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Der Norden Emlichheim: Land will alle Einpressbohrungen überprüfen lassen
Nachrichten Der Norden Emlichheim: Land will alle Einpressbohrungen überprüfen lassen
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18:46 30.07.2019
Beim Betrieb der Wintershall Holding an der deutsch-niederländischen Grenze in Emlichheim bei Nordhorn ist verschmutztes Restwasser im Erdreich versickert.  Quelle: Friso Gentsch/dpa
Emlichheim/ Hannover

Das Ministerium erwarte Rückmeldungen zu den verwendeten Werkstoffen für Bohrrohre, bisherigen und zukünftigen Überwachungsmaßnahmen und Maßnahmen zur Korrosionsverhinderung in Einpressbohrungen, hieß es. Auf einem Erdölfeld in Emlichheim war jahrelang giftiges Lagerstättenwasser in den Boden geflossen.

Keine weiteren Austritte bekannt

In Niedersachsen gibt es laut Ministerium rund 220 aktive Einpressbohrungen. Der Landesbergbaubehörde seien aber keine weitere Austritte von Lagerstättenwasser bekannt. Über Einpressbohrungen wird das giftige Wasser aus den Öl- und Erdgas-Lagerstätten zurück zum Ursprungsort gebracht. In Emlichheim hat das Lagerstättenwasser das Grundwasser erreicht, aus dem aber kein Trinkwasser gewonnen wird.

Althusmann fordert Sanierungskonzept

„Sobald Klarheit über das Ausmaß des Schadens besteht, erwarten wir von Wintershall Dea die umgehende Vorlage eines Sanierungskonzepts“, sagte Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU). Dieses sollte Anfang Oktober vorliegen. In Emlichheim waren zwischen 2014 und 2018 an der Bohrstelle EM 132 etwa 140.000 bis 220.000 Kubikmeter Lagerstättenwasser in den Untergrund entwichen, weil die Ummantelung des Bohrlochs verrostet war. „Das sind keine Peanuts. Da möchten wir erst mal noch genauer wissen, wie groß die Dimension tatsächlich ist“, sagte der Sprecher des Landkreises Grafschaft Bentheim, Jürgen Hartmann.

Samtgemeindebürgermeisterin hat viele Fragen

Auch Samtgemeindebürgermeisterin Daniela Kösters (parteilos) sagte, sie habe nach der Lektüre eines vorläufigen Gutachtens viele Fragen. Bei der Bohrstelle sei auf einer Länge von 60 Metern das Rohr, das das Wasser zurück zur Lagerstätte in rund 900 Metern Tiefe bringen sollte, komplett weggerostet. „Wie kann das sein, dass das über vier Jahre nicht aufgefallen ist?“, fragte Kösters. Sie habe bei einer Besprechung auch eine engmaschige Überprüfung alter, mindestens seit zehn Jahren nicht mehr betriebener Bohrungen gefordert, sagte Kösters. Wintershall Dea habe eine solche Überprüfung zugesagt.

Nun müsse in Emlichheim mit einer weiteren parallelen Bohrung sondiert werden, wie sich das giftige Lagerstättenwasser im Untergrund verteilt habe. Laut Gutachten sei das oberflächennahe Grundwasser nicht kontaminiert. Die Gefahr bestehe aber potenziell. „Das macht mir schon Sorgen“, sagte sie. Das Gutachten zeige, dass das Lagerstättenwasser schon auf eine Tiefe von 130 Metern angestiegen sei. Laut Landesbergamt wurde die Undichtigkeit in einer Tiefe von 150 Metern festgestellt. Die Untersuchungen könnten sechs Wochen dauern. „Ich will nicht sechs Wochen warten. Ich will, dass jetzt schon für ein Worst-Case-Szenario Maßnahmen entwickelt werden“, forderte Kösters. Auf dem Feld gibt es nach Angaben eines Sprechers von Wintershall Dea 93 Förderbohrungen.

Derzeit sind dort vier Einpressbohrungen für Lagerstättenwasser aktiv, zwei sind außer Betrieb. Ein vorläufiges Gutachten über das Ausmaß des Schadens liegt nur für die Bohrung EM 132 vor. Bei der Bohrung EM 51 steht ein Gutachten aus. Auch dort hatte Wintershall Dea Hinweise auf Korrosion gefunden. Ob Lagerstättenwasser ausgetreten ist, steht noch nicht fest. Die Bohrungen seien turnusmäßig überprüft worden, sagte der Sprecher. Man sehe aber an der Erdoberfläche nicht, wo es am Ende rauskomme.

Grüne im Landtag wollen Sondersitzung des Umweltausschusses

Für die Grünen forderte der wirtschaftspolitische Sprecher Detlev Schulz-Hendel möglichst schnell eine Sondersitzung des Umwelt- und Wirtschaftsausschusses des Landtages. Außerdem müsse umgehend das Umweltministerium in die Untersuchungen einbezogen werden. Nötig für eine lückenlose Aufklärung sei eine unabhängige Begutachtung.

BUND sieht „tickende Zeitbomben“

Aus der Sicht der Umweltorganisation Bund für Umwelt- und Naturschutz beweist die Panne, dass Erdölbohrungen und unterirdische Leitungen für Lagerstättenwasser und Bohrschlämme tickende Zeitbomben sind. „Diese gravierenden Fehler können offensichtlich auch bei den heutigen technischen Verfahren in der Erdöl- und Erdgasgewinnung nicht ausgeschlossen werden“, sagte Vize-Landeschef Axel Ebeler. Eine Sanierung sei schwierig, Verunreinigungen wirkten über Generationen.

Emlichheim steht als Erdölförderregion auf Platz drei in Deutschland, nach Mittelplate/Dieksand in Schleswig-Holstein und dem Feld Rühle im Emsland. Im vergangenen Jahr wurden in Emlichheim 146.593 Tonnen Erdöl gefördert – mit dem so genannten Dampfflutverfahren. Dabei wird 300 Grad heißer Dampf mit einem Druck von 100 Bar in die Lagerstätte gepresst. Das in Poren der Sandsteinschicht sitzende Öl erwärmt sich, wird flüssiger und kann mit dem Wasser gefördert werden.

Von Elmar Stephan