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Der Norden In Molbergen ist jeder Zweite ein Russlanddeutscher
Nachrichten Der Norden In Molbergen ist jeder Zweite ein Russlanddeutscher
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00:18 26.05.2019
„Geheimrezept“: Alexander Gaal verkauft in Molbergen russische Lebensmittel – besonders beliebt ist sein selbst eingelegtes Schaschlik. Quelle: Gabriele Schulte
Molbergen

Junge Mütter schieben Kinderwagen, Mädchen und Jungen spielen Fangen, Schüler radeln nach Hause. Um Nachwuchs muss sich Molbergen (Kreis Cloppenburg) keine Sorgen machen. „Wir sind die jüngste Gemeinde in Deutschland“, sagt Nadja Kurz vom Gemeinderat: „Ein Viertel der Menschen hier sind Kinder und Jugendliche.“ Laut statistischem Landesamt ist die 9000-Einwohner-Gemeinde sogar die einzige, in der genug Kinder geboren werden, um die Bevölkerung ohne Zuwanderung stetig wachsen zu lassen. Frühere Zuwanderer haben dazu beigetragen: Spätaussiedler aus Russland, die sich hier ansiedelten. Auch das ein Rekord: Jeder Zweite in Molbergen gehört zu dieser Gruppe – wie Nadja Kurz. Am Sonntag wird hier ein neuer Bürgermeister gewählt. Unter den Kandidaten ist auch ein parteiloser Russlanddeutscher.

Von Stalin nach Sibirien vertrieben

In „Alex’ Laden“ gibt es russische Spezialitäten. Süße Kondensmilch in Variationen, 120 Bonbonsorten, Dillgurken in wenig Essig. Besonders stolz ist Alexander Gaal auf sein selbst eingelegtes Schaschlik. „Ganz zart, ein Geheimrezept“, sagt der 44-Jährige. Der Verkaufsschlager seien aber die gefrorenen Pelmini, Teigtaschen für die schnelle Küche: „Da greifen seit einigen Jahren auch viele Einheimische zu.“

Gaal ist mit 14 aus Omsk gekommen. Die Familie zog nach Molbergen, wo schon Familienangehörige lebten. „Der Landkreis hat bundesweit die höchste Zahl der Migranten aus Russland und Kasachstan aufgenommen“, erzählt Ratsfrau Nadja Kurz, die auch den „Heimatverein der Deutschen aus Russland“ leitet. Dass Molbergen zur Hochburg der Russlanddeutschen wurde, habe mit einem katholischen Pfarrer zu tun, der dort in den Siebzigerjahren eine Friedland-Siedlung gründete.

Auch die Wirtschaftskraft der Region trug dazu bei, dass sich immer mehr Menschen vor allem aus Sibirien und Kasachstan ansiedelten. Deren deutsche Vorfahren waren einst von Katharina der Großen an die Wolga geholt und später von Stalin umgesiedelt worden. In der Sowjetunion wurde ihre Sprache und Religion unterdrückt. Seit der Perestroika kehrten viele in die ursprüngliche Heimat Deutschland zurück, die eine bessere Zukunft versprach. Nachdem sich anfangs vor allem Jugendliche mit dem Einleben schwer taten, es gab Probleme mit Drogen und Gewalt, meldet die örtliche Polizei nun: „Keine Auffälligkeiten.“ Die Migranten schaffen Arbeitsplätze, arbeiten als Handwerker oder Ärzte. Wenn Einheimische auf die Häuser blicken, die Russlanddeutsche mit Hilfe tatkräftiger Verwandter gebaut haben, sind sie manchmal neidisch.

„Ich will Brücken bauen“: Witali Bastian – hier mit seiner Frau Jenny – tritt bei der Bürgermeisterwahl an. Quelle: Gabriele Schulte

„Plötzlich bin ich der Russlanddeutsche“

Witali Bastian, Versicherungsmakler, zieht im Flur seines Einfamilienhauses Broschüren aus einem Karton. „Meine neuen Flyer“, sagt er. Auf den Faltblättern, die für ihn als zukünftigen Bürgermeister von Molbergen werben, strahlt er in die Kamera. Es ist eine veränderte zweite Auflage kurz vor der Wahl am 26. Mai. „Ich halte jetzt meine Familie da raus“, erläutert der parteilose Kandidat, verheiratet mit einer in Molbergen geborenen Frau. In den letzten Wochen habe es Anfeindungen und Verleumdungen gegeben. „Bis vor Kurzem war ich in Molbergen der Witali“, erzählt der dreifache Vater – im Ort bekannt durch sein Engagement im katholischen Kindergarten und in der Grundschule: „Plötzlich bin ich der Russlanddeutsche.“ Fälschlich werde behauptet, er gehöre zur Glaubensgemeinschaft der Pfingstler, die sich seit Jahren für eine umstrittene Privatschule einsetzen.

Zur konservativen Pfingstgemeinde gehört der 36-Jährige ebenso wenig wie die meisten Russlanddeutschen. „Ich will Brücken bauen“, sagt der smarte Kandidat, der mit anscheinend guten Chancen gegen eine CDU-Frau von außerhalb und einen weiteren Parteilosen antritt. Die Molberger Kindergärten und Schulen stünden zu Recht allen offen, meint Bastian. Probleme gab es zwar mal, wenn Kinder von Freikirchlern nicht auf Klassenfahrt mitfuhren oder sich im Karneval nicht verkleideten. Mittlerweile leitet ein Russlanddeutscher die Grundschule. Und manche Familien, die die Pfingstkirche besuchen, leben weniger streng.

Pfingstler mit eigenen Werten

Eugen und Marina Derksen und ihren drei Kindern sieht man nicht an, dass sie zu den besonders Religiösen gehören. Die Familie hat sich bereit erklärt, sich öffentlich zu äußern und abbilden zu lassen. Da sind sie eine Ausnahme, denn mit den Medien haben viele Russlanddeutsche und besonders Pfingstler schlechte Erfahrungen. Dabei, so sagen die beiden 33-Jährigen, wollen sie doch nur noch ihren Werten und Vorstellungen leben. Dazu gehört etwa, dass Sex vor der Ehe tabu ist. Dem Fernsehen ziehen sie Leichtathletik und Kirchenchor vor; statt beim Schützenfest zu trinken, packen sie Päckchen für Arme.

Familie Derksen engagieren sich in der konservativen Pfingstgemeinde. Dass Tochter Dana später Polizisten werden möchte, ist für die Eltern kein Problem. Quelle: Gabriele Schulte

Eugen Derksen, als Achtjähriger aus Kasachstan hergezogen, ist über seine Frau zur freikirchlichen Gemeinde gekommen. Marina brach ihre Ausbildung zur Arzthelferin ab, als sie mit 18 heiratete. „Wir Pfingstler sind sehr klassisch, was die Familienform betrifft“, sagt die Frau, die außerhalb der Kirche Hosen und ihr langes Haar unbedeckt trägt. Sie arbeitet als Tagesmutter. Tochter Dana hingegen möchte Polizistin werden. Für die Eltern ist das kein Problem.

Im Gotteshaus der Pfingstgemeinde wird deutlicher, warum die „Hiesigen“ und ein Teil der Russlanddeutschen bisweilen fremdeln. Die Andacht im Saal findet, des Gastpredigers wegen, an diesem Abend auf Russisch statt. Während Jugendliche zur Gitarre singen, ertönt aus einem Nebenraum unverständliches Rufen. „Die Betenden sprechen in Zungen“, erläutert Pastor Ernst Fischer. Er und seine Frau haben zwölf Kinder, bei Pfingstlern keine Seltenheit.

Am selben Abend trifft sich in einem anderen Gemeindehaus der lutherische Kirchenvorstand. Acht von zehn Mitgliedern sind Russlanddeutsche – darunter ein Betriebswirt, ein Ingenieur, eine Lehrerin. Wie jung Molbergen ist, zeigt sich auch hier. „Meine Gemeinde hat ein Durchschnittsalter von 36 Jahren“, erzählt Pastor Oliver Dürr, der auch Aussiedlerseelsorger im Kirchenkreis ist. Ur-Molberger oder Russlanddeutscher? In der jüngsten Gemeinde Deutschlands ist das immer schwerer zu erkennen. Viele Einheimische sprechen miteinander noch Platt. Die Kinder beim Heimatverein der Deutschen aus Russland haben deshalb eine „Plattdeutsch-Fibel“ erstellt – damit sie mitreden können.

Landesregierung lobt Integration

Seit 1950 sind mehr als 4,5 Millionen Menschen als Aussiedler nach Deutschland gekommen, von denen heute rund 360.000 in Niedersachsen leben. Die Eingliederung verlief ab Ende der Achtzigerjahre zunächst schwerfällig, hat sich Studien zufolge aber dann sehr positiv entwickelt. „Die im Sinne eigenverantwortlicher Integration erbrachten Leistungen verdienen Lob und Anerkennung“, sagt ein Sprecher von Innenminister Boris Pistorius (SPD). Der Minister hat 2014 die Patenschaft über die Landesgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland übernommen. Das Land fördert Eingliederungsprojekte. Seit 2017 vertritt Editha Westmann (CDU) als Landesbeauftragte die Interessen der Spätaussiedler und ihrer Familien. Eine Broschüre informiert über historische Hintergründe.

Der Anteil der Spätaussiedler an der niedersächsischen Bevölkerung beträgt laut Mikrozensus 2016 rund 4,4 Prozent. Die Spätaussiedler machen ein Viertel der Bewohner mit Migrationshintergrund aus. Im zentralen Aufnahmelager Friedland (Kreis Göttingen) sind die Zahlen der Spätaussiedler zuletzt wieder gestiegen – von 2490 im Jahr 2013 auf 7224 im Jahr 2018. Grund ist das geänderte Bundesvertriebenengesetz, das seit 2013 Erleichterungen im Hinblick auf Sprachprüfungen und Familiennachzug brachte.

Von Gabriele Schulte

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