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Der Norden Zu modern für die Taliban: Wie diese mutige Frau nach Hannover flüchtete
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Vor den Taliban in Afghanistan: Wie diese Frau nach Hannover flüchtete

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11:52 20.10.2021
Ihre Sendung: Journalistin Zainab Bibi Mosavi hatte in ihrem Talk-Format den afghanischen Astronauten Jamal Muslim. Er ist offenbar auch in die USA geflohen.
Ihre Sendung: Journalistin Zainab Bibi Mosavi hatte in ihrem Talk-Format den afghanischen Astronauten Jamal Muslim. Er ist offenbar auch in die USA geflohen. Quelle: Elena Otto
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Hannover

Der Videoclip zeigt es: Da sitzt diese kluge, offene und schöne Frau selbstbewusst und entspannt auf dem Sofa, Zainab Bibi Mosavi gegenüber Dr. Jamal Muslim, ein afghanischer Astronaut. Beide reden auf Augenhöhe, sie befragt ihn zu ihrer Arbeit, gibt dem Fernsehpublikum Einblicke in die Forschung über das Weltlall. In ihren anderen Sendungen – jeden Abend um 18 Uhr talkt sie mit Gästen, geht es auch um ganz irdische Probleme in ihrem Land. Etwa, dass Männer ihre Frauen schlagen.

Dann macht die Moderatorin und Journalistin ihrem Publikum klar, dass Frauen die gleichen Rechte haben (sollten) wie die Männer. Und dass Gewalt gegen Frauen Unrecht ist. Für den privaten TV-Sender Jawan TV in Kabul arbeitet die in Ghazni geborenene Zainab Mosavi hier – später wird sie im AMC Musiksender Bands ansagen, ihre Mitglieder interviewen, Sendungen produzieren. Eine emanzipierte Frau mit eigenem Einkommen, eigenen Ansichten und vielen Fans.

Tödliche Angst vor klugen Frauen

Zu viel für die Taliban. Kluge Frauen machen den selbsternannten Gotteskriegern offenbar Angst. Die sich in Gewalttätigkeit äußert, wie auch Bibi Zainab Mosavi bitter erfährt. Schon lange, bevor die Taliban das ganze Land wieder an sich reißen, terrorisieren sie Dörfer, Städte und stellen auch in Kabul prominenten Menschen wie Mosavi und deren Familie nach. „Unsere Regierung war korrupt, die hat uns nicht geholfen“, sagt sie.

Bibi Zainab Mosavi macht mit der Hand die Todesdrohung, eine durchgeschnittene Kehle, nach. „Die wollten mich töten, ich war denen ein Dorn im Auge“, erzählt die 26-Jährige in ihrer nun sicheren Wohnung in Hannover. „Drei Tage haben die nach mir gesucht, sind in mein Elternhaus, haben meinen Papa verprügelt.“ Die Schwestern (damals 17 und 19) sollten sogar entführt werden, während der Vater seine Wunden im Krankenhaus versorgen ließ. Die Mutter und Nachbarn konnten das mit lautem Schreien verhinderten, während „meine Schwestern auf das Dach flüchteten“. Auch der 24-jährige Bruder wird von den Taliban misshandelt, berichtet Zainab Bibi Mosavi.

Flucht über Iran und Türkei

Spätestens jetzt ist klar: „Hier sind wir nicht mehr sicher.“ Mosavi, ihre Geschwister und ihre Eltern fliegen 2017 in den Iran, „dort konnten wir aber nicht bleiben“. Drei Tage gehen sie zu Fuß – in die Türkei. „Mein Vater ist schwerbehindert, weil er in jüngeren Jahren auf eine Landmine trat, der halbe Fuß ist weg. Es war furchtbar.“ Das Lebensmittelgeschäft des Vaters, viele Papiere, persönliche Gegenstände bleiben daheim in Afghanistan. Aber es gibt keine Alternative, alle Verwandten suchen nach und nach ihr Heil in der Flucht. Wie die Tante, eine Richterin, die so manchen Talib hinter Gittern schickte. „Sie sollte auch umgebracht werden, sie ist jetzt in den USA.“ Zainab Mosavi und ihre Familie zieht es nach Deutschland, 2018 sind sie in Sicherheit.

In Hannover trifft Zainab Mosavi im März 2019 ihren Mann Mohammed Hashim Hassani (36), einen Elektriker, wieder. Endlich können sie in Sicherheit eine Familie gründen, die 20-monatige Zahra ist ein wahrer Wirbelwind. Das nächste Baby ist unterwegs und wird im Februar erwartet, selbstverständlich will die Journalistin nach der Geburt weiterarbeiten. „Ich liebe meinen Beruf, ich war wirklich gut und ich will unbedingt weitermachen.“

Führerschein in Deutsch gemacht

Davor steht noch die fremde Sprache. Die perfekt englisch sprechende junge Frau hat den deutschen B1-Kurs geschafft, ihren Führerschein in deutscher Sprache absolviert und lernt zur Zeit über YouTube und auch mit Hilfe deutscher Freunde unsere schwere Sprache. Wie auch Ehemann Hassani, der bereits in Afghanistan, im Iran und auch in Schweden in seinem Job gearbeitet hat, „aber mir fehlen die Zertifikate“. Er möchte jetzt noch einmal eine Elektriker-Ausbildung machen, um „möglichst schnell“ in seinem bereits erlernten Beruf auch in Deutschland Fuß fassen zu können.

Zwei Menschen, die eigentlich für den Aufbau in Afghanistan dringend gebraucht würden. Aber dort nicht leben dürfen. Weil sich Steinzeit-Machthaber von weiblicher Intelligenz bedroht fühlen.

Von Petra Rückerl/Neue Presse