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Der Norden Frauen gehen für Reformen auf die Barrikaden
Nachrichten Der Norden Frauen gehen für Reformen auf die Barrikaden
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06:00 18.05.2019
„Wir sind erschüttert durch das massive Versagen der Kirche“: Christiane Kreiß hat die Proteste in der St.-Petrus-Kirche in Wolfenbüttel organisiert. Quelle: Simon Benne
Wolfenbüttel

Es geht um Sex. Unter dem großen Kruzifix haben sie sich im Altarraum versammelt. Kerzenschein erhellt die dunkle Kirche, ein Hauch von kaltem Weihrauch liegt in der Luft – und es geht tatsächlich um Sex. Drei Dutzend Gläubige sind zum Abendgebet in die katholische St.-Petrus-Kirche in Wolfenbüttel gekommen. Lektorinnen tragen das Hohelied der Liebe vor („Deine Brüste sind wie Trauben“), ein Stück erotische Dichtung aus der Bibel. Sie beten für Gleichberechtigung und dafür, dass die Kirche sich für Menschen jeder sexuellen Orientierung öffnet. Zwischen stimmungsvollen Taizé-Gesängen prangern sie zugleich ihre Kirchenoberen an.

Aktionswoche in Wolfenbüttel

„Uns alle haben die Missbrauchsfälle tief erschüttert; das massive Versagen jener Kirche, der wir doch alle verbunden sind“, sagt Christiane Kreiß. Weil sie nicht länger schweigen wollte, hat die engagierte Katholikin mit einigen Mitstreiterinnen in Wolfenbüttel eine „Aktionswoche gegen Machtmissbrauch in der Kirche“ organisiert. Mit Gebeten für zeitgemäße Sexualmoral, Postkarten an den Bischof („Aufstehen gegen Männerkirche“) und Protestschildern am Kirchplatz. „Wir wollen, dass endlich über die Priesterweihe von Frauen gesprochen wird und über den Sinn des Pflichtzölibats“, sagt die 58-Jährige.

Bischöfe bleiben auf Distanz – außer in Niedersachsen

Überall in Deutschland gehen katholische Laien derzeit auf die Barrikaden – und meist geben Frauen dabei den Ton an. In Münster hoben Aktivistinnen die Aktion Maria 2.0 aus der Taufe, der sich rasch zahlreiche Gemeinden anschlossen: Frauen traten in einen Kirchenstreik und klinkten sich eine Woche lang komplett aus dem Gemeindeleben aus. Keine Jugendgruppe, keine Kommunionvorbereitung, Gottesdienste nur draußen vor der Kirchentür. In einer Petition an den Papst fordern sie Zugang für Frauen zu allen Kirchenämtern.

Die meisten Bischöfe bleiben auf Distanz zu Maria 2.0 oder äußern sich ablehnend. Niedersachsens Oberhirten hingegen bekunden Sympathie. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode unterstützt die Aktion der Frauen, ebenso sein Hildesheimer Kollege Heiner Wilmer: „Dahinter steckt eine ganz tiefe Verletzung, dass sie sich in der Kirche nicht so angenommen fühlen, wie es ihrem Einsatz entspricht“, sagt Wilmer.

„Wir Frauen können alle Ämter ausüben“, sagt auch Maria Stenner-Dieckmann, die sich seit Jahren in der Pfarrei St. Anna in Twistringen (Kreis Diepholz) engagiert. Am vergangenen Sonntag hielten sie dort einen Wortgottesdienst vor der Kirche ab, parallel zur offiziellen Sonntagsmesse. Jeden Abend läuten die Protestler jetzt um 18.18 Uhr die Glocken, es gibt eine Mahnwache – und zu jeder Aktion kommen Dutzende Besucher. „Wir sind nicht gegen die Kirche, sondern gegen Missstände in der Kirche“, sagt die 59-Jährige. Von der großen Resonanz ist sie selbst überrascht: „Es lohnt sich, dass die schweigende Mehrheit endlich laut wird“, sagt sie. Vielleicht sei es nicht möglich, die Kirche von heute auf morgen zu verändern. „Aber wir können sie in Bewegung bringen.“

Warten auf den Vatikan seit 1976

Dazu braucht es freilich einen langen Atem. Schon 1976 ersuchte die von den deutschen Bischöfen einberufene Würzburger Synode den Papst, doch einmal wohlwollend zu prüfen, ob nicht auch Frauen zu Diakonen geweiht werden können. Die Antwort aus Rom steht bis heute aus; die Mühlen des Vatikan mahlen langsam. Papst Franziskus hat zum Thema Diakoninnen immerhin eine Kommission eingesetzt, die aber kürzlich ohne eindeutiges Ergebnis auseinanderging – eine Entscheidung wird es so schnell wohl nicht geben.

Der Druck der Basis wächst jedoch. Im März überreichten Vertreterinnen der katholischen Frauengemeinschaft (kfd) den deutschen Bischöfen in Lingen fast 30 000 Unterschriften, mit denen sie ein Ende des Klerikalismus fordern. Schon nach dem Missbrauchsskandal 2010 hatten die Bischöfe einen langwierigen „Gesprächsprozess“ mit Laien initiiert – der aber absolut folgenlos blieb. Jetzt soll bei einem „synodalen Weg“ über die heiklen Themen verhandelt werden. Doch wenn Rom sich nicht bewegt, müssen die deutschen Bischöfe sich entweder mit dem Vatikan anlegen oder die eigenen Gläubigen enttäuschen.

„Manche Bischöfe verstehen es einfach nicht!“, ruft eine Frau im Wolfenbütteler Gemeindehaus. In einem Vortrag hat der Hildesheimer Theologe und Psychologieprofessor Christoph Kröger mehr Gewaltenteilung in der Kirche gefordert – und bei der anschließenden Diskussion machen viele ihrem Unmut Luft. Pfarrer Matthias Eggers hält ihre Kritik für berechtigt: „Sie ist sogar ein ermutigendes Zeichen“, sagt der 49-Jährige. Er hat angekündigt, sich bei Gottesdiensten nicht mehr auf seinen thronhaften Priesterstuhl zu setzen, solange sich die Dinge nicht ändern.

Eins haben die Proteste bereits bewirkt: Sie sind ein Stück Selbstvergewisserung für die liberale Mehrheit der Katholiken. Indem sie aufbegehren, erobern sich die Frauen ihre Kirche zurück. „Bei unseren Aktionen“, sagt Christiane Kreiß, „spüren wir, dass dies noch unsere Kirche ist.“

Das fordert Maria 2.0

Die Initiative Maria 2.0 ging aus einem Lesekreis der Gemeinde Heilig Kreuz in Münster hervor. Unter anderem mit einem Kirchenstreik fordern die Frauen, die bei Aktionen weiße Kleidung tragen, Reformen. Auf ihrer Internetseite kritisieren sie „männerbündische Machtstrukturen“ in der Kirche. „Für uns alle ist ein stillschweigender Austritt keine Option“, betonen sie zugleich.

In einem offenen Brief an den Papst prangern sie die Vertuschung von Missbrauchsfällen an. Sie fordern die Aufhebung des Pflichtzölibats und Zugang zu allen Ämtern der Kirche für Frauen. Kirchenmänner duldeten in ihrer Mitte nur eine Frau: die Gottesmutter Maria. „Holen wir sie vom Sockel! In unsere Mitte. Als Schwester, die in die gleiche Richtung schaut wie wir“, heißt es auf der Internetseite.

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Initiative Maria 2.0: Die Forderungen, die Unterstützer, die Gegner

„Es geht uns um die Glaubwürdigkeit der Kirche“: Der Protest in Burgdorf

Von Simon Benne

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