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Der Norden Darum geht eine 20-Jährige auf die Jagd
Nachrichten Der Norden Darum geht eine 20-Jährige auf die Jagd
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21:39 10.12.2019
Fiona Holthus auf der Jagd im Moor. Quelle: Alina Stillahn
Landkreis Diepholz

Für einen Moment ist nur ein regelmäßiges Platschen zu hören – Gummistiefel, die in den schlammigen Boden sinken und wieder herausgezogen werden. Fiona Holthus watet zwischen den Moorhügeln hindurch. Auf einmal ertönt Hundegebell. Dann ruft sie: „Damwild links.“ Da ist ihr Parson Jack Russel Terrier Suri bereits losgerast und verschwindet zwischen den Birken hinter einem schnellen Schatten. Ein dumpfer Knall ertönt. Der Schuss habe nicht diesem Damwild gegolten, erklärt Holthus und watet weiter. Dafür sei er zu leise gewesen. Aus den Wäldern rings herum ertönt wieder das „Hop Hop Hop“, der Ruf der Treiber und Hundeführer. Wie ein Kanon schallt er durch das Moor.

Am Morgen treffen die Jäger die letzten Vorbereitungen für die Jagd. Quelle: Alina Stillahn

Es ist 10.30 Uhr an einem Freitag – ein Moor im Landkreis Diepholz. Auf einer Lichtung, umrahmt von Birkenwald, bleibt Holthus im hohen braunen Gras stehen. Von einem Hochsitz hinter einer Wasserfläche winkt klein eine orange gekleidete Gestalt und deutet auf das Wasser. Ein winziger dunkler Fleck ist im Wasser zu sehen. Beim Näherkommen wird klar: Es ist eine Sau. Der Mann auf dem Hochsitz hat sie gerade geschossen. Joel Fabio Henke, ein Jungjäger, der gerade seinen Jagdschein macht, stochert mit seinem Stock im Wasser. Das sei grundlos – kein Weiterkommen. Der Boden ist nicht fest – die Sau müssen sie später holen.

Kaum zu erkennen: In einem kleinen See liegt eine Sau. Quelle: Alina Stillahn

Ein paar Meter weiter liegt ein Reh. Henke wirft es sich über die Schulter. Aus seinem Maul tropft Blut auf Henkes orangefarbene Hose. Er schleppt es zur nächsten Birke, markiert sie mit einem roten Band, um sie später wiederfinden zu können. Holthus deutet auf ein Büschel Haare am Boden zwischen den Gräsern und hebt es auf. „Das ist Schnitthaar, das durch den Schuss abfällt.“ Sie zeigt auf eine Mulde etwas weiter weg. Das Reh habe dort gelegen, sei aufgestanden und dann beschossen worden. „Das ist direkt hier gestorben“, erklärt sie. Den Schuss habe das Tier gar nicht mehr mitbekommen.

Das Reh wurde weggeschleppt und mit einem roten Band markiert. Damit es später einfacher zu finden ist. Quelle: Alina Stillahn

„Jagd ist aktiver Naturschutz“

Fiona Holthus auf der Jagd im Moor. Quelle: Alina Stillahn

Die 20-Jährige stapft weiter. Trotz des schlammigen Bodens schaut sie sich aufmerksam um. Ab und zu ruft sich nach Suri. Zwischen den Birken streicht sie ganz selbstverständlich die Zweige zur Seite. Sie kennt das Moor. Mit sechs Jahren war sie das erste Mal mit ihrem Vater jagen. „Meine ganze Familie geht jagen“, sagt sie. „Jagd bedeutet Verantwortung. Jagd ist definitiv aktiver Naturschutz.“ Das habe ihr Vater ihr schon früh beigebracht. „Das ist das, was viele Leute oft nicht sehen – und das ist das, was uns Jägern am Herzen liegt. Dass man zeigen möchte, dass man auch was anderes macht, als Tiere schießen.“

Die Jäger besprechen sich, wie sie weiter vorgehen. Denn im Moor kann man leicht einsinken. Quelle: Alina Stillahn

Jäger seien mindestens dreimal in der Woche im Revier. Die Tiere müssten gefüttert und Fallen aufgestellt werden. Wenn etwa ein Fuchs gefangen werde „dann habe ich für die Hasen, auch was getan, weil die dann einfach eine höhere Überlebenschance haben.“ Das Raubwild habe mehr Nahrung und sei durch die Landwirtschaft nicht so beeinträchtigt. „Wenn alle drei Wochen die Felder gemäht werden, bleibt nichts mehr übrig oder die Hasen werden eben totgemäht“, erklärt sie.

Ein lautes Jaulen ertönt. Holthus bleibt stehen und blickt hoch. Einer der Jäger ruft: „Ein Hund ist geschlagen worden.“ Ihre Stimme wird höher, sie ruft laut: „Suri“. Ein Keiler habe einen Hund verletzt. Das könne ein blauer Fleck, aber auch eine schwerere Verletzung sein, sagt sie. Dann kommt Entwarnung. Holthus Vater, Jörg, hat Suri mithilfe eines GPS-Gerätes geortet und ruft: „Sie bewegt sich noch.“ Holthus atmet hörbar aus – Suri scheint es gut zu gehen.

„Die Hunde sind eine Lebensversicherung für uns“

„Wenn wir jetzt hier ohne die Hunde durchliefen, würde das nichts bringen“, sagt sie. Das Wild sei einfach zu schnell. Doch die Hunde sind nicht nur nützliche Jagdhelfer. Holthus deutet auf ihre schwarzen Gummistiefel, an denen weißliche Flecken zu sehen sind. Eine Sau hat sie dort gebissen. „Die Sau hat den Schuss nur unterm Bauch durch bekommen und das Fell war kaputt.“ Sie habe auf die Sau zugehen und sie mit dem Messer abfangen, also erlösen, wollen. Doch die Sau habe angegriffen. „In diesem Moment hast Du die blanke Panik in den Augen“, erinnert sie sich. Die Sau habe auf ihr gestanden und Holthus weiß nicht, was gewesen wäre, wenn die Hunde die Sau nicht runter gezogen hätten. „Die Hunde sind definitiv eine Lebensversicherung für uns“, sagt sie.

Fiona Holthus ist begeisterte Jägerin und wird auf der Jagd von ihrem Hund Suri begleitet. Quelle: Alina Stillahn

Wohlbehalten sitzt Suri im Kofferraum von Holthus Geländewagen. Ihr schwarz-weiß geflecktes Fell ist dreckig geworden. Holthus versorgt sie mit einem Handtuch. Die Jäger haben sich vor dem Moor bei ihren Wagen versammelt. Sie haben das Revier systematisch durchkämmt. Zwei Kilometer ist es ins Moor rein gegangen und zwei Kilometer wieder hinaus. Nun geht es zurück zum Hof von Niko Köper, der zur Jagd geladen hatte. Als Pächter muss er seinen Soll an geschossenem Wild erfüllen. Allein sei das nicht zu schaffen, erklärt Holthus. Daher wird einmal im Jahr eine Drückjagd veranstaltet. Fast 50 Jäger haben vier Sauen, acht Stück Damwild, neun Stück Rehwild und zwei Füchse erlegt. Sie lachen, rauchen und erzählen von der Jagd. Alle seien froh, dass sie wohlbehalten zurückgekommen seien, sagt Holthus. Sicherheit sei wichtig, das werde einem während der Ausbildung eingetrichtert.

Für Holthus bedeutet Jagen vor allem Gemeinschaft. „Wenn Du etwa mit irgendwem Tennis spielst, willst Du immer der Beste sein. Das gibt es bei der Jagd einfach nicht.“ Man jage gemeinsam und freue sich über die Erfolge der anderen. Doch außerhalb dieser Gemeinschaft sei das Image von Jägern immer noch schlecht. „Das ist halt das allergrößte Problem: Wenn man Jagd hört, denkt man nur ans Schießen.“

„Bei der Jagd hatte das Tier nie Stress im Leben“

An Holthaus Geländewagen zieht das Moor vorbei, es ist viel größer als die vier Kilometer, die sie heute zurückgelegt hat. Im Radio laufen die Nachrichten – es wird über Fridays for Future berichtet. Ob sie auf eine solche Demo gehen würde? „Nein“, sie schüttelt beim Fahren entschieden den Kopf. Es bringe nichts, zu demonstrieren und danach wieder im Supermarkt Fleisch einkaufen zu gehen. „Dann sind wir Mörder, obwohl alle anderen Menschen auf dieser Welt genauso Fleisch essen“, sagt sie. Für die industrielle Schweinefleischproduktion brauche es jede Menge Wasser und dann sei auch noch die CO2-Belastung hoch. „Bei der Jagd hatte das Tier nie Stress im Leben. Als es geknallt hat, war es auch schon tot und hat davon noch nicht einmal was mitgekriegt. Es ist nicht durch halb Europa gefahren worden und hat auf sechs Quadratmetern mit fünf Lebensgefährten gewohnt.“

Die Jäger versammeln sich nach der Jagd und warten auf das geschossene Wild. Quelle: Alina Stillahn

Auf Köpers Hof wird das geschossene Wild von den Schaufeln der Traktoren geladen. Es gibt Wildbratwurst und Kaffee. Das Damwild wird aufgebrochen und ausgenommen. Sonst werde das Fleisch schlecht, erklärt Holthus. Nach und nach legen die Jäger das geschossene Wild auf Zweige. „Jeder Schütze bekommt einen Bruch überreicht. Damit bedankt man sich auch dafür, dass er alles richtig gemacht hat.“ Dazu werden Zweige auf den Tieren verteilt.

Ulf Gödeker nimmt den selbst geschossenen Keiler aus. Quelle: Alina Stillahn

Niko Köpke (rechts) hält eine Ansprache. Dann blasen die Jäger „Jagd vorbei“ auf ihren Jagdhörnern. Quelle: Alina Stillahn

Die Jäger spielen auf den Jagdhörnern „Jagd vorbei“ – Holthus lauscht. Morgen wird sie wieder zur Jagd aufbrechen. Sie wird die anderen Jäger mit einem herzlichen „Waidmannsheil“ begrüßen und anschließend ins Jagdrevier fahren. Sie wird sich ein Messer umschnallen und Suri von der Leine lassen. Sie wird draußen sein, anstatt auf dem Sofa Netflix zu schauen. Holthus ist 20 Jahre alt und besitzt seit sechs Jahren einen Jagdschein. Sie macht eine Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin. Sie braucht manchmal eine halbe Stunde bis sie sich entschließt zu schießen. Für sie ist Jagen viel mehr als Beute machen. Immer wieder zitiert sie den Spruch: „Nicht geschossen ist auch gejagt.“

Lange war die Jagdeine Männerdomäne, doch das hat sich geändert. „Der Anteil der Jägerinnen steigt stetig an“, sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband (DJV) in Berlin. „Vor 25 Jahren waren nur ein Prozent der Jagdscheininhaber Frauen, heute sind es sieben Prozent der bundesweit rund 384 000 Jagdscheininhaber – und in den vom DJV befragten Jägerkursen waren es bereits 24 Prozent.“ Auch über die Motive der angehenden Jungjäger kann Reinwald Auskunft geben. „Beide Geschlechter geben als Hauptmotiv an, gern in der Natur zu sein“, fasst er die Ergebnisse einer DJV-Umfrage zusammen. „Dann kommt der angewandte Naturschutz auf Platz Zwei.“

Von Alina Stillahn

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