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Der Norden Mit geballter Kraft gegen Clans und Rocker – im Heidekreis wirkt das
Nachrichten Der Norden Mit geballter Kraft gegen Clans und Rocker – im Heidekreis wirkt das
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12:18 19.08.2019
Beim Einsatz in einer Shisha-Bar in Munster wird mutmaßlich unversteuerter Tabak gefunden. Quelle: Gabriele Schulte
Soltau

Nur ein Hauch von süßem Rauch liegt in der Luft, an dem lauen Sommerabend ist die Shisha-Bar bis auf die Mitarbeiter leer. Das ändert sich schlagartig, als Mannschaftswagen der Polizei neben dem Bahnhof vorfahren und Menschen mit und ohne Uniform in den Gastraum in Munster (Heidekreis) stürmen. Ein Zollbeamter fragt einen Kellner nach der Arbeitserlaubnis; ein anderer lässt sich in einem Hinterzimmer die Tabakvorräte für die Shishas zeigen; ein Finanzbeamter nimmt sich die Kasse vor. Gleichzeitig wenden sich Kontrolleure vom Landkreis den Spielautomaten, den Notausgängen und der Speisekarte zu, während ein von einer Kollegin in die Luft gehaltenes Messgerät Kohlenmonoxid-Entwarnung gibt.

Der Betreiber bleibt ruhig, er hat die Großaktion kommen sehen. „Ich bin nicht überrascht“, sagt er der HAZ, die er das Geschehen auf Nachfrage beobachten lässt. „Die sind ja jetzt überall“, sagt der Mann. Gemeint sind die Kontrolleure unter Polizeischutz, die seit März im Landkreis alle paar Wochen geballt nach dem Rechten sehen. Trotzdem hat der Wirt mit dem türkischen Pass es versäumt, sich entsprechend vorzubereiten. Jede Menge offenbar unversteuerten Tabak findet der Zollbeamte im Hinterzimmer. Der Kellner kann zudem keinen Ausweis vorweisen. Und es scheint einen Spielautomaten mehr zu geben, als der Betreiber beantragt hat. Im Nachgang werden die Behörden all das gründlich klären und Konsequenzen ziehen.

Überprüfung Spielhallen Von meinem iPhone gesendet Quelle: E-Mail-HAZ

Friseure und Imbisse überprüft

Die Kontrollen, die an diesem Abend in 25 Betrieben in vier Städten des Heidekreises parallel stattfinden, sind keine Razzien, sondern werden von der Polizei lediglich abgesichert. An die 200 Vertreter von Zoll, Kommunen, Finanzbehörden, Bundes- und Landespolizei haben sich wieder im Rahmen des Projekts Räderwerk zusammengefunden. Alle paar Wochen machen sie das seit März, von einem Lageraum in Soltau aus wird der Einsatz gesteuert. Mehrere Spielhallen, Sportsbars und Discotheken waren schon an der Reihe – und sie werden bei Auffälligkeiten erneut kontrolliert. Dieses Mal stehen zusätzlich Friseure und Bistros, ein Pizza-Lieferdienst und ein Handy-Shop im Fokus.

Stefan Sengel, Räderwerk-Initiator und Leiter der Polizeiinspektion Soltau, hat zuvor einen Teil der Einsatzkräfte bei Munster begrüßt, wo sie sich auf einer Panzerstraße von der Öffentlichkeit unbemerkt sammeln. Die Polizeibegleitung, wird er nicht müde zu betonen, dient lediglich der Absicherung der Kontrollen. Es gebe Betriebe, die Mitarbeiter von Finanz- oder Ordnungsbehörden nicht so gern zu zweit betreten würden – Orte, an denen sie manchmal von Cousins oder hinzueilenden Freunden der Kontrollierten bedrängt oder gar bedroht würden.

Sieben Spielhallen in Schneverdingen

Auch an diesem Abend, an dem die Aktion wie stets über Facebook schnell die Runde macht, fahren silberglänzende und auffallend teure Autos langsam an Mannschaftswagen der Polizei vorbei. Manchmal können die Behörden Schlüsse ziehen, wer welchen Verwandten gern aus der Patsche hilft. Kontrolliert werden diesmal unter anderem Kurden, Kosovaren, Iraker. Aber keineswegs alle Betreiber, etwa der sieben Spielhallen in der Kleinstadt Schneverdingen, haben einen Migrationshintergrund. Auch gibt es keinen Generalverdacht, und nicht bei allen Überprüfungen ist etwas zu beanstanden. „Sobald überall alles in Ordnung ist, haben wir unser Ziel erreicht“, sagt Polizeichef Sengel. Einiges scheint Räderwerk schon bewirkt zu haben. 

Weder Gruppenschlägereien auf öffentlichen Plätzen, noch bei Einsätzen verletzte Beamte hat es seit März gegeben, ebenfalls keine weiteren Brandsätze gegen neue „Barber Shops“, mit denen mutmaßlich Reviere abgesteckt wurden. In einer im Vorfeld zum gefährlichen Ort erklärten Discothek ist es ebenfalls ruhiger geworden. Wenn immer wieder überraschend kontrolliert und auch mal große Mengen Bargeld oder ein Auto sichergestellt werden, verunsichert das die Szene offenbar. Bis hin zu Waschanlagen kommen die unterschiedlichsten Betriebe für Kontrollen infrage, in denen etwa möglicherweise Geldwäsche betrieben wird. „Der Begriff Waschanlage bekommt da eine ganz neue Bedeutung“, scherzt der Polizeichef.

Verflechtungen mit Rockermilieu

Vorfälle, die auf Familienclans oder das Rockermilieu deuteten und die Heidekreisbewohner verunsichert hatten, waren Anlass für die intensive Kooperation der Behörden gewesen. „Es gab zwar keinen messbaren Anstieg der Gewalt, aber viele Hinweise aus der Bevölkerung, wo vielleicht etwas nicht mit rechten Dingen zugeht “, berichtet Sengel. Nun werde dem gezielter nachgegangen. Die Großaktionen seien nicht einmal wesentlich teurer, weil die Behörden ihre bestehenden Aufgaben bündelten, sich so weit wie datenschutzrechtlich möglich informierten und nachfragten. So würden Strukturen erkennbar. Der Inspektionsleiter meint: „Wir kommen auch an Hintermänner.“

Kommissarin Alisha Buchholz aus Winsen ist als Beobachterin beim Einsatz an der Seite von Polizeichef Stefan Sengel dabei. Quelle: Gabriele Schulte

 

Nach Einschätzung der Polizei wird der Heidekreis wegen seiner zentralen Lage zwischen Hannover, Hamburg und Bremen von kriminellen Clans gern als Drehscheibe genutzt. „Alles was es in Berlin oder Essen gibt, gibt es hier auch“, sagt der Polizeichef. Während im Südkreis eher Familien mit kurdischen Wurzeln arbeiteten, seien es im Norden Migranten aus dem arabischen und eurasischen Raum. Zum Teil gebe es Verflechtungen mit dem Rockermilieu – etwa bei Immobiliengeschäften, Einbrüchen, Drogenhandel, und Hehlerei. Gelegenheit zur Kontaktaufnahme besteht nicht zuletzt in einem von „Hells Angels“-Boss Wolfgang Heer gegründeten Fitnessstudio in Walsrode. Allen gemeinsam sind ein enger Zusammenhalt und Geheimnisse, die sich auf Drohungen gründen und auch Gerichte oft vor schwer lösbare Aufgaben stellen.

Mit geballter Kraft gegen Clankriminalität

Das seit März bestehende Projekt Räderwerk im Heidekreis hat sich den Kampf gegen kriminelle Familienstrukturen und Rockerkriminalität zur Aufgabe gemacht. Das Netzwerk will dem Phänomen, das durch Ablehnung bestehender Normen und kriminelles Verhalten gekennzeichnet ist, bei niedriger Einschreitschwelle entgegentreten. Unter Federführung der Polizei arbeiten unter anderem Kommunen, Zoll und Finanzbehörden mit.

Ein Schwerpunkt sind unangekündigte gemeinsame Kontrollen in Spielhallen, Discotheken und anderen Betrieben. Es handelt sich dabei nicht um Razzien, ein richterlicher Durchsuchungsbeschluss ist nicht nötig. Die Polizeidirektion Lüneburg hebt hervor, dass es sich bei den im Fokus stehenden Personen um Deutsche, Deutsche mit Migrationshintergrund und ausländische Bewohner handelt. Stigmatisierungen bestimmter Gruppen sollen vermieden werden.

Das Landeskriminalamt als Projektpartner nennt Räderwerk vorbildlich. „Der ganzheitliche Ansatz bündelt Fachkompetenzen aus unterschiedlichsten Bereichen“, sagt eine LKA-Sprecherin. „Bei konkreten Problemstellungen lässt sich so der vielversprechendste Bekämpfungsansatz herausarbeiten.“ Andere Regionen könnten die Erfahrungen für sich anpassen. „Auch präventive Wirkungen sind zu erwarten.“

Das Phänomen der kriminellen Clanstrukturen sei regional sehr unterschiedlich ausgeprägt, sagt eine Sprecherin von Innenminister Boris Pistorius (SPD) in Hannover. Sicherheitspartnerschaften oder Runde Tische seien zu vielen Kriminalitätsbereichen etabliert, sodass wie im Heidekreis auf bewährte Strukturen zurückgegriffen werden könne. Die Innenministerkonferenz habe im Juni in ihrem Beschluss zur koordinierten bundesweiten Bekämpfung der Clankriminalität festgestellt, dass sie einen wesentlicher Ansatz in der ressortübergreifenden Zusammenarbeit sieht.

Kassensturz in der Spielhalle

An diesem Abend werden in einigen Betrieben Verstöße gegen steuerrechtliche, arbeitsrechtliche und baurechtliche Vorschriften festgestellt, außerdem gegen Aufenthaltsvorschriften und das Waffengesetz. In einer Spielhalle in Schneverdingen hat zwar der Kassensturz des Finanzamts keinen Hinweis auf Manipulationen ergeben. Der Betreiber aus Hamburg muss aber mit der Schließung seiner Annahmestelle für Sportwetten rechnen, weil er sich nicht an den Glücksspielstaatsvertrag gehalten hat. Andernorts, etwa in einem Döner-Imbiss, dürfen die Mitarbeiter vor und nach der Kontrolle unbehelligt weiter ihre Kunden bedienen. Zu den Zielen des Räderwerk-Netzes gehört auch, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund, die ein Gewerbe betreiben, gut integrieren können.

Die Lagebesprechung in Soltau endet gegen 22 Uhr mit einer recht zufriedenstellenden Bilanz. Es hat keine Drohungen gegen Beamte gegeben, allerdings hat sich ein Polizist seine Hand an einer Tür verletzt. Kommissarin Alisha Buchholz aus Winsen (Luhe), die die Aktion beobachtet hat, würde das Modell gern auf den Kreis Harburg übertragen. „Vor Kurzem erst sind bei uns in Seevetal zwei Clans aufeinander losgegangen“, erzählt sie. „Vier versuchte Totschläge stehen im Raum.“ In der Shisha-Bar in Munster wiegen Zollbeamte noch immer den Tabak aus den nicht korrekt versteuerten Dosen.

Von Gabriele Schulte

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