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Der Norden Bahntester prüft Zuverlässigkeit der Züge
Nachrichten Der Norden Bahntester prüft Zuverlässigkeit der Züge
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19:07 14.08.2018
Günter Voß auf dem Hauptbahnhof Hannover: „Die Bahn bleibt mein Hobby.“ Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Günter Voß ist noch einmal aufgebrochen – zu seinem „allerletzten Bahntest“, wie er selbst sagt. Seit 33 Jahren testet der pensionierte Polizist Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Service der Bahn. Bevor er Ende Oktober 80 Jahre alt wird, will er es nun noch einmal drei Monate lang tun. „Mit über 80 würde mich keiner mehr ernst nehmen“, sagt er und meint das nicht als Scherz. So geht Voß jetzt wieder an jedem zweiten Tag von seinem Heimatort Seesen aus auf die Reise und schreibt alles ganz genau auf: Ob der Zug pünktlich kam und wenn nicht, ob er seine Verspätung unterwegs aufgeholt hat. Ob bei Verspätung das Personal darüber informiert hat, welche Anschlusszüge erreicht werden, und ob das dann auch eintraf. Die Fahrten unternimmt Voß auf eigene Kosten. Für den Testzeitraum hat er sich eine Probe-Bahncard 100 gegönnt. Er versteht sich als „Anwalt der Fahrgäste“.

Mit seiner dunkelblauen Weste und dem Elbsegler mit ICE-Sticker könnte man den Mann beinah für einen Lokführer halten. Zum Treffen mit der HAZ vor der Anzeigetafel am hannoverschen Hauptbahnhof erscheint er eine Minute vor der vereinbarten Zeit. „Knapp kalkuliert, aber man muss der Bahn auch mal vertrauen“, sagt der Seesener und lacht. Auf der Fahrt von seinem Wohnort am Harz mit Umsteigen in Kreiensen hat diesmal alles geklappt. Doch Voß wäre nicht Voß, wenn er sich mit unproblematischen Fahrten einfach zufriedengäbe. Von den elektronischen Zugankündigungen in den Bahnhofshallen sucht er sich stets die heraus, die eine große Verspätung versprechen. Diesmal ist ein Intercity nach Berlin 55 Minuten im Verzug. Grund sei eine Bremsstörung, die in Osnabrück gemeldet wurde, verrät eine Bahnmitarbeiterin am Info-Schalter. Für Voß ist sofort klar: Der Zug muss deshalb erheblich langsamer fahren.

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Der Bahntester ist kein notorischer Nörgler

Der Bahntester ist kein notorischer Nörgler. Als langjähriger Bahnfan hat er sich nicht nur in Kursbücher vertieft, sondern sich auch Fachwissen angeeignet. Er hat Lokführern auf dem Triebkopf zusehen können und Bahnbücher studiert. In den 33 Jahren, in denen er die Bahn testet, habe es in technischer Hinsicht beeindruckende Fortschritte gegeben. Der ICE 3 mit seinem auf mehr als 300 Kilometer pro Stunde angelegtem Tempo begeistert ihn ganz besonders. Ein großes Problem ist nach Ansicht des Bahntesters aber, dass kaum noch Lokführer gelernte Schlosser seien: „Wenn unterwegs ein Schaden auftritt, können sie den nicht mehr selbst reparieren.“ Statt dessen müssten von weit her Techniker anrücken, was oft sehr lange dauert.

Statt für den verspäteten IC nach Berlin entscheidet sich Voß an diesem sonnigen Vormittag erst mal für ein Eis an der frischen Luft. Von den Städten, die er quer durch die Republik aufsucht, hat der 79-Jährige kaum mehr als Bahnhofsgebäude und Vorplätze kennengelernt. Der Weg ist das Ziel, und das Budget für Konsum begrenzt. 10 Euro pro Reisetag bewillige er sich, erzählt Voß. In puncto Verpflegung hat er seine Favoriten. Die Eisdiele in Hannover gehört dazu. Noch lieber steuert er Düsseldorf an: „Das ist der einzige Bahnhof mit Reibekuchen.“ Cola-Flaschen steckt der Dauerreisende schon morgens zu Hause in die schwarze Aktentasche.

Wie kommt einer auf die Idee, Bahnstörungen zu sammeln? Voß erzählt davon, wie er gegen Ende seiner Dienstzeit als Polizeioberkommissar in Seesen nach einer sinnvollen neuen Aufgabe Ausschau hielt. „Bahnfahren satt hatte ich vorher schon zum Ärger meiner Frau drei Urlaubswochen lang ausprobiert und dabei auch den Betriebsablauf überprüft“, berichtet er. Er sei schon immer begeistert davon gewesen, wie gut das Netz des öffentlichen Verkehrs in Deutschland ausgebaut sei – von bedauerlichen Abstrichen in der Provinz mal abgesehen. Statt nur aus dem Fenster zu gucken und die Landschaft zu genießen, bemühte sich Voß fortan, die Bahn zu verbessern. Seine Beobachtungen stellt er dem Unternehmen zur Verfügung; wobei er nicht erfährt, welche Schlüsse die Bahn daraus zieht.

Mit versteckter Kamera im Zug

Zeitweise konnte er so sogar Geld verdienen. Für einzelne Testphasen zahlte die Bahn, einmal ein ganzes Jahr lang. In dieser Zeit hatte Voß den Auftrag, das Personal an Bord im Auge zu haben. „Da war eine Reinigungskraft dabei, die es sich von Wolfsburg bis Bielefeld in der ersten Klasse bequem gemacht hat“, erinnert er sich. Doch das sei lange her. Seit er mal mit einem Fernsehteam und versteckter Kamera in Zügen aktiv war, habe das Unternehmen ihn nicht mehr angeheuert.

Von solchen Methoden sagt Voß, habe er sich ganz schnell wieder verabschiedet. Ihm liege das Wohl der Bahnfahrer am Herzen. „Der Bahnkunde erwartet zu Recht, dass sein Zug pünktlich fährt“, meint er. Wobei man über fünf Minuten Verspätung dann hinwegsehen könne, wenn nicht eine von der Bahn oft zu knapp berechnete Anschlussverbindung gefährdet sei. Für besonders wichtig hält der Bahntester die Information, auch über den Grund der Verspätung. In dieser Hinsicht liege noch vieles im Argen: „Oft wissen selbst die Mitarbeiter im Zug nicht richtig Bescheid.“ Da werde gern mal ein wartender Anschlusszug versprochen, der einem dann doch vor der Nase wegfährt. Auch sehr volle Züge an Freitagen und Sonntagen ärgern den Bahntester: „An diesen Tagen wäre eine Reservierungspflicht wie im französischen TGV gut.“ Sehr erfreulich sei dagegen, dass die Zugbegleiter inzwischen sehr freundlich und zuvorkommend mit den Fahrgästen sprächen. Entsprechende Schulungen würden offenbar Früchte tragen. Auch an den nach und nach hinzugekommenen privaten Bahnbetreibern und dem Nahverkehr insgesamt hat Voß wenig auszusetzen.

Nach dem Eis am Hauptbahnhof Hannover wählt er den Zug nach Berlin. Von da geht es weiter mit einem ICE Richtung München. Der kommt, wie er später berichtet, in Halle noch pünktlich an. „Da stand er sechs Minuten über die normale Zeit auf dem Bahnhof rum, und es kam keine Durchsage.“ Überraschend sei der Zug dann statt über Erfurt über Naumburg weitergefahren. Ein recht gewöhnlicher Tag für Tester Voß. Um 22.20 Uhr ist er zurück am Heimatbahnhof Seesen; seine Frau hat ihn diesmal nicht mangels nächtlicher Verbindung aus Braunschweig oder Göttingen abholen müssen.

Vor fünf Jahren hatte Voß schon einmal vor, einen letzten Bahntest vor seinem damals 75. Geburtstag zu absolvieren. Vor dem 80. soll es nun die wirklich allerletzte Tour in dieser Mission werden. Zugfahren will der Pensionär weiterhin, mit einer Bahnzeitschrift als Lektüre. Er sagt: „Die Bahn bleibt mein Hobby.“

Von Gabriele Schulte

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