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Der Norden Mutter berichtet über Verlust ihrer Tochter: „Sie hat so sehr gekämpft“
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Mutter berichtet über Verlust ihrer Tochter: „Sie hat so sehr gekämpft“

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14:33 12.12.2021
Das letzte gemeinsame Foto von Claudia Philipp und ihrer verstorbenen Tochter.
Das letzte gemeinsame Foto von Claudia Philipp und ihrer verstorbenen Tochter. Quelle: Privat
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Proseken

„Sie hatte das schönste Lächeln der Welt, sie war so ein Sonnenschein.“ Wenn Claudia Philipp (40) anfängt, von ihrer Tochter Annelie zu erzählen, klingt so unglaublich viel Liebe mit, dass das Lächeln der Wismarerin einfach ansteckt. Trotz der Tränen, die unweigerlich und auf beiden Seiten kommen. Trotz des Gefühls, dass einem das Herz in der Brust zuschnürt. Claudia Philipp hat vier Kinder, die großen sind jetzt 20, 18 und elf Jahre alt. Ihr Nesthäkchen, ihr Engel, liegt in ihrem „Erdenbettchen“ auf dem Friedhof in Proseken. „Wir sagen nicht ,Grab’.“

Am 6. Juni 2020 ist Annelie verstorben. Sie ist ganz ruhig im Arm ihrer Eltern eingeschlafen, im Krankenhaus in einem besonderen Zimmer. Es stand fest, dass die Medizinier für das kleine Mädchen und ihr zerbrechliches Leben nichts mehr tun konnten. „Sie durfte nur zwei Jahre und vier Monate jung werden. Mittlerweile kann ich darüber reden.“ Und reden ist unglaublich wichtig, egal ob man gemeinsam lacht oder gemeinsam weint. „Ich habe Angst, dass unsere Püppi sonst vergessen wird.“

Grausame Erkrankung mit kurzer Lebenserwartung

Als Annelie am 7. Januar 2018 zur Welt kam, fiel schon auf, dass sie anders war. Ganz steif, ganz verkrampft war der kleine Körper. Eine Diagnose konnten die Ärzte nicht stellen. Als Annelie vier Monate alt war, musste ihre Mutter sie nach Atemaussetzern erstmals reanimieren. Der Ärztemarathon begann, mit verschiedensten Diagnosen und Medikamenten zwischen Parkinson, Epilepsie oder dem Stiff-Baby-Syndrom, beispielsweise.

Es dauerte, bis der Gendefekt als Ursache entdeckt wurde. „HLH, Hämophagozytische Lymphohistiozytose“, erklärt Claudia Philipp. „Eine grausame Erkrankung mit kurzer Lebenserwartung. Sogenannte Fresszellen im Knochen und Blut kämpfen gegen alles an, auch gegen die guten Sachen. Es war klar, sie wird nicht überleben.“

Es ging nur um das Wie und Wann

Es ging nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie und Wann. Als Annelie ein Jahr alt war, verschlechterte sich ihr Zustand immer weiter. „Sie konnte nicht mehr oral Nahrung aufnehmen und bekam eine Magensonde. Es wurde immer schlimmer, je älter sie wurde. Aber sie hat so sehr gekämpft.“ 

Weil sie den Kampf nicht gewinnen kann, ging es nur noch darum, der Kleinen ihre Zeit auf Erden noch so angenehm wie möglich zu machen, ohne Schmerzen und Angst. Sechs Wochen lang lag das Mädchen auf der Kinder-Intensivstation in Schwerin.

Auf Facebook hat Claudia Philipp nun, ein Jahr später, den letzten gemeinsamen Weg mit ihrem Engel als Tagebuch aufgeschrieben, vom Hoffen und Bangen bis hin zur Gewissheit, dass Annelie nicht mehr mit nach Hause kommen können wird. Claudia Philipp schreibt von starken Fieberschüben und Krampfanfällen, von Reanimationen und ständigen Schmerzen, vom Wasser in der Kinderlunge, vom Organversagen, von Koma und Beatmung. Und von der Entscheidung, was dem kleinen Körper noch zugemutet werden darf. Vom Warten. Vom Umzug von der Intensivstation in das Zimmer zum Sterben.

Ein Regenbogen war ihre Treppe

„Als sie eingeschlafen ist, schien ein Regenbogen – das war ihre Treppe!“, erzählt Claudia Philipp. Zur Beerdigung kamen sogar die Krankenschwestern aus Schwerin. Claudia Philipp hat zu Hause für die ganze Familie einen Erinnerungsaltar geschaffen, mit Fotos und Erinnerungsstücken.

„Du gehörst zu uns, lebst in unseren Herzen weiter und wir gehören zu dir. Wir sind eine Familie!!! Wir reden fast jeden Tag an deinem Erdenbettchen mit dir und warten hoffnungsvoll auf Zeichen von dir“, schreibt Claudia Philipp. „Wir reden ganz viel als Familie“, erzählt sie, wie sie mit der Trauer umgeht. Die ist da, jeden Tag. „Wenn jemand weint, wird er getröstet.“ Am 3. Advent fährt die Familie nach Schwerin in den Dom zur Gedenkfeier für verstorbene Kinder. „Das wird uns guttun.“

Von Nicole Hollatz