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Der Norden Freund der Schwester umgebracht - Angeklagter schweigt vor Gericht
Nachrichten Der Norden Freund der Schwester umgebracht - Angeklagter schweigt vor Gericht
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19:36 19.08.2019
Prozessauftakt unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen: Polizisten bewachen das Landgericht Braunschweig. Quelle: Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Braunschweig

Überall Polizisten, doppelte Einlasskontrollen und ein Angeklagter in Handschellen: Der Mordprozess gegen einen 33 Jahre alten Syrer hat am Montag in Braunschweig unter verschärften Sicherheitsbedingungen begonnen. Ihm wird vorgeworfen, den aus dem Irak stammenden Lebensgefährten seiner Schwester auf einem Parkplatz in Salzgitter getötet zu haben, weil er die Beziehung nicht duldete. Zum Prozessauftakt am Landgericht kündigte der Beschuldigte an, nichts zu den Vorwürfen zu sagen (Az.: 9Ks 7/19).

Laut Anklage war das Ziel des 33-Jährigen die Wiederherstellung der Ehre seiner muslimischen Familie. Am 26. Januar dieses Jahres soll er deshalb dem 25-jährigen Freund seiner Schwester in einem Hinterhof aufgelauert und fünf Schüsse auf ihn abgefeuert haben. Das Opfer starb noch am selben Abend im Krankenhaus an den schweren Verletzungen. Zuvor soll der Angeklagte mehrmals geäußert haben, dass er den Christen nicht toleriere. Die Staatsanwaltschaft spricht von Mord aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen.

Opfer im Friseursalon bedroht

Die Freundin des späteren Opfers war laut Anklage wegen der familiären Probleme im Herbst 2018 an einen unbekannten Ort geflohen. Ihr Bruder habe die Beziehung nicht akzeptiert, weil seine Schwester vom muslimischen Glauben abgefallen sei. Ihr Konvertieren stand im Raum. Im Friseursalon des Irakers in Seesen bei Goslar soll der Angeklagte ihm im November dann direkt mit dem Tod gedroht haben.

Am Tattag soll der 33-Jährige das Haus seiner Familie mit der Ankündigung verlassen haben, die Ehre nun zu retten. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft wusste er genau, wo der 25-Jährige sein Auto abends parkte, und lauerte ihm dort in der Dunkelheit auf. Zwei Polizisten berichteten als erste Zeugen vor Gericht, wie sie den lebensgefährlich Verletzten auf dem Parkplatz auffanden.

Hinter Gewaltanwendungen aus vermeintlich verletzter Ehre steckt nach Angaben der Frauenrechtsorganisation Terre des femmes vor allem das patriarchalische – also männlich dominierte – Denken, Frauen als Besitz zu betrachten. Die eigene Ehre oder die Ehre der Familie ist aus Sicht der Täter verletzt, wenn eine Frau von althergebrachten Normen abweicht – sie sich etwa einer arrangierten Ehe widersetzt oder ein an anderen Werten orientiertes Leben führt.

Neun Verhandlungstage bis Ende Oktober

Dietrich Oberwittler vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht definiert die Täter als Blutsverwandte, in der Regel aus der ersten Einwanderergeneration. Für den Autor einer 2011 im Auftrag des Bundeskriminalamts erstellten Studie über sogenannte Ehrenmorde spielt auch die Ankündigung der Tat eine Rolle. Dadurch werde aus Sicht der Täter sichergestellt, dass möglichst viele Menschen davon erfahren.

Einer der bekanntesten Fälle ist der Mord an der Deutschtürkin Hatun Sürücü. Ihr jüngerer Bruder hatte sie im Februar 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin erschossen. Dafür wurde er in Deutschland zu neuneinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt und nach Verbüßung der Strafe in die Türkei abgeschoben. Für den Mordprozess in Braunschweig sind neun Verhandlungstage bis Ende Oktober anberaumt. Mehrere Gutachter und zahlreiche Polizisten sollen als Zeugen vernommen werden.

Von Christian Brahmann