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Der Norden Wasserknappheit: Dem Harz wird der Stöpsel gezogen
Nachrichten Der Norden Wasserknappheit: Dem Harz wird der Stöpsel gezogen
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18:23 19.12.2018
Marcus Hödl, Betriebshofleiter der Harzwasserwerke, lässt am Striegelhaus am Kranicher Teich in Hahnenklee Wasser ab. Quelle: dpa
Clausthal-Zellerfeld

Ein wenig erinnert das Striegelhäuschen auf dem Kranicher Teich an einen altertümlichen Toilettenschuppen mit bestem Blick über das Wasser. Durch einen rustikalen Steg aus drei Holzplanken ist der Verschlag mit dem begrünten Staudamm verbunden. Was sich im Inneren der Hütte befindet, setzt ein vor über 300 Jahre erschaffenes, einzigartiges System in Gang: das Oberharzer Wasserregal.

Bei der jahrhundertealten, traditionsreichen Anlage handelt es sich um ein Netzwerk aus Teichen, Bächen und Seen – ursprünglich diente die daraus gewonnene Wasserkraft dem Bergbau. Jetzt soll das Unesco-Weltkulturerbe zur Trinkwasserversorgung beitragen. Wegen der extremen Dürre zwischen Februar und September zapfen die Wasserwerke die Teiche an, um die Trinkwasserversorgung für den Raum Braunschweig und Hildesheim zu sichern.

Mit Drehen des Striegels öffnet sich der Durchlass und das Wasser läuft in Richtung Talsperre. Quelle: dpa

Es ist das erst Mal überhaupt, dass das System zur Trinkwassergewinnung genutzt wird. „Ich bin seit 30 Jahren bei den Harzwasserwerken. Aber so eine Situation habe ich noch nicht erlebt“, sagt Betriebsleiter Marcus Hödl über die bedenklichen Wasserstände in den Harzer Talsperren. Im Oberharz hat es in den vergangenen Monaten so wenig geregnet wie selten zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1857. Die sechs großen Talsperren im Westharz sind entsprechend leer. Die Stauseen, die zusammen ein Fassungsvermögen von rund 180 Millionen Kubikmetern haben, waren am Mittwoch im Durchschnitt nur zu 32 Prozent gefüllt, die Innerste-Talsperre nur zu 28 Prozent. Normal ist für diese Jahreszeit mehr als das Doppelte.

17 Teiche werden angezapft

In den nächsten 19 Tagen sollen rund eine Million Kubikmeter Wasser in die Innerste-Talsperre geleitet werden. Dazu muss die Technik, die zwischen 1640 und 1690 im Oberharz angelegt wurde, in Gang gebracht werden. Im Kranicher Teich zieht Hödl den überdimensionalen Stöpsel im Striegelhäuschen: Mit einigen kräftigen Drehungen an einer Kurbel löst sich der sogenannte Striegelkopf und das Wasser aus dem Teich wird abgelassen – wie in der Badewanne.

So beginnt sein Weg durch ein Jahrhunderte altes Holzrohr in die Innerste-Talsperre. Es fließt durch ein 70 Kilometer langes Grabensystem und weitere Teiche in Richtung Talsperre. Sieben Stunden, so schätzt Hödl, braucht das Wasser bis es dort ankommt. Von dort aus wird es im Wasserwerk an der Granetalsperre gefiltert, desinfiziert und so zu Trinkwasser für die Gebiete um Hildesheim und Braunschweig aufbereitet.

Das Teichwasser läuft nach der Öffnung des Striegels durch den Staudamm in Richtung Talsperre. Quelle: dpa

"Das vorindustrielle Wasserregal ist auch heute noch eine voll funktionsfähige Anlage und kein Museum“, sagt Christoph Donner, Technischer Geschäftsführer der Harzwasserwerke. „In der jetzigen Situation zeigt es, wie genial bereits früher Wasserwirtschaft betrieben wurde, und warum es sich lohnt, dieses System zu erhalten.“ Die Qualität des gespeicherten Wassers, das dann zur Aufbereitung genutzt werden kann, wurde vor Beginn des Absenkens überprüft.

Nach Abstimmung mit der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, sowie der Naturschutzbehörde des Landkreises Goslar, werden auf diese Weise 17 der rund 60 Teiche für die Trinkwassergewinnung vorbereitet. Die beiden größten Abgabemengen liefern der Kuttelbacher- und Ziegenberger Teich bei Clausthal-Zellerfeld. Zusammen liefern beide Teiche eine zusätzliche Ressource von etwa 245.000 Kubikmetern Wasser. „Die Teiche der Oberharzer Wasserwirtschaft, die für die Trinkwasserversorgung des Oberharzes selbst wichtig sind, werden selbstverständlich nicht angetastet“, sagt Donner.

So verläuft das Oberharzer Wasserregal. Quelle: Harzwasserwerke

„Nicht der ganz große Wurf“

Der Rückgriff auf das Oberharzer Wasserregal verändert auch die Arbeitsweisen: In den Striegelhäuschen blinkt kein Messgerät, nirgends steht ein Computer – in den Hütten gibt es nicht einmal Strom, nur die Kurbel. So müssen sich die Angestellten der Wasserwerke auf Erfahrung und Bauchgefühl beim Ablassen des Wassers verlassen. Vor allem steigt der Arbeitsaufwand: „Wir müssen den Ablauf regelmäßig kontrollieren“, sagt Hödl. „Über Weihnachten müssen ständig Mitarbeiter vorbeikommen. Anders geht es nicht.“

Aus dem Kranicher Teich sollen in den nächsten Wochen 90.000 Kubikmeter abgesenkt werden. Damit den Pflanzen und Tieren darin nicht geschadet wird, soll der Wasserstand bis auf 30.000 Kubikmeter sinken. Täglich geht der Wasserstand so um zehn Zentimeter zurück.

Marie Kleine, Sprecherin der Harzwasserwerke, beschreibt den Schritt so: „Das Anzapfen der Wasserwirtschaft ist nicht der ganz große Wurf. Aber es hilft. Wie viel, das werden wir Ende Januar sehen.“ Die Situation würde sich weiter verschlimmern, wenn über den Winter weiter der Regen ausbliebe. „Was wir bräuchten, wären gleichmäßige Regenschauer über mehrere Wochen“, sagt Kleine. Für die nächsten Monate sei genug Trinkwasser vorhanden. Im schlimmsten Fall drohe ein sogenanntes Doppeltrockenjahr wie zuletzt 1959: „Damals ist die Wasserversorgung in Niedersachsen teilweise zusammengebrochen“, so die Sprecherin. Sollte die Dürre auch im kommenden Jahr anhalten, würden die Harzwasserwerke Ende Januar weitere Maßnahmen vorbereiten. Dass dann noch ein rund 300 Jahre altes System mit Kurbel und Stöpsel hilft – unwahrscheinlich.

Das ist das Oberharzer Wasserregal

Das Oberharzer Wasserregal – Regal steht für das vom König verliehene Bergbaurecht – ist ein System zur Umleitung und Speicherung von Wasser, das einst Wasserräder in den Bergwerken des Oberharzer Bergbaus antrieb. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert wurden insgesamt 143 Stauteiche, 500 Kilometer Gräben sowie 30 Kilometer unterirdische Wasserläufe angelegt. Es gilt als das weltweit bedeutendste vorindustrielle Wasserwirtschaftssystem des Bergbaus und wurde deshalb im Jahr 2010 in den Rang einer Unesco-Weltkulturerbe­stätte erhoben.

Inzwischen ist das Oberharzer Wasserregal deutlich kleiner: 65 Stauteiche, 70 Kilometer Gräben und 20 Kilometer Wasserläufe werden heute von den Harzwasserwerken instand gehalten. Typisch für die damals angelegten Stauteiche sind die Striegelhäuschen: Sie stehen entweder am Ufer oder sind über einen Steg mit dem Staudamm verbunden. In den Häuschen ist der Striegel befestigt. Wird er geöffnet, wird Wasser aus den Teichen abgeleitet.

Bereits bei der Dürre 1996 wurde der Einsatz des Systems in Erwägung gezogen, um Wasser abzuleiten. Damals blieb es allerdings bei der Planung.

Von Manuel Behrens

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