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Der Norden Mutter vergisst Kinder in der Kita – und löst Polizei-Einsatz aus
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Mutter vergisst Kinder in der Kita in Stralsund – und löst Polizei-Einsatz aus

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14:09 12.01.2022
Ein Blaulicht auf dem Dach eines Polizeifahrzeugs. (Symbolbild)
Ein Blaulicht auf dem Dach eines Polizeifahrzeugs. (Symbolbild) Quelle: Daniel Karmann/dpa
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Stralsund

Es waren furchtbare Stunden, die zwei kleine Kinder und ihre Erzieherin letzten Donnerstag in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern) miterleben mussten. „Uns allen liegt das noch schwer im Magen. Wir sind ja schon einiges gewohnt, aber das war schon ein schlimmer Tag“, sagt die stellvertretende Kita-Leiterin in einem großen Stralsunder Stadtteil. Name und genauer Ort sollen anonym bleiben, so wünschen es die Beteiligten.

Was war passiert: Zwei Kinder wurden nicht aus der Kita abgeholt. Als es 17.30 Uhr war, machte sich die Erzieherin mit den Kindern auf den Weg, denn die Familie wohnt gleich in der Nähe der Kita. Das Vorgehen sei kein Einzelfall. Oftmals wären Arbeitslosigkeit und Alkohol im Spiel, erklärt die stellvertretende Kita-Leiterin.

„Nehmen Sie die Kinder wieder mit“

Als die Erzieherin klingelt, wird der Summer betätigt. Sie drückt noch einmal auf den Knopf und macht deutlich, dass sie mit den beiden vor der Tür steht. „Ich bin nicht Frau...., das sind nicht meine Kinder. Nehmen Sie die wieder mit“, sagt die offensichtlich alkoholisierte Mutter (36). Für einen Moment kann die Erzieherin, die einen zweijährigen Jungen und ein dreijähriges Mädchen an der Hand hat, die gern zu ihrer Mama wollen, nicht fassen, was sie gerade gehört hat.

Sie weiß, dass jetzt Polizei und Jugendamt gerufen werden müssen. Und sie ahnt, was den Geschwistern bevorsteht. „Der Kleine hat noch nicht richtig verstanden, was los ist, aber die Große hatte Angst und wollte zu ihrer Mama. Aber sie hat mitbekommen, dass die sie nicht will. Das ist wirklich schlimm“, heißt es aus der Kita.

Kinder bekommen noch Abendbrot in der Kita

Die erfahrene Erzieherin, die inzwischen von einer zweiten Kollegin unterstützt wurde, hatte den Kindern in der Kita noch Abendbrot gemacht, bevor sie von der Polizei in Obhut genommen wurden. „Der Schichtführer im Polizei-Hauptrevier hatte parallel schon das Jugendamt informiert, so dass hier keine lange Wartezeit entstanden ist. Die Beamtin, die mit im Einsatz war, sagte, dass sich die beiden Erzieherinnen rührend gekümmert haben, sogar noch Spielzeug für die Kinder eingepackt haben. Nach so einem langen Tag waren die natürlich schon ganz schön müde“, weiß Polizeisprecher Mathias Müller von seiner Kollegin.

Später wurden die Kinder ans Jugendamt übergeben und verbrachten die Nacht im IB-Jugendnotdienst in der Naumann-Straße. Warum nicht im für diese Kleinen spezialisierten Kindernotdienst, mag mancher fragen. „Eine Unterbringung ist im Jugendnotdienst erfolgt, da der Kindernotdienst belegt war und wir die Geschwisterkinder keinesfalls trennen wollten. Das war nur die Lösung für eine Nacht, da dann eine geschützte altersgerechte Unterbringungsmöglichkeit gefunden wurde“, sagt Falk Ellwitz, Fachdienstleiter des Sozialpädagogischen Dienstes in der Kreisverwaltung.

Den Geschwistern geht es gut

Nach Informationen der Ostsee-Zeitung, die wie diese Zeitung Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland ist, leben die Kinder zurzeit in einer Einrichtung in Nordvorpommern. „Das ist schade, weil die Beiden so nicht in die Kita kommen können. Das wäre ja eigentlich wichtig, um ihnen ein Stück Normalität zu geben“, heißt es aus der Kita-Leitung.

Und wie geht es dem Geschwisterpärchen? „Den Kindern geht es soweit gut“, so die nüchterne Antwort aus dem Jugendamt Vorpommern-Rügen. Was passiert jetzt mit den Kindern, wie lange müssen sie in der Betreuung bleiben? Dazu könne man noch keine Aussagen machen, sagt Falk Ellwitz. „Das ist abhängig von den Ergebnissen der Hilfeplanung, die aktuell zwischen den Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen unseres Sozialpädagogischen Dienstes und den Eltern erarbeitet wird.“

Kinder sind in Sicherheit

Eins steht fest: Die Kinder sind in Sicherheit. „Doch aus Erfahrung wissen wir auch: Egal, was die Lütten erlebt haben, Blut ist dicker als Wasser. Die Kinder hängen wie alle anderen Knirpse an ihren Eltern, besonders die emotionale Bindung zur Mutter ist groß“, sagt Jan Peters, Leiter des Kindernotdienstes in Stralsund.

Die 45-jährige Erzieherin, die sich zuerst um die Kinder gekümmert hat, ist dabei, das Erlebte zu verarbeiten, deshalb möchte sie lieber nicht mit der OZ sprechen. „Ich bin froh, dass beide Kolleginnen das so gut gemanagt haben. Sie hatten die nötige Ruhe, wussten, was zu tun ist und haben die Übersicht behalten. Sie haben alles richtig gemacht“, sagt die stellvertretende Kita-Leiterin.

Muss die Polizei öfter eingeschaltet werden?

Passiert sowas öfter in Stralsund? „Also ich habe das in jahrzehntelanger Arbeit noch nicht erlebt. Klar, es kann passieren, dass jemand im Stau steckt. Es gibt auch mal Missverständnisse bei der Absprache, aber die Kinder wurden immer noch abgeholt. Wir mussten noch nie die Polizei rufen“, sagt Anett Kindler, Chefin der Kita Eden in Stralsund.

Andrea Kühl, seit 40 Jahren Erzieherin, sieht es ähnlich. „Es kann schon mal sein, dass Eltern wegen Schneeverwehungen mal später kommen. Ich hab auch einmal schon einen Jungen nach Hause gebracht, weil man ihn vergessen hatte. Aber das, was jetzt in Stralsund passiert ist, hab ich zum Glück noch nicht erlebt. Wenn ich schon dran denke, kriege ich Gänsehaut.“

Von Ines Sommer