Miniatur Wunderland Hamburg: Millionen-Minus wegen Corona aber kein Stillstand
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Miniatur Wunderland Hamburg: Millionen-Minus wegen Corona aber kein Stillstand

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09:02 22.08.2021
Bis ins kleinste Detail: Noch im November soll im neuen Speicher auf der anderen Fleetseite mit Rio der erste Teil Südamerikas eröffnen. Sebastian Drechsler (39), jüngerer Bruder der Gründer-Zwillinge Frederik und Gerrit Braun, begutachtet den Fortschritt.
Bis ins kleinste Detail: Noch im November soll im neuen Speicher auf der anderen Fleetseite mit Rio der erste Teil Südamerikas eröffnen. Sebastian Drechsler (39), jüngerer Bruder der Gründer-Zwillinge Frederik und Gerrit Braun, begutachtet den Fortschritt. Quelle: Annika Langhagel
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Hamburg

Ein trüber, nasser Tag in der Hamburger Speicherstadt. Menschen unter Regenschirmen warten in einer Schlange vor dem Hamburg Dungeon auf Einlass. Wer kann, der nimmt sich als Tourist heute etwas im Trockenen vor. Nebenan der Eingang zum Miniatur Wunderland – ein Kommen und Gehen, jedoch keine Ansammlung, auch nicht vor den Kassen im zweiten Stock. An so einem Tag, der nach Indoor-Aktivitäten ruft, eine logistische Leistung, erklärt Sebastian Drechsler. Der 39-Jährige im gelben Pullover ist der jüngere Bruder der bekannten Gründer-Zwillinge Gerrit und Frederik Braun.

Erlaubt ist weniger als die Hälfte an Besuchern

Was das Wetter mit Corona zu tun hat? In diesen Zeiten viel. Wer unter Auflagen eine Einrichtung betreibt, muss rechnen, planen, puffern. Aktuell dürften 400 Menschen gleichzeitig ins Wunderland – weniger als die Hälfte einer normalen Auslastung. „Im Schnitt bleiben die Besucher 156 Minuten bei uns“, erklärt Drechsler, doch bei Schlechtwetter deutlich länger, drei Stunden sind es dann.

„Heute ist es voll“, sagt er, „die Fülle schrappt an der Grenze.“ Keine Chance für spontane Besucher. Zumal auch Hotelpakete mit Wunderland-Eintritt im Umlauf seien – ein solches berechtig zum Eintritt an einem der Aufenthaltstage. „Und da die Leute ihre Freizeit anhand von Wetter-Apps planen, kommen dann manchmal alle auf einmal.“

Eine Lösung wäre, jeden Besucher nach zwei Stunden „rauszuschmeißen“, sagt Drechsler. „Doch das wären überhaupt nicht wir.“ Für die meisten sei der Wunderland-Termin ein Höhepunkt, manche blieben den ganzen Tag, es würden Kindergeburtstage begangen. Das ohne Zeitlimit auszukosten sei Teil des Erlebnisses.

Ob dieses Erlebnis trotz der Auflagen noch begeistert, zeigt die Umfrage am Ende eines Besuchs. Ob der Gast sich unter Corona-Bedingungen sicher gefühlt habe, wird da unter anderem erhoben. Eindeutig ja, so das Ergebnis. „Alle, die den Vergleich haben, meinen, es war ihr schönster Besuch“, sagt Drechsler.

Für die Betreiber ein riesiges Verlustgeschäft

Psychologie, meint er, sei aktuell und auch in Zukunft ein wichtiger Faktor. „Die Fülle aus der Zeit vor der Pandemie, sich so eng zu versammeln – das wird vermutlich noch jahrelang nicht tolerabel sein für die Menschen, selbst wenn es wieder erlaubt wäre.“ Manche verlören mit der Impfung alle Ängste, andere nicht, das sei schon jetzt zu beobachten.

Kein Gedränge und mehr Platz: Was die Besucher freut, ist für die Geschäftsführer mit jedem Tag, der vergeht, ein riesiges Verlustgeschäft. „Das wirtschaftliche Betreiben des Wunderlandes ist unter den jetzigen Auflagen nicht möglich“, sagt Drechsler. „Hätte der Staat nicht so geholfen und hätten wir keinen Notfalltopf gebildet, wäre schon Ende 2020 Schluss gewesen.“

Eine Situation, die ihnen alles andere als angenehm sei. Stets hätten sie unabhängig, ohne Investoren oder städtischen Einfluss gewirtschaftet. „Wir wollen wieder selbst leben können und Steuern zahlen, kreativ aus dem Vollen schöpfen“, sagt Drechsler. Ein realistisches Szenario, wann dies so sein könnte? Gibt es nicht. „Wir erquicken uns an positiven Studienergebnissen und hoffen auf eine deutlich höhere Durchimpfung.“ Alles in allem für ihn „ein Wechselbad der Gefühle.“ Mindestens einmal die Woche sitze man in großer, mehrmals in kleinerer Runde zusammen, um nichts als Corona-Themen zu besprechen – „ein wirtschaftlicher Rattenschwanz“.

Eindrücke aus dem Wunderland unter Corona-Bedingungen – und von der neuen Fläche im Speicher gegenüber.

Was ist mit den Kindern?

Er und seine Brüder hätten Respekt vor dem kommenden Winter. „Wenn der Staat die Unterstützung zurückfährt und die Auflagen bleiben, wird es eng.“ Sie selbst wollten „keinen Husarenritt, keine Öffnungen um jeden Preis, die dann das Vertrauen der Leute untergraben“.

Wenn es jetzt darum gehe, nur noch Geimpften und Genesenen den Zutritt zu kulturellen Einrichtungen zu gewähren, seien ihnen solche Gedankenexperimente nicht fremd. „Wir hatten im Februar die Idee, Tage nur für Geimpfte zu machen, ohne Abstände, und wieder andere für Genesene mit weniger Kapazität.“ Aber, fragt Drechsler, „was ist mit Kindern? Gelten sie dann wie geimpft oder genesen?“ Die Thematik sei komplex und man sei gespannt auf die Lösungsvorschläge der Politik in der kommenden Woche.

„Wir wollen nicht den Untergang verwalten“

Trotz allem: Im Wunderland wird weiter gebaut. Noch im November soll mit Rio und dem großen Karneval der erste Teil des Südamerika-Abschnitts eröffnet werden, im neuen Speicher auf der anderen Fleetseite, der über eine spektakuläre Fußgängerbrücke mit dem Wunderland verbunden wurde. Im kommenden Jahr folgt Monaco mitsamt Formel-1-Strecke. „Eigentlich sollte alles etwas eher fertig sein“, sagt Drechsler mit einem amüsierten Schulterzucken, „aber das ist die Wunderland-Konstante: Wir verspäten uns immer. Wir sind erst dann fertig, wenn wir etwas als perfekt empfinden.“

So sei Rio nicht am Reißbrett in Hamburg entstanden, sondern wurde nach vielen Ortsbesuchen von einer Modellbauer-Familie namens Martinez in Zusammenarbeit mit „Wunderländern“ in Argentinien gebaut. So sieht Streetart an Hauswänden in Rio anders aus als in Hamburg, da nicht gesprüht, sondern gemalt werde. „Und Aludächer aus Stanniol, darauf würde man hier doch nicht kommen.“

Für den Moment wappnen, an dem es wieder losgeht

Im ersten Lockdown 2020 habe es Notfall-Szenarien gegeben, die einen Stopp aller Projekte vorgesehen hätten. „Als wir noch nicht wussten, wie groß der Hilfstopf ist.“ Eine echte Option war es nicht. „Wir haben entschieden, an die Zukunft zu denken und hier nicht den Untergang zu verwalten“, erinnert sich Drechsler. „Auch wollten wir für den Moment gewappnet sein, an dem es wieder losgeht.“ Bis auf den Service- und Bistro-Bereich, wo viele Studierende arbeiten, habe man dank – vom Wunderland aufgestockten – Kurzarbeitergeld fast alle Mitarbeiter halten können.

Mit dieser Strategie sei man gut gefahren, die YouTube-Videos von den Renovierungen, die man während der Schließungen endlich habe angehen können, seien die bestgeklickten aller Zeiten gewesen. „Es war gut, dass wir nicht stillgestanden haben“, sagt Drechsler, vor allem für das Team. Besser etwas zu bauen als zuhause herumzusitzen. So blieb das Wunderland im Gespräch, und die Nachfrage sei noch da: „Wir sehen, dass pro Tag rund 10 000 Menschen versuchen, an ein Ticket zu kommen.“

Gästezahlen durch Corona mehr als halbiert

Die Gästezahl habe sich in der Coronazeit mehr als halbiert – etwa eine Million weniger Besucher stehen auf der Habenseite. Mit laufenden monatlichen Kosten in siebenstelliger Höhe gingen da schnell die Lichter aus – auch bei den „Großen“. „Wir hatten im Vergleich zu anderen das wahnsinnige Glück, dass wir uns ein Polster ansparen konnten“, sagt Drechsler.

Es gibt einen Ort, an dem Corona im Miniatur Wunderland im Prinzip nicht stattfindet: Das Modell selbst. „Haben wir extra rausgelassen“, sagt Drechsler, „und entschieden, dass das nicht unsere Wirklichkeit wird.“ Ein Mitarbeiter habe im Hamburg-Abschnitt eine Warteschlange mit Maske und Abstand inszeniert. „Und das“, sagt Drechsler und lacht, „wird hoffentlich bald eine museale Szene sein.“

Von Annika Langhagel