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Blaues Band: Die Aller bekommt bei Verden neue Auen

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10:00 12.01.2022
Die Aller soll wieder mit ihren Altarmen verbunden werden. Luftbildfotograf Erich Schwinge hat den Fluss bei Verden stromaufwärts in Richtung Barnstedt aufgenommen.
Die Aller soll wieder mit ihren Altarmen verbunden werden. Luftbildfotograf Erich Schwinge hat den Fluss bei Verden stromaufwärts in Richtung Barnstedt aufgenommen. Quelle: Erich Schwinge
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Sie ist der größte nicht ins Meer mündende Fluss Norddeutschlands. Die Aller schlängelt sich von der Quelle der Magdeburger Börde recht gemächlich durch grünes Flachland, bis sie bei Verden in die Weser fließt. Doch so naturbelassen, wie der Fluss zunächst wirkt, ist er nicht überall. Auf seinen 116 Kilometern zwischen Celle und Verden ist er als Bundeswasserstraße ausgewiesen und vielerorts ausgebaut, teilweise begradigt und größtenteils eingedeicht worden.

„Aller-Vielfalt“ im Landkreis Verden

Nun aber geht es andersherum. Der Landkreis Verden beginnt mit einer Renaturierung der Flussauen, die als Teil des Bundesprogramms Blaues Band gefördert wird. Unter anderem sollen Altarme der Aller wieder mit dem Hauptstrom verbunden und Auen im Sinne einer artenreichen Flora und Fauna wieder hergestellt werden. Sogar Auwälder sollen dabei entstehen. „Das ist eine einmalige Chance“, sagt Thomas Arkenau, Leiter der Naturschutzbehörde in Verden. Die Fördersumme für die nächsten zehn Jahre ist mit annähernd 30 Millionen Euro beträchtlich.

Blaues Band als Biotopverbund

Das Blaue Band Deutschland, 2017 von der damaligen Bundesregierung beschlossen, soll die Flusslandschaft in den kommenden drei Jahrzehnten ökologisch aufwerten. Hintergrund des von Umwelt- und Verkehrsministerium getragenen Bundesprogramms ist, dass sich der Güterverkehr auf den Bundeswasserstraßen mittlerweile auf ein 4500 Kilometer langes Kernnetz der großen Flüsse und Kanäle konzentriert, das bei verkehrlichen Investitionen Priorität hat.

Das große ökologische Potenzial von rund 2800 Kilometer Nebenwasserstraßen wird aufgegriffen, um attraktive Flusslandschaften für Tiere, Pflanzen, Wassersport und Erholungssuchende zu schaffen. Der Name ist angelehnt an das Grüne Band, den ehemaligen deutsch-deutschen Grenzstreifen, der mittlerweile einen wertvollen Biotopverbund bildet. Auch mit dem Blauen Band soll ein solcher Verbund aufgebaut werden. Ziel ist, die Gewässer untereinander und mit den Küstengewässern zu vernetzen.

Eingebettet ist das Förderprogramm Auen, das vom Bundesamt für Naturschutz betreut wird. Es richtet sich an Naturschutz- und Umweltverbände sowie Landkreise und Kommunen, die Projekte zur naturnahen Entwicklung der Auen an Bundeswasserstraßen planen. Mehr als drei Viertel der Auen an Bundeswasserstraßen sind durch den Bau von Deichen vom Fluss abgetrennt worden und können bei Hochwasser nicht mehr überflutet werden. Zur Wiederherstellung intakter Flusslandschaften können nun beispielsweise Auengewässer und Feuchtgrünland angelegt oder renaturiert und nicht mehr benötigte Dämme und Entwässerungseinrichtungen entfernt werden. Die Projektpartner können von dem Geld auch dafür benötigte Flächen erwerben.

Das Blaue-Band-Team der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung bereitet unterdessen weitere Maßnahmen an Weser und Leine vor. In einem Abschnitt der Weser wurden schon Buhnen umgebaut. „Mit der Entwicklung von leicht durchströmten Bereichen siedelte sich die geschützte Schwanenblume verstärkt an“, berichtet die damalige Projektleiterin Kathrin Heinzner. Das Aller-Vielfalt-Projekt sei wegen seiner Ausdehnung und Maßnahmenvielseitigkeit, vor allem aber durch die gute Zusammenarbeit der Projektpartner, ein „Leuchtturm“ für das Blaue Band.

Sabine Riewenherm, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, übergibt in dieser Woche den Bewilligungsbescheid für das Projekt „Aller-Vielfalt“. Neben dem Landkreis Verden ist der Naturschutzbund Nabu im Boot, der bereits in einer Partnerregion an der Havel Vergleichbares umsetzt. Zusätzlich trägt die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) ihren Teil bei, den ehemaligen Verkehrsweg zum Abschnitt des Biotopverbunds Blaues Band Deutschland zu machen. Die Wasserbauer entfernen nicht mehr benötigte Ufersicherung aus Schüttsteinen oder gepflastertem Deckwerk, wodurch der Fluss die Ufer wieder eigendynamisch formen kann. So können flache Buchten entstehen, auf die etwa viele Jungfische angewiesen sind, weil sie nur in durch die Sonne erwärmten Bereichen genügend Plankton und Algen als Nahrung finden.

Früher waren auf der Aller viele Schiffe unterwegs, unter anderem auch mit Dampfbagger, wie hier auf einer alten – undatierten – Ansichtskarte aus Verden zu sehen. Dampfbagger wurden ab den 1930er Jahren zunehmend von Baggern mit Dieselmotorantrieb verdrängt. Quelle: Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (Archiv)

Aller war schon im Mittelalter Transportweg

In früherer Zeit spielte die Aller eine ähnlich bedeutende Rolle als Verkehrsweg wie die Weser. Schon im 16. Jahrhundert wurden mit flachen Kähnen Getreide, Metall und andere Güter umgeschlagen. Mit ihren stark schwankenden Wasserständen und dem mäandrierenden Flussbett stellte sich die Aller jedoch als unsicherer Transportweg heraus. „Erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde die Schifffahrt auf der Aller mit neuen technischen Möglichkeiten der Dampfschleppschifffahrt revolutioniert“, berichtet eine WSV-Sprecherin.

1907 entschied Preußen, den Fluss von Celle bis zur Leinemündung bei Schwarmstedt auf rund fünfzig Kilometern mit Staustufen auszubauen – in Oldau, Bannetze, Marklendorf und Hademstorf. In seinem weiteren Verlauf wurden Buhnen und Leitwerke gebaut, um in der Mitte eine Mindestwassertiefe zu halten. Der Ausbau lohnte sich schon bald mit dem Boom der Erdöl- und Kaliindustrie im Allertal. Zur Blütezeit der Aller-Schifffahrt in der frühen Phase des 20. Jahrhunderts wurden bis zu 130.000 Tonnen Fracht im Jahr transportiert.

Nach dem Ersten Weltkrieg ließ das Interesse an der Aller wegen des eingebrochenen Außenhandels, der stagnierenden Kaliproduktion und rückgängigen Wietzer Ölförderung sowie des Baus des Mittellandkanals nach. 1969 kam die gewerbliche Schifffahrt ganz zum Erliegen.

In den 1980er Jahren gab es noch viel Ausflugsverkehr auf der Aller zwischen Verden und Celle – hier ein Bild vom Mai 1988. Quelle: Udo Heuer

Die Unteraller zwischen Celle und Verden blieb aber Bundeswasserstraße und wird bis heute schiffbar gehalten. Dabei fahren hier nur noch Sportboote und zwischen Celle und Winsen ein einziges Fahrgastschiff. Mitte der Neunzigerjahre gab es sogar die Überlegung, die Stauregulierung der Aller ganz aufzuheben. Nach umfangreichen Untersuchungen entschied der Bund 1997 im Einvernehmen mit dem Land, den Stau zu halten. Der in der Folge niedrigere Wasserstand der Aller hätte auch eine Absenkung des Grundwasserspiegels zur Folge gehabt, was nicht nur Auswirkungen auf die Ökosysteme der Alleraue, sondern auch auf die landwirtschaftliche Nutzung gehabt hätte. Es gab zudem Bedenken bezüglich des Hochwasserschutzes.

Bestandsgarantie für Schleusen

Für die Schleusen und Wehre gibt es seitdem eine Bestandsgarantie, die so lange gilt, wie die rund 100 Jahre alten Bauwerke durch Sanierung erhalten werden können. Die Wehranlagen Bannetze und Marklendorf wurden Anfang der Zweitausenderjahre durch Schlauchwehre ersetzt. Für die anderen beiden Wehre werden zurzeit Lösungsvarianten erarbeitet. Bund, Land, Anliegerkommunen, Angler, Wassersportler und der Naturschutzbund Nabu haben für den Fluss eine neue Rolle gefunden: Die Aller wird als Teil des Blauen Bandes zum ökologisch aufgewerteten Freizeitgewässer. Sie soll Vorbild für die Neuorientierung von Bundeswasserstraßen sein, die nicht mehr für den Güterverkehr genutzt werden.

In den 1920er Jahren gab es Versuche mit verschiedenen Buhnen zur Befestigung der Aller, hier bei Ahlden. Quelle: Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (Archiv)

Als Flora-Fauna-Habitat (FFH-Gebiet) steht praktisch das gesamte Allertal inzwischen unter Natur- oder Landschaftsschutz. Naturschützer haben schon damit begonnen, Altarme der Aller wieder mit dem Fluss zu verbinden. In Verden soll es nun mit dem Start des Auen-Programms „Aller-Vielfalt“ in großem Stil weitergehen. Dort wird zunächst ein verlandetes Flussbett wieder aufgegraben, um die Verbindung mit dem Nebenarm Alte Aller wieder herzustellen. „Das ist schon genehmigt“, sagt Thomas Arkenau von der Naturschutzbehörde. Auch habe der Kreis bereits den Kauf eines Ackers vorbereitet, um ihn in Grünland umzuwandeln und Tümpel anlegen zu können.

Aller bei Verden: Hier ist die Alte Aller, ein Nebenarm (früher Hauptstrom der Aller) bei Verden zu sehen. Vom örtlichen Angelverein initiiert besteht für den Wiederanschluss der Alten Aller bereits eine Genehmigung, so dass diese Maßnahme als eine der ersten im Projekt umgesetzt werden könnte. Quelle: Wolfgang Kundel/Nabu

Ansonsten sind die ersten drei Jahre des Verdener Projekts für eine gründliche Potenzialanalyse vorgesehen. Viele Ideen haben Landkreis und Nabu bei der Bewerbung vorgetragen. Geprüft wird nun, wo sie am besten umgesetzt werden, ohne beispielsweise der Landwirtschaft zu sehr in die Quere zu kommen oder den Hochwasserschutz zu gefährden. Eine Fahrrinne für Motorboote soll bleiben. „Aber wir brauchen wieder viel mehr naturnahe Ufer“, sagt Rocco Buchta, Flussexperte beim Nabu. An verschiedenen Stellen sei es sinnvoll, die Befestigungssteine durch Kies zu ersetzen. Dort könnten wieder Flachwasserbereiche entstehen, in denen sich Krebse und Muscheln wohlfühlen. Barsch und Hecht fänden Deckung, auch Aland und Quappe würden sich vermehren.

Gute Bedingungen für Seeadler und Storch

„An der Havel sehen wir, wie die Population vieler Arten geradezu explodiert“, berichtet Rocco, der dort ein vergleichbares Nabu-Projekt leitet und den Kreis Verden berät. Auwälder, die von Natur aus etwa 15 Prozent des Allerufers säumen müssten und die demnächst wieder angelegt werden, führen zu Beschattung und bilden Humus. Die mit dem Hauptstrom neu verbundenen Altarme wiederum böten Insekten, wie der Eintagsfliege, gute Bedingungen. Von den Insekten profitierten dann See- und Teichfrosch und Vögel wie Rotmilan, Fisch- und Seeadler, Störche und Reiher.

Da der Aller wieder mehr Überflutungsflächen zurückgegeben werden, müsse niemand Angst vor mehr Hochwasser haben, versichert der Flussexperte. „Das läuft in der Aue ab.“ Auch bei den Anrainern südöstlich des Landkreises Verden, im Heidekreis und dem Landkreis Celle, werde sich die Renaturierung nicht negativ bemerkbar machen. Im Gegenteil: Eine wachsende Zahl wieder aufstrebender Arten werde ihren Lebensraum flussaufwärts ausweiten.

Seit 2015 haben die Akteure die Grundlagen des Projektes abgestimmt. Der Kreis Verden ist beim Naturschutz auch früher schon Vorreiter gewesen. Anfang der Neunzigerjahre ließ er Ufer der Wümme aufwändig renaturieren. Damals habe sich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Landwirten entwickelt, die gegen Entschädigung Flächen einbrachten oder tauschten, berichtet Arkenau. „Das ist eine Erfolgsgeschichte.“ Unter anderem fühlten sich Meerforelle und Neunauge, aber auch der Lachs, wieder wohl. Landwirte, die vorher skeptisch waren, hätten später gesagt: „Gut dass wir das gemacht haben.“ Denn in den Hochwassergebieten am Fluss hätten sie sonst Mais angebaut.

Die Bekassine soll zu den Gewinnern des Auen-Programms gehören. Quelle: Bärbel Rogoschik

Im Vorfeld des Aller-Auenprojekts hat sich eine Gruppe Verdener Bauern an der Havel das dortige Nabu-Projekt zeigen lassen. Vorbehalte gab es allenfalls dagegen, dass der Naturschutzverband Flächen an der Aller aufkaufen könnte – in der Folge wird das der Landkreis direkt übernehmen. Auch die Federführung des Programms liegt bei der Behörde. „Aber jede Entscheidung wird einvernehmlich getroffen“, hebt Arkenau hervor, der Kreistag werde ebenfalls einbezogen. Die Beteiligten sind zuversichtlich, dass die Aller einen guten Weg nehmen wird.

Von Gabriele Schulte