Fast an Corona gestorben: Susanne Herpold aus Hannover warnt vor Verharmlosung
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Fast an Corona gestorben: Susanne Herpold aus Hannover warnt vor Verharmlosung

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10:10 19.08.2020
Corona-Patientin Susanne Herpold: Die erste schwer Infizierte, die zweimal fast gestorben wäre, kommt aus Hannover und macht sich stark gegen Verschwörer und Verharmloser. Quelle: Villegas
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Hannover

Wenn Susanne Herpold Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen sieht oder Menschen, die das Virus für harmlos halten und Mundschutz sowie Abstand eher lässig nehmen, macht sie das wütend. „Die Leute sollen genau hinschauen und sich informieren, Corona ist keine einfache Grippe.“ Susanne Herpold weiß das leider nur zu genau, sie gehörte Anfang März zu den ersten offiziellen Corona-Infizierten in der Region. Und sie war die erste, die so ernsthaft erkrankt war, dass sie gleich zweimal beinahe gestorben wäre – und knapp überlebt hat.

Bloß nicht zu leicht nehmen

„Aus diesem Grund rede ich immer und immer wieder über meine Erfahrungen, damit kapiert wird, was passieren kann.“ Sie wisse, dass viele Mitbürger sich das Ausmaß der Lebensgefahr einfach nicht vorstellen können, da sie niemanden kennen, den es schwer erwischt habe. „Aber ja, diese Menschen gibt es.“ Herpolds Geschichte ist genauso verstörend wie berührend. Sie hat sie bereits mehrfach erzählt, in etlichen Medien, jüngst bei der Sendung „Lanz“ im Fernsehen, eine Einladung für den Jahresrückblick „Menschen 2020“ liegt bereits in ihrem Postfach. Die 55-Jährige ist eine sehr patente und präsente Frau, die mit ihren Beiträgen vor allem warnen will: „Nehmt das bloß nicht zu leicht.“

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Ein „ganz seltsamer Husten“

Die zweifache Mutter war mit der Familie in Ischgl, zum Skilaufen, Anfang März. „Da war das offiziell noch kein Risikogebiet.“ Auf der Rückfahrt begann erst ihr Mann zu husten, zu Hause hat es dann sie richtig erwischt, mit 40 Grad Fieber. Dazu ein „ganz seltsamer Husten“ und eine enorme Schwäche. Susanne Herpold wollte zum Hausarzt. Der aber wollte sie nicht testen. „Es hieß, Ischgl sei kein Risikogebiet, daher könne ich auch nicht das Coronavirus haben.“ Dieselbe Auskunft erhielt das Ehepaar vom Gesundheitsamt. „Ich habe unseren Hausarzt dann ein bisschen erpresst und gesagt, dass mein Mann mich in die Praxis fahren würde und ich dort sicher eine lange Wartezeit die Möglichkeit hätte, fröhlich herumzuhusten“, erzählt die Bürokauffrau aus Seelze.

Männer wie Minions

Daraufhin sei alles ziemlich schnell gegangen, es wurde getestet – mit eindeutig positivem Befund. Herpolds Zustand allerdings verschlechterte sich täglich, sie bekam immer schlechter Luft und am Wochenende konnte ihr Mann sie schließlich überzeugen, den Rettungswagen für das Krankenhaus zu alarmieren. Die Männer rückten umgehend an, in gelben Schutzanzügen, „wie die Minions“. Die Nachbarn wussten Bescheid. „Im Friederikenstift war ich dann die erste und einzige Corona-Patientin, das Personal musste erstmal ein Zimmer und eine Station freimachen für mich.“ Die 55-Jährige war zuversichtlich. Es gab Sauerstoff, persönliche Versorgung und sie war davon überzeugt, in ein paar Tagen wieder zu Hause bei der Familie zu sein. Die sie ja nicht besuchen durfte.

Robert Herpold, Chef des Zeitschriftenvertriebs Grossounion Nord, hat seine ganze Belegschaft testen lassen. Quelle: Tim Schaarschmidt

„Wir versetzen sie jetzt ins künstliche Koma, ihre Lunge kollabiert“

„Ihre Werte machen uns Sorgen“, erklärten die Ärzte am dritten stationären Kliniktag. Und nachts um 3 Uhr stand plötzlich die Ärztin mit dem Narkoseteam an ihrem Bett. „Wir versetzen sie jetzt ins künstliche Koma, ihre Lunge kollabiert.“ Mehr weiß Susanne Herpold nicht mehr. Ihr Mann wurde informiert, „erst da ist der Groschen gefallen, dass das richtig dramatisch ist“, so Robert Herpold, selber infiziert und in Quarantäne, aber mit milden Symptomen. Nach acht Tagen wurde die 55-Jährige aus dem Koma zurückgeholt, „aber nur kurz, ich konnte nicht reden, nur husten.“ Es habe sich angefühlt wie Ersticken, „das macht Angst“. Die Lunge kollabierte ein zweites Mal – fünf weitere Tage Koma folgten. Herpold lag auf dem Bauch, auf dem Rücken, und sie war alleine, keiner durfte kommen.

Eine Kerze für Susanne

„Die Ärzte haben mir später gesagt, dass sie keinen Cent darauf gewettet hätten, dass ich das überlebe“ sagt Susanne Herpold. Vage erinnert sie sich an Vorkommnisse aus der Zeit des künstlichen Tiefschlafs. „Die Schwestern haben mich gewaschen und mit mir gesprochen, eine hat mir eine Flechtfrisur gemacht.“ Mit unerwartet viel Glück und immer noch schlechten Werten hat sie die Krise schließlich bewältigt. Die Tür zum Klinikzimmer sei immer wieder aufgegangen, Ärzte und Pfleger hätten sich einfach gefreut, sie zu sehen. Lebend. „Ich habe auch gespürt, dass meine Familie und Freunde für mich da waren, das hat sicher geholfen.“ Ihr Mann hat eine Whatsapp-Gruppe initiiert, „in der jeden Abend eine Kerze für Susanne angezündet wurde.“

Der Schock sitzt tief

Obwohl Susanne Herpold, nach fünf Wochen Klinik und weiteren Wochen zäher Reha wieder aufgeweckt und sogar ein bisschen ausgelassen in ihrem Garten sitzt – der Schock sitzt tief, ein Nahtodtrauma, dessen Folgen noch nicht absehbar sind. Spätfolgen der Krankheit hat sie bislang keine, „ich bin randvoll mit Antikörpern.“ Sie weiß das, weil sie Blutplasma spendet an der Medizinischen Hochschule für die Therapie anderer Menschen mit dem Corona-Virus. Auch ihren Mann hat die schwere Zeit mitgenommen und wachsam gemacht.

Als Mitarbeiter seiner Firma Grossunion Nord an dem Virus erkrankten, hat er die Belegschaft auf eigene Rechnung testen lassen. „Ich wollte nicht wieder auf das Gesundheitsamt warten. Ich wollte Transparenz, Mitarbeiter und ihre Familien schützen und vor Schlimmem bewahren.“ Es hat funktioniert.

Robert Herpold und seine Frau Susanne Herpold. Quelle: Villegas

Diese Krankheit ist real

Susanne Herpold hustet und zittert nicht mehr, sie kann schwimmen, walken, riechen, schmecken und sich über jeden Tag neu freuen. „Mitten aus einem ganz gesunden und normalen Leben bin ich auf einer Intensivstation gelandet, um mit dem Tod zu kämpfen, das vergisst man nie.“ Und sie möchte, dass auch andere nicht vergessen, dass diese Erkrankung jeden treffen und schlimm verlaufen kann. Einen zweiten Lockdown fürchtet sie auch, schon aus wirtschaftlichen Gründen. „Ich finde bislang hat die Regierung toll reagiert auf die Pandemie. Ich bin wirklich dankbar, dass ich hier leben darf.“

Intensive Beschäftigung mit dem Virus

Im übertragenen Sinn beschäftigt sich das Ehepaar Herpold doppelt intensiv mit dem Virus. Robert Herpold hat nämlich aus purer Leidenschaft als John Trebor vor zwei Jahren einen Science-Fiction-Roman geschrieben: „Zwischen Raum und Zeit“. Thema: Klimawandel und .... Pandemie. Er wird bald veröffentlicht, Susanne Herpold hat Korrektur gelesen. „Das ist schon unheimlich vorausschauend – und daher für mich nicht einfach nur ein Buch.“

Die Realität steht vor der Tür. „Meine Botschaft ist: Diese Krankheit ist real. Ich setze jetzt darauf, dass die Menschen ihren Verstand nutzen und Verantwortung zeigen.“

Von Susanna Bauch