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Der Norden Bäuerin Maike Schulz-Broers will Politiker „fair an die Wand nageln“
Nachrichten Der Norden Bäuerin Maike Schulz-Broers will Politiker „fair an die Wand nageln“
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10:06 17.12.2019
Macht Druck: Maike Schulz-Broers. Quelle: Philipp

Frau Schulz-Broers, erst Anfang Oktober haben Sie Ihre Facebook-Gruppe gegründet, um die Bauern zusammenzubringen. Hat Sie Ihr Erfolg überrascht?

Ja, total. Es ist überwältigend. In der Gruppe sind mittlerweile 25.000 Landwirte verzeichnet. Daneben gibt es noch eine Fan-Page auf Facebook mit etwa 22.000 Mitgliedern – wobei es hier sicherlich Überschneidungen gibt. Dazu haben wir natürlich wirklich viele Bauern für die Trecker-Proteste auf die Straße gebracht.

Wie wollen Sie den Druck hochhalten?

Jetzt müssen wir die PS, die wir auf der Straße gezeigt haben, auch in die Gespräche mit der Politik bringen. Dazu müssen wir mit den Bundestagsabgeordneten in ihren Wahlkreisen reden. Wir werden sie an vielen Orten zu Podiumsdiskussionen einladen und dann hart aber fair an die Wand nageln. Das haben wir in Ebstorf bereits mit der niedersächsischen Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast gemacht und im Emsland mit Albert Stegemann, dem agrarpolitischen Sprecher der Union.

Zur Person

Maike Schulz-Broers ist Bäuerin in Schwienau (Landkreis Uelzen). Anfang Oktober gründete sie die Facebookgruppe „Land schafft Verbindung“, die in den Wochen darauf das Land mit Treckerdemos in Atem hielt. Die 48-Jährige hat 2018 die Bürgerinitiative Wölfe vs. Land gegründet. Jetzt wirft sie Politik und nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) ein Bauernbashing vor. Ihr Motto: „Redet mit uns, nicht einfach nur über uns.“

Die Politik ist ja auf Sie zugegangen. Was sagen Sie zu den Ergebnissen des Agrargipfels von Frau Merkel Anfang Dezember, der den Bauern mehr Mitsprache zugesichert hat?

Ich bin sehr skeptisch, was den Gipfel angeht. Eigentlich müssten all die Dinge, mit denen wir Bauern Probleme haben – die Düngemittelverordnung, das Agrarpaket, das Klimapaket –, in eine Warteschleife verfrachtet und genau angeschaut werden: Was steht drin, was ist notwendig, was lässt sich verträglicher gestalten? Und dann hätte man damit in ein Zukunftsgespräch zwischen Politik und Bauern gehen können. Aber das passiert nicht. Deswegen habe ich den Eindruck, dass die Zusicherungen aus Berlin eher eine Beruhigungspille für die Bauern sein sollen. Ich kenne viele Landwirte, die damit nicht zufrieden sind.

Hinter die Kulissen schauen

Gilt Ihr Weckruf nur der Politik?

Nein, Adressaten sind natürlich auch die Verbraucher. So sind wir mit Infoständen auf Weihnachtsmärkten präsent und öffnen Höfe für interessierte Bürger. Durch die Demos sind diese derzeit auch so aufgeweckt, dass sie derartige Angebote gerne annehmen. Die Menschen wollen hinter die Kulissen schauen und alles hinterfragen. Und genau das bezwecken wir.

Schwächt es die Bauernschaft, wenn „Land schafft Verbindung“ und Bauernverband nicht an einem Strang ziehen?

Nein, weil beide unterschiedliche Aufgaben haben. Dass der Bauernverband jetzt endlich mal wieder seine Arbeit macht, hat sich aus der Wucht der Demos ergeben. Vorher war unter Bauern oft die Klage zu hören, sich in der Politik durch den Bauernverband nicht vertreten zu fühlen. Und wer mag schon gerne ohnmächtiger Spielball sein? „Land schafft Verbindung“ sieht sich aber eher in der Rolle, die Verbindung zwischen Landwirtschaft, Politik und Gesellschaft zu schaffen. Hier soll wieder ein dauerhafter Gesprächsfaden entstehen. Der Bauernverband soll dementgegen die Interessen seiner Mitglieder vertreten.

Sie beklagen ein Bauern-Bashing. Wird die Landwirtschaft in einer verstädterten Kultur zu wenig wertgeschätzt?

Ja, das sehe ich so. Die Menschen haben – nicht nur in Deutschland – vergessen, wo die Lebensmittel produziert werden. Alles, was in den Regalen der Händler liegt, hat seinen Ursprung in der Landwirtschaft. Aber das haben die Menschen leider nicht mehr auf dem Schirm. Man greift im Supermarkt ins Regal und vergisst dabei, was für eine Arbeit dahintersteckt. Das stimmt uns sehr traurig.

Für gesunde Böden

Klassiker ist die Milch, die billiger ist als Wasser …

… oder Aldi, das passend zur Bauerndemo den Preis der Milch um zwei Cent anhebt – das Geld aber nicht weiterreicht zu den Landwirten. Das dient der Beruhigung der Bevölkerung, hilft uns aber nicht.

Bauern sind durch Extremregen oder Dürren mit am stärksten vom Klimawandel betroffen. Wieso empfinden sie Umweltschutz dann offenbar als Last?

Umweltschutz ist keine Last. Wir betreiben ihn jeden Tag, leben ihn geradezu – und das seit Jahrhunderten. Würden wir unsere Flächen nicht entsprechend pflegen, wären sie heute nicht mehr so produktionsfähig. Nur gesunde Böden können etwas leisten.

Für besonderen Unmut haben die Einschränkungen beim Einsatz von Herbiziden und Insektiziden in Schutzgebieten gesorgt. Was stört Sie daran?

Dass nicht ausreichend gefragt wird, was sinnvoll und was ideologisch bedingt ist. Zwar mag es beim ersten Betrachten so wirken, als würden die Insekten verschwinden. Dann beißt es sich allerdings, wenn in Bayern das Volksbegehren „Rettet die Biene“ umgesetzt wird und gleichzeitig an Gewässern mit Insektiziden Mücken abgetötet werden. Wenn schon Insektenschutz, dann doch für alle. Wenn Insektenschutz fachlich begründet ist, sind wir mit dabei. Aber es kann nicht sein, dass die Obstbauern im Süden, deren Bäume vorwiegend in Naturschutzgebieten stehen, künftig auf Insektenschutzmittel verzichten sollen, die allein ihnen die Ernte sichern können. Hier braucht es ein gesundes Mittelmaß.

Fakt oder Fake

Laut Biologen reichen die Beschränkungen im Agrarpaket noch nicht mal ansatzweise, um das Insektensterben aufzuhalten ...

Guckt man sich die viel zitierte Krefelder Studie zum Insektensterben genauer an, sieht man, dass einzelne Arten einen Verlust an Biomasse von 75 Prozent haben – aber zum Teil einen Zuwachs bei der Artenvielfalt. So war die Region, die Forscher über 30 Jahre lang untersucht haben, die meiste Zeit sehr trocken. Nach deren Vernässung wanderten die Arten, die dieses nicht vertragen, natürlich ab. Man muss sich die Mühe machen, zu hinterfragen, ob das, was die uns erzählen, Fakt oder Fake ist.

Halten Sie das Artensterben für Fake News?

Nein, aber ich glaube, dass sich die Welt seit Jahrmillionen ständig verändert. So gab es das Massenaussterben der Dinosaurier. Die Welt hört nicht auf, sich zu entwickeln. So kann man den aussterbenden Arten auch die entgegenhalten, die jedes Jahr neu entdeckt werden.

Wenn Umweltschutz die Höfe bedroht, sollte es dann dem Bauern besser bezahlt werden, wenn er mit Stallmist statt mit Gülle düngt, wenn er Hecken oder Streuobstwiesen anlegt?

Dafür gibt es ja schon Geld. Nein, es macht wenig Sinn, an dieser Stellschraube weiter zu drehen. Besser wäre es, wenn wir für unsere Produkte besser bezahlt würden.

Wenige kaufen bio

Kann ein Tierwohl-Label für Fleischprodukte helfen, damit Verbraucher nach teureren Produkten greifen?

Das glaube ich nicht. Wiesenhof hat so etwas mal mit Hähnchen versucht, um sie teurer verkaufen zu können. Die Verbraucher griffen weiter nach den billigen. Wenn man sieht, wie wenige Menschen bio kaufen und wie viele konventionell, ist auch klar, dass sich ganze Bevölkerungsschichten die Öko-Ware nicht leisten können.

Verschärfte Düngeregeln sollen nur in Roten Gebieten mit hohen Nitratwerten im Grundwasser gelten. Was ist daran falsch? Offenbar können die Pflanzen die Stickstoffmengen nicht verarbeiten.

Das stimmt so nicht. Tatsächlich liegt hier der Fehler im Messsystem. 2013 setzten alle Nachbarländer die EU-Vorgabe, ihr Messstellensystem zu melden, so um, dass sie sämtliche Brunnen meldeten. Nur nicht Deutschland. Die damalige Umweltministerin Barbara Hendricks meldete nur die belasteten Brunnen. Würden wir wie alle anderen einen Durchschnittswert nehmen, gäbe es gar kein Problem.

Überall Trecker: Bauerndemo in Hannover. Quelle: Clemens Heidrich

Auf Ihrem Hof haben Sie da ein spezielles Problem …

Genau. Bei uns sind alle Flächen rot. Die Messstelle liegt aber in einem Waldstück. Das verfälscht die Ergebnisse, denn wenn Laub verrottet, erhöht dies die Nitratwerte im Boden. Wir düngen nicht nach dem Motto „Viel hilft viel“, sondern erstellen für unsere Äcker Bedarfsrechnungen. Es kommen nur so viel Nährstoffe auf den Boden, wie die abzuerntenden Pflanzen aufnehmen. Jeder Überschuss hemmt das Pflanzenwachstum. So haben wir auf einem Feld lange einen Kalkhügel stehen gehabt. Obwohl der seit Langem abgetragen ist, wachsen dort nur bestimmte Pflanzen. Werden wir aber von der Politik dazu gezwungen, 20 Prozent unter dem Bedarf zu düngen, holen sich die Pflanzen das Fehlende aus dem Boden. Der Boden verhungert. Das ist eine kalte Enteignung, weil die Böden unser Kapital sind.

System umbauen

Pro Jahr fließen 58 Milliarden Euro der EU in die Landwirtschaft, jeder EU-Bürger fördert demnach im Schnitt mit 114 Euro. Trotzdem fühlen Sie sich nicht genug gefördert. Muss das Subventionssystem umgebaut werden?

Zum einen erhalten wir keine Subventionen, sondern Direktzahlungen. Und die sind bei uns eigentlich an der falschen Stelle angedockt. Denn im Kern geht es darum, die Lebensmittel, die wir produzieren, für den Verbraucher billig zu machen. Also wäre es besser, wenn wir angemessene, höhere Preise für unsere Güter erhielten und der Handel die Zahlungen erhielte, um Niedrigpreise darstellen zu können. So gesehen sollte das gesamte System tatsächlich umgebaut werden. Was uns Landwirte betrifft, wäre es am besten, es würde wegfallen.

Sind die Treckerkonvois der Konter auf die Fridays-for-Future-Demos?

Als ich „Land schafft Verbindung“ losgetreten habe, hatte ich schon die Demonstrationen im Kopf. Mein Gedanke war: Hier haben die Jugendlichen die Forderung aufgestellt, sorgsamer mit ihrer Zukunft umzugehen. Aber es ist niemand da, der eine vernünftige Lösung anbietet. Das machen wir nun. Schön wäre es, wenn wir Bauern in diesem Sinne den Staffelstab übernehmen könnten.

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