“)-Wagen – den späteren VW Käfer – produzieren lassen und nannten den Ort „Stadt des Kdf-Wagen“. Im Mai 1945 benannten die britischen Besatzer den Ort in Wolfsburg um; als Namensgeber diente das Renaissance-Schloss Wolfsburg im heutigen Stadtteil Alt-Wolfsburg.

1972 überschritt die Einwohnerzahl die Grenze von 100.000, wodurch Wolfsburg zur Großstadt wurde. Mit rund 125.000 Einwohnern ist die kreisfreie Stadt inzwischen die fünftgrößte Stadt Niedersachsens – nach Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Osnabrück. Flächenmäßig ist sie so groß wie Hannover. Fallersleben ist heute ein Ortsteil.

Das Lohnniveau bei Volkswagen und Zulieferern in der Region ist hoch.Mit mehr als 24.000 Euro haben die Wolfsburger das höchste Netto-Jahreseinkommen in Niedersachsen, wie die Hans-Böckler-Stiftung mitteilt. 2010 war das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf das höchste aller deutschen Städte. Seit 2015 hat die Stadt stark unter dem Diesel-Abgasskandal bei VW zu leiden, die Gewerbesteuer ging drastisch zurück.

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Von Gabriele Schulte

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