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Der Norden Zwei Jahre Pandemie: Warum diese Schulleiter am Limit sind
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Schulen und Corona in Niedersachsen: Schulleiter am Rand ihrer Kräfte

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18:32 22.12.2021
Es gibt Probleme, die bleiben auch nach Corona (v.l.): Falk Kuntze, Gabriele Diedrich und Wolfgang Schimpf von der Direktorenvereinigung fordern mehr Hilfe vom Land.
Es gibt Probleme, die bleiben auch nach Corona (v.l.): Falk Kuntze, Gabriele Diedrich und Wolfgang Schimpf von der Direktorenvereinigung fordern mehr Hilfe vom Land. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

In beinahe zwei Jahren mit der Pandemie haben Schüler und Lehrkräfte einiges erlebt: Teil-Lockdown, Wechselunterricht, Homeschooling und Kontaktermittlungen nach Infektionsfällen. Viele Schulleiterinnen und Schulleiter hat das an den Rande ihrer Kräfte gebracht. Im Gespräch mit der HAZ erzählen Direktoren, warum sie dieses Jahr die Weihnachtsferien bitter nötig haben.

Der emotionale Umgang mit Corona

„Wir sind Moderatoren“, sagt Falk Kuntze (52), der seit 2013 das Gymnasium Bersenbrück bei Osnabrück leitet. Mit Eltern, die Corona-Kritiker sind, sucht er das Gespräch: „Ich diskutiere nicht mit ihnen darüber, ob es die Pandemie gibt oder nicht, sondern versuche sachlich die Regeln zu erklären, zu überzeugen. Das Schlimmste ist, wenn die Kinder als Mühlsteinen zwischen den Erwachsenen enden, wenn ich auf dem Flur eine weinende Sechstklässlerin habe, die nicht weiß, was sie machen soll, weil ihre Eltern A und die Schule B sagen.“

Man müsse auch mit Corona-Leugnern und Impfgegner im Gespräch bleiben, die demonstrieren gingen wie hier in Rostock, sagen Schulleiter aus Niedersachsen. Denn es gebe ein Schulleben nach Corona. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa

Auch Gabriele Diedrich (59), seit 2019 Direktorin des Herzog-Ernst-Gymnasiums Uelzen und stellvertretende Vorsitzende der niedersächsischen Direktorenvereinigung, sagt, es sei wichtig, mit allen im Gespräch zu bleiben: „Schließlich gibt es auch eine Zeit nach Corona, und dann müssen wir uns alle noch in die Augen gucken können.“ Mitunter versuche sie zu vermitteln, was eigentlich gar nicht möglich sei: „Ich vermittle zwischen Südpol und Nordpol.“ Teils seien da die völlig verunsicherten Eltern gewesen, die ihre Kinder am liebsten sofort aus der Schule genommen hätten, teils die Sorglosen, die partout nicht einsehen wollten, warum Masken getragen werden sollten. Gerade am Anfang der Corona-Krise habe sie viele Elterngespräche führen müsse, erinnert sich Diedrich, „und keines war unter einer halben Stunde.“

Soziale Spannungen in den Klassen

Die monatelangen Schulschließungen haben bei den Kindern ihre Spuren hinterlassen. Die sozialen Spannungen seien gravierender als etwaige Lerndefizite, meinen Diedrich und Kuntze übereinstimmend. „Klassenleitungen haben eine deutlich angestiegene Zahl an verhaltensauffälligen Kindern und Konflikten in den Klassen zurückgemeldet, berichtet Stefan Bungert vom Jacobson-Gymnasium in Seesen. „Der Beratungsbedarf hat enorm zugenommen.“

Der organisatorische Umgang mit Corona

Die immer neuen Corona-Regeln für Schulen, die oft am Freitagnachmittag herausgekommen seien, müssten von den Direktoren ständig an Lehrkräfte, Schüler und Eltern zeitnah und verständlich kommuniziert werden und auf digitalen Plattformen verankert werden, sagt Bungert. Und dann müssten diese ja auch gelesen und umgesetzt werden: „Das heißt, Sitzpläne schreiben, A-und B-Gruppen für den Wechselunterricht anlegen, Veränderungen im Impfstatus dokumentieren, Impfaktionen durchführen, zusätzliche Zwischennoten erstellen, zusätzliche Aufsichten übernehmen, um Maskenpflicht zu kontrollieren und Tests auszuteilen.“

Lehrer übersetzen Ministerbrief ins Farsi und Russische

Diedrich sagt, Eltern ohne Deutschkenntnisse hätten die neuen Vorgaben aus dem Ministerium oft gar nicht verstanden, deshalb hätten Kollegen, die Farsi, Russisch oder Serbokroatisch beherrschen, diese dann am Wochenende zu Hause übersetzt – Arbeiten, die eigentlich das Kultusministerium übernehmen müsste, fordert Schimpf. Es könne doch nicht sein, dass jede Schule in Eigenregie Ministerbriefe und Corona-Verordnungen übersetze. Die Informationen zu den Vorschriften für Reiserückkehrer zum Start nach den Sommerferien hatte das Kultusministerium immerhin nicht nur auf Deutsch, sondern auch in sieben Fremdsprachen herausgegeben.

Komplizierte Corona-Regeln: In Göttingen hat Schulleiterin Tanja Laspe alle Schüler einzeln zu den Abiturprüfungen empfangen und auf die Einhaltung der Hygieneregeln geachtet. Quelle: Christina Hinzmann

Die Planung digitaler Elternsprechtage oder hybrider Dienstbesprechungen sei deutlich aufwendiger. Durch zeitversetzte Pausen der Jahrgänge hätten einige Pädagogen gar keine Unterbrechungen mehr. Die Raumplanung für Klausuren sei durch die Hygienevorschriften komplizierter. „Kleine Kurse konnten in einem Raum schreiben“, sagt der Vorsitzende der Direktorenvereinigung Wolfgang Schimpf, bis zum Sommer Direktor des Göttinger Max-Planck-Gymnasiums. „Große mussten geteilt werden.“

Der Krankenstand bei den Schülern ist höher, haben die Schulleiter beobachtet, weil häufiger als früher zu Hause bleiben. Doch nicht nur das, sondern auch von den Gesundheitsbehörden verhängte Quarantänen führen dazu, dass die Lehrer häufiger als gewöhnlich Nachschreibarbeiten konzipieren müssen. Gleichzeitig gebe es aber wenig Spielraum für Nachschreibetermine.

Digitalisierung und die Folgen

In einem Punkt können Dietrich, Kuntze und Schimpf der Pandemie sogar etwas Gutes abgewinnen: Durch Corona habe es einen Digitalisierungsschub gegeben. „Wir sind jetzt auf einmal 20 Jahre weiter“, findet Kuntze, der Mathematik und Physik unterrichtet und gar keine Bücher mehr einsetzt. Digitale Endgeräte müssten als Lernmitteln anerkannt und Schulbüchern gleichgestellt sein, fordert er.

„Wir sind jetzt auf einmal 20 Jahre weiter“: Corona habe das digitale Lernen an den Schulen deutlich vorangebracht, finden die Schulleiter. Bei der Organisation wünschen sie sich aber mehr Hilfe vom Land. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Kuntze moniert aber, dass er als Schulleiter für Lernapps eine Datenschutzfolgenabschätzung abgeben soll: „Das ist ganz dünnes Eis, das kann ich doch auch gar nicht, so etwas muss doch vom Land oder noch besser vom Bund kommen. Ich kann mich ja nicht als einzelner kleiner Schulleiter mit amerikanischen Großkonzernen anlegen.“

Es sei auch problematisch, wenn Lehrkräfte Programme einsetzten, von denen nicht sicher sei, ob die in einem halben Jahr überhaupt noch zulässig seien. So sei zum Beispiel für das Bearbeiten von PDF-Dateien auf mobilen Endgeräte GoodReader selbst beliebt. Viele Programme basierten auf Cloudlösungen, aber gerade da sei es mit dem Datenschutz schwierig.

Die Schulleitungen wünschen sich mehr Hilfe vom Land: „Ich muss 2000 Geräte administrieren, und in jeder Pause stehen 20 Schüler vor der Tür und sagen, dass ihr Tablet nicht geht.“ Diese Belastungen würden bleiben, auch wenn Corona vorbei sei, sagt Schimpf.

Von Saskia Döhner