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Der Norden Neele ist Profitänzerin – und hat das Down-Syndrom
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Bremen: Neele Buchholz ist Profitänzerin – und hat das Down-Syndrom

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09:48 15.12.2021
Die 30-jährige Bremerin Neele Buchholz ist Schauspielerin, Inklusionsmodell und Tänzerin. Sie wurde mit Trisomie 21 geboren.
Die 30-jährige Bremerin Neele Buchholz ist Schauspielerin, Inklusionsmodell und Tänzerin. Sie wurde mit Trisomie 21 geboren. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
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Bremen

Neele Buchholz war drei, als sie anfing zu tanzen. Das war in einer Gruppe mit anderen Kindern mit Behinderungen: Die heute 30-jährige Bremerin hat das Down-Syndrom. Dem Tanzen blieb sie auch als Jugendliche treu, es war ihr liebstes Hobby. Dass daraus einmal ihr Beruf werden würde, galt eigentlich als völlig unmöglich. In der 12. Klasse kam der Berufsberater in ihre Schule. Für ihn war klar: Neele geht in eine Werkstatt. Doch sie wollte nicht. Am Ende setzte sie sich durch - gegen alle Widerstände.

Der Verein Tanzbar Bremen hat Neele fest angestellt

Neele absolvierte diverse Praktika; im Kindergarten, in der Gastronomie, in Werkstätten, in einem Theater. „Dann habe ich mir überlegt, dass ich Tanzen beruflich machen will“, sagt Neele Buchholz. Sie sitzt während des Gesprächs auf einem Sofa im Schneidersitz, ihre Arme bewegen sich rege beim Reden, sie sprüht vor Energie. Sie spricht langsam und leicht undeutlich, sie stottert manchmal und sucht nach Worten. Seit zwei Jahren wohnt sie in einer inklusiven WG, ganz ohne Assistenz kommt sie im Leben nicht aus.

Ihre Eltern Daniela Buchholz und Lars Gerhardt unterstützten den ungewöhnlichen Berufswunsch ihrer Tochter, suchten nach Lösungen. „Wir haben von allen Seiten gehört: Das geht sowieso nicht“, erzählt die Mutter. Eine klassische Tanzausbildung kam für Neele wegen ihrer Beeinträchtigung nicht infrage. Doch was die Agentur für Arbeit sonst an die Werkstatt für Neele gezahlt hätte, konnte sie aufgrund einer Gesetzesänderung als ihr persönliches Budget nutzen. Dazu fügte sich, dass ein privater Spender Neele finanziell unterstützen wollte.

 

Neele hatte bereits als Heranwachsende jahrelang in inklusiven Tanztheatergruppen Bühnenerfahrung gesammelt. Der Verein Tanzbar Bremen war schließlich bereit, ein Experiment einzugehen: Neele als Profi-Tänzerin fest anzustellen. „Es wusste keiner, wie das geht“, sagt Daniela Buchholz rückblickend, „wir sind alle ins kalte Wasser gesprungen.“ Das war 2013. Seitdem wirkte Neele in zahlreichen Tanzproduktionen mit, war auf Tourneen und Festivals in Deutschland, Spanien, Polen, Belgien, Griechenland, Schweiz und England.

„Sie hat ein ganz feines Gespür“

„Sie hat vielen anderen Mut gemacht, ihren eigenen Weg zu gehen“, sagt Lars Gerhardt, der seit 2014 auch im Vorstand von Tanzbar aktiv ist. Der Bremer Choreograf und Tänzer Tomas Bünger, mit dem Neele schon viel zusammengearbeitet hat, sagt: „Für mich ist Neele eine wahre Künstlerin.“ Zwar tanze sie ohne erlernte Techniken. Aber das sei bei zeitgenössischem Tanz nicht so wichtig: „Bei Neele geht es um den Ausdruck des inneren Erlebens, darum, Emotionen sichtbar zu machen.“

Neele hat eigene Proberäume in Bremen gemietet. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Neele spielte auch schon in Filmen mit: Sie ist im Werbespot „Das erste Mal“ von „Aktion Mensch“ zu sehen, und sie übernahm eine Nebenrolle im Kinofilm „Simpel“ mit David Kross und Frederick Lau. Längere Texte auswendig lernen kann Neele zwar nicht, aber das findet Wolfgang Janßen von „Rollenfang“ auch nicht wichtig: „Was Neele auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, sich in Situationen hineinzuversetzen.“ Sie könne zum Beispiel auf Kommando weinen.

„Sie hat ein ganz feines Gespür, das haut einen um“, sagt Janßen, der die Plattform „Rollenfang“ gründete, um Schauspielerinnen und Schauspieler mit Beeinträchtigungen zu coachen und an Film und Fernsehen zu vermitteln. Seiner Auffassung nach gibt es viel zu wenige Darstellende mit Beeinträchtigungen in deutschen Spielfilmen. „Aber es passiert gerade was“, sagt er verhalten optimistisch.

Neele ist in ARD-Serie „Eldorado KaDeWe“ zu sehen

Auch für Neele geht es voran: Demnächst ist Neele in der sechsteiligen ARD-Serie „Eldorado KaDeWe“ zu sehen. Sie wird am 27. Dezember ausgestrahlt, ab 20. Dezember ist sie in der ARD-Mediathek abrufbar. Die Bremerin spielt darin die 15-jährige Schwester einer der beiden weiblichen Hauptfiguren. 16 Drehtage hatte sie, dafür musste sie mehrfach nach Budapest fliegen, wo der Film vornehmlich gedreht wurde.

Regisseurin Julia von Heinz ist von Neele beeindruckt: „Neele ist hochprofessionell und hat in dieser sehr straffen Produktion, in der Zeit eine große Rolle spielte, immer auf den Punkt genau eine hochemotionale Szene abgeliefert.“ Neele sei immer extrem gut vorbereitet gewesen. „Sie hat uns alle damit überrascht, wieviel emotionaler sie die Szenen gespielt hat, als wir uns das je hätten ausmalen können.“ Ihrer Auffassung nach müssten mehr Menschen wie Neele im Fernsehen zu sehen sein, um die Gesellschaft so abzubilden, wie sie sei. „Das Fernsehen zeigt uns Menschen nicht in der ganzen wundervollen Bandbreite, wie sie existieren“, betont von Heinz.

Der Bremer Verein Tanzbar Bremen hat ein Experiment gewagt und Neele fest angestellt. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Ihr beruflicher Erfolg hat Neele beflügelt, sie hat eine neue Idee: Sie will sich künstlerisch weiterentwickeln und dafür selbstständig machen. „Als sie uns das erzählt hat, ist uns erstmal die Kinnlade runtergefallen“ sagt Lars Gerhardt. Eine Festanstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt lasse man als Mensch mit Behinderung nicht einfach so sausen. „Inklusion in der Arbeitswelt ist ein dickes Brett“, sagt Gerhardt. Andererseits habe Neele ein Recht auf Selbstbestimmung. „Das ist ja das, was wir für sie immer wollten.“

Neele will sich jetzt selbstständig machen

Noch ist nicht ganz klar, wie das mit der Selbstständigkeit gehen soll. Ein paar Rahmenbedingungen aber stehen schon fest: Neele gründet ihre eigene Firma. Und sie hat schon Räume in einem Kreativzentrum angemietet, um dort zu trainieren. „Auf jeden Fall wird sie eine Assistenz an ihrer Seite brauchen, die darauf achtet, dass es ihr bei Auftritten und Produktionen gut geht“, sagt Daniela Buchholz, die bisher bei den Filmdrehs selbst diese Rolle übernahm.

Neele will sich mit ihrer Selbstständigkeit den Freiraum schaffen, künftig mehr schauspielern und beim Tanzen besser ihre eigenen Vorstellungen umsetzen zu können. Unterstützung findet sie bei Choreograf Tomas Bünger: „Ich finde den Schritt mutig, aber auch richtig. Ich traue ihr das zu.“ Neele sagt dazu pragmatisch: „Ich möchte in meinem eigenen Tempo tanzen.“

Von RND/lni