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Der Norden Umstrittenes Millionenprojekt: Zwei Dänen bauen 476 Ferienwohnungen am Dümmer
Nachrichten Der Norden Umstrittenes Millionenprojekt: Zwei Dänen bauen 476 Ferienwohnungen am Dümmer
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13:31 12.07.2019
476 Ferienwohnungen: Eine Computeranimation zeigt, was am Dümmerufer geplant ist. Quelle: Marissa
Lembruch

Man biegt von der B51 ab, und nach ein paar Metern springt einem das Transparent am Bauzaun ins Auge: „Hier entsteht etwas Großes.“ Das kann man wohl sagen. Am Ostufer des Dümmer werden 18 Hektar mit 476 Ferienwohnungen bebaut. Plus Restaurants. Plus Wellnesshaus. Plus Fitnesscenter. Plus See-Sauna an einem Steg im Wasser. 500.000 Übernachtungen im Jahr. „Ein Leuchtturmprojekt“, sagt Christian Puls von der Firma Marissa, die das alles hochzieht.

Der Dümmer, zweitgrößter See Niedersachsens, liegt im Landkreis Diepholz. Der See ist 12.000 Jahre alt und so flach, dass man zu Fuß durchlaufen könnte. Der Name ist wohl aus dem westfälischen Wort „dummerig“ für feucht und dem norddeutschen Begriff „Meer“ entstanden, mit dem größere Binnengewässer bezeichnet werden.

Der Dümmer war schon immer ein beliebtes Naherholungsgebiet, der Haussee der Menschen von Osnabrück bis Cloppenburg. Großes Plus: Viel Gegend, Rückzugsraum für Tiere und Pflanzen. Ein Vogelschutzgebiet, ein Flora-Fauna-Habitat-Gebiet, fünf Naturschutzgebiete. Großes Minus: Die intensive Landwirtschaft hat den See mit Nährstoffen geflutet. Folge: Schlamm, Algen, mäßige Wasserqualität, Rückgang der Pflanzen- und Fisch- und Vogelpopulation. An dem Problem laboriert die Politik seit nahezu 40 Jahren herum.

Haustyp L hat Pool – für zwei Schwimmstöße

Radlader fahren durch den Staub, Kräne arbeiten, Leute mit Helmen wuseln herum. Christian Puls hat seine hübschen Schuhe gegen Baustellentreter getauscht und führt übers Gelände. Er zeigt die Musterhäuser vom Typ S, M und L (zwischen 90 und 195 Quadratmetern), alle mit Sauna. Typ L hat sogar einen Pool – na ja: ein Becken für zwei Schwimmstöße, aber immerhin.

„Wenn da hinten die Sonne untergeht – boah!“: Christian Puls preist das Projekt an. Quelle: Bert Strebe

223 der 476 Ferienwohnungen finden sich in 36 vierstöckigen Ferienwohnblocks. Der Blick auf die Blocks ist nicht erhebend, der Blick aus den Penthäusern über den See ist atemberaubend. Puls sagt: „Wenn da hinten bei Damme die Sonne untergeht – boah!“

Christian Puls ist Verkaufsleiter für das Ferienhausprojekt Marissa, neudeutsch: Sales Manager. Er macht seinen Job gut. Er hat für alles wohlklingende Begriffe, alles ist „toll“, „edel“, „innovativ“, die Leute, die sich die Marissa ansehen, sind alle „begeistert“, und die, die das nicht sind, sind „Neuem gegenüber nicht aufgeschlossen“. Puls sagt: „Wir gehen hier in einen komplett neuen Standard rein.“

150 Millionen Euro

Konzipiert hat den Standard ein Unternehmerduo aus Dänemark, Ulrik Lundsfryd und Erik Winther. Sie investieren 150 Millionen Euro. Sie bauen den Ferienhauspark, und sie betreiben ihn. Die Immobilien werden an Anleger verkauft, es geht bei 169.000 Euro für eine Wohnung und bei 270.000 Euro für ein Häuschen los.

Alles wird „löffelfertig“ übergeben, wie man in der Branche sagt. Die Küche ist bestückt, die Bilder hängen. Die Ausstattung darf nicht verändert werden, denn die Gesamtvermietung hat der dänische Branchenriese Novasol übernommen, da sind Abweichungen vom – hohen – Niveau nicht erwünscht. Als Hausbesitzer darf man selbst auch ein paar Wochen im Jahr in seiner Immobilie wohnen.

Wie kommen dänische Unternehmer an ein Gelände am Dümmer? Auf dem Areal gab es früher einen Bauernhof, die Familie hieß Schodde, deswegen heißt das Gebiet Schodden Hof. Bauer Schodde hat vor Jahren Teile seines Besitzes für Leute hergerichtet, die dort einen Campingwagen hinstellen und am Wochenende und in den Ferien am Dümmer in der Sonne liegen wollten.

Das lief lange gut, dann wurde es weniger. Irgendwann, Bauer Schodde war verstorben, wollte jemand aus der Familie offenbar Geld sehen, Schodden Hof landete auf Umwegen bei einer dänischen Bank, und dort haben Lundsfryd und Winther ihn entdeckt.

Investoren sind Neulinge in der Branche

Welche Erfahrungen haben die beiden Geschäftsführer mit solchen Projekten? Christian Puls sagt: „Es ist ihr erstes.“ Lundsfryd war Autoimporteur, Winther ist Bauunternehmer und hat ein Hotel in Nicaragua.

Rüdiger Scheibe, Bürgermeister der Samtgemeinde Altes Amt Lemförde, zu der Lembruch gehört, wusste nicht, dass er es mit Branchenneulingen zu tun hat. Er hofft einfach auf eine „Entwicklungschance im Tourismus“: Der Dümmer hat nach der Maueröffnung Publikum verloren, etliche Segler sind nach Mecklenburg abgewandert.

Aber 500.000 Übernachtungen? Ist das nicht ein bisschen viel? Sicher, sagt Scheibe, die Camper seien nicht dauernd dagewesen, das werde dann wohl anders. Aber er habe „keine Sorge“, dass es zu viel Belastung für See und Region bedeute.

Anderswo hat man diese Sorge schon. Ein paar Kilometer südlich von Lembruch, in Hüde, sitzt Geschäftsführer Frank Apffelstaedt im Haus des Naturschutzrings, einem Zusammenschluss mehrerer Naturschutzgruppen, und spricht über eine Art räumlicher und mentaler „Besucherlenkung“: Man müsse darauf achten, dass die Touristen vor allem zur Hauptrastzeit der Wandervögel im Winter und zu Brutzeiten nicht überall herumliefen, und man müsse ihnen auch den Wert der Tier- und Pflanzenwelt am Dümmer nahebringen.

Ein künstlicher Sandstrand entsteht

Kritisch sieht Apffelstaedt, dass Marissa Sand aus dem See entnommen hat, 7000 Kubikmeter, für einen Sandstrand: „Das würden andere nicht genehmigt bekommen.“ Und das Unternehmen wolle weitere 20.000 Kubikmeter Sand für einen schilfbewachsenen Schutzwall im Wasser vor dem Strand aufschütten. Es sei schwierig, wenn man das Seegrundniveau durch Ausbaggern verändere, sagt der Naturschutzring-Chef. Darunter leide die Tierwelt.

Befürchtet, dass die Touristen die Natur beeinträchtigen: Frank Apffelstaedt, Geschäftsführer des Naturschutzrings Dümmer. Quelle: Bert Strebe

Wenn man mit Einwohnern aus Lembruch oder den Bewohnern anderer Ferienhäuser als der von Marissa spricht, hört man auch viel Kritisches. Manche finden die Ferienhäuschen schön, aber nicht in der Masse, andere empfinden das Projekt per se als ästhetischen Schandfleck. Wieder andere befürchten, dass die Dänen gar nicht so viele Besucher anlocken können wie gedacht. Die Urlauber sollen aus Düsseldorf, Hannover, Bremen und den Niederlanden kommen. „Und wenn sie nicht kommen?“, fragt eine Frau. „Dann steht das hier leer. Und ich muss 30 Jahre draufgucken.“

Christian Puls bleibt zuversichtlich. 130 Einheiten seien verkauft, 30 reserviert. Die ersten Feriengäste kommen im August. Puls verwendet den Begriff „Soft Opening“ dafür, dass man schon mal anfängt, bevor alles funktioniert. Der ganze Marissa-Ferienpark soll Ende 2021 fertig sein.

Von Bert Strebe

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