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Der Norden Chemiewaffen im Waldtümpel: Wie gefährlich ist die Sanierung in der Heide?
Nachrichten Der Norden Chemiewaffen im Waldtümpel: Wie gefährlich ist die Sanierung in der Heide?
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08:41 10.10.2019
Ein Loch im Boden: Nur unter strengen Sicherheitsvorschriften dürfen die Experten nach den Kampfstoffen forschen. Das Bild stammt von einer Überwachungskamera. Quelle: Bodenschutzbehörde Heidekreis
Munster

„Kampfstoffklo“ – diesen Spitznamen möchte keine Stadt tragen, wahrscheinlich auch Munster nicht. Bürgerinitiativen haben sich den abschreckenden Titel ausgedacht, seit Jahrzehnten kämpfen sie gegen Kriegsaltlasten und Munitionsreste, die im Heidekreis an mehreren Stellen im Boden schlummern. Mehr als 100 Jahre sind die Kampfstoffe zum Teil schon alt. Bereits im Ersten Weltkrieg experimentierte die Armee bei Munster mit der Reichweite von Senfgas. 1919 wurden in der Heide rund eine Million Giftgasgranaten gelagert, die an der französischen Front nicht mehr zum Einsatz gekommen waren.

1942 schufen die Nazis schließlich einen Ort, der den Begriff „Kampfstoffklo“ verdient: den Dethlinger Teich. Der Waldtümpel hat einen Durchmesser von gerade mal 60 Metern bei zehn Metern Tiefe. Darin könnte die größte Müllhalde von chemischen Kampfstoffen in Deutschland – womöglich sogar Europa – lagern. „Hier liegen wahrscheinlich alle Arten von Waffen, die im Dritten Reich hergestellt wurden“, sagt Carsten Bubke, Umwelttechniker und Sprengstoffexperte.

So sah der Dethlinger Teich vor der groß angelegten Suchaktion aus. Quelle: Bodenschutzbehörde Heidekreis

Nach dem Zweiten Weltkrieg füllte die britische Armee den Dethlinger Teich weiter mit Munition der Wehrmacht auf: Waffen, die nicht mehr transportiert werden konnten, wurden ins Wasser gekippt – ohne System, ohne Rücksicht. 1952 wurde der Tümpel zugeschüttet. Seitdem sickert Lost – Senfgas – ins Grundwasser. Wie viele Altlasten im Dethlinger Teich vor sich hin rotten, das weiß heute niemand. „Seit 1989 ist klar, das man etwas unternehmen muss“, sagt Friedrich-Wilhelm Otte vom Heidekreis.

Die Sanierung würde 50 Millionen Euro kosten

Das soll nun passieren – 67 Jahre nachdem der Teich zugekippt wurde. Carsten Bubke, Friedrich-Wilhelm Otte und ihre Mitarbeiter von der Bodenschutzbehörde des Heidekreises haben eine unterirdische Altlasteninventur gestartet. 3,6 Millionen Euro kostet die Suche. Im besten Fall sollen die gefährlichen Überreste in den nächsten Jahren geborgen und vernichtet werden. Die Komplettsanierung des Teichs soll rund 50 Millionen Euro kosten. Eine Summe, die nur stemmbar ist, wenn der Bund einen Teil Kosten übernimmt.

Doch die Sanierung könnte auch aus anderen Gründen scheitern: „Die Bergung könnte mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln praktisch unmöglich sein oder aufgrund der Kampfmittelsituation zu große Risiken erzeugen“, sagt Otte. Vor allem Sprengwaffen wie Handgranaten, die ebenfalls im Teich versenkt worden sein könnten, würden die Arbeiten extrem erschweren.

Hier lag früher der Teich: In diesem Zelt wird nach den gefährlichen Kampfstoffen gesucht. Quelle: Tim Schaarschmidt

Für ihre Suchaktion hat die Bodenschutzbehörde das Gelände rund um den Teich zur Sperrzone umgebaut: Ein 600 Quadratmeter großes Zelt steht dort, wo Altlasten vermutet werden. Die sogenannten Chemiefeuerwerker, die für die Grabungen zuständig sind, tragen im Einsatz Schutzanzüge und Atemschutzmasken. Nach ihren bis zu 80-minütigen Einsätzen müssen sie durch eine Dekontaminationsdusche – wie im Film. Rund um das Gelände hängen Überwachungskameras, ein Zaun und die Sperrung der angrenzenden Bundesstraße 71 sollen neugierige Passanten fernhalten.

Friedrich-Wilhelm Otte vom Heidekreis zeigt auf einer Karte, in welchem Radius das Gebiet während der Suchaktion für Zivilisten abgesperrt wurde. Quelle: Tim Schaarschmidt

„Wasser kann man das nicht mehr nennen“

Im Zeltinneren sieht es aus wie in einer archäologischen Ausgrabungsstätte: In die Betonschicht wurde eine brunnenähnliche Öffnung gefräst. Von hier graben sich die Chemiefeuerwerker in den nächsten drei Monaten in rund sechs Meter Tiefe, ein Bagger mit riesigem Staubsaugeraufsatz hilft ihnen. Das Erdloch markiert laut Experten die Stelle mit der höchsten Kampfmittelbelastung im Teich.

Mitte Oktober will das Team zu den Altlasten vorgedrungen sein. Vorher muss das kontaminierte Wasser abgepumpt werden. „Eigentlich kann man das nicht mehr Wasser nennen“, sagt Bubke. Da beim Zuschütten des Teichs große Mengen Kalk verwendet wurden, hat sich der pH-Wert stark verändert: „Die pH-Skala endet beim Wert 14. An einigen Stellen haben wir Werte von über zwölf gemessen“, sagt Bubke. „Das ist pure Lauge.“ Da es keine direkten Anwohner gibt, seien allerdings keine Menschen gefährdet.

Wasser und Boden aus dem Teich werden in Behälter gefüllt. Das Entsorgungsunternehmen Geka in Munster kümmert sich darum, dass die belasteten Stoffe vernichtet werden. Quelle: Tim Schaarschmidt

Und so werden jeder Tropfen und jeder Klumpen verpackt, dekontaminiert, abtransportiert und entsorgt. Wie auch die Kampfstoffe, die während der Sucharbeiten gefunden werden. Die bundeseigene Geka (Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten) übernimmt die gefährlicheren Arbeiten, sie ist das einzige deutsche Unternehmen mit der Berechtigung zur systematischen Vernichtung von Chemiewaffen. Ihre Anlagen liegen nur wenige Kilometer entfernt.

Altlastensanierung am Dethlinger Teich – die Bilder:

Bevor alte Kampfstoffe aus dem Dethlinger Teich bei Munster geborgen werden können, untersucht ein Expertenteam, welche Chemikalien sich darin befinden.

„Der Teich ist einmalig“

„Jeden Tag fahren wir die Altlasten dorthin“, sagt Bubke. Überhaupt sind die Sicherheitsvorkehrungen während der Arbeiten enorm. Gearbeitet wird nur bei Westwind, um die Anwohner des nahe gelegenen 500-Einwohner-Ortes Oerrel bei möglichen Gasaustritten zu schützen. 312 Messstellen kontrollieren dazu die Belastung von Luft und Boden. 1500 Meter Kabel wurden für Kameras und Datenübertragung verlegt. Sollten Kampfstoffe gefunden werden, können sie an zwei mobilen Sprengplätzen noch vor Ort beseitigt werden.

Den schlimmsten Fall bei der Suche beschreibt die Bodenschutzbehörde so: Zwischen den chemischen Rüstungsaltlasten könnten Granaten mit funktionsfähigem Zünder liegen. Der Sprengsatz würde explodieren und die Hülle der Chemiewaffen beschädigen – und deren giftiger Inhalt entweicht. Ob heikle Überraschungen im Dethlinger Teich vergraben liegen, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. „Der Teich ist einmalig“, sagt Otte. Und es klingt, als würde das nichts Gutes bedeuten.

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